Progelogter Epi

58 2 2
                                        

Als Hainer am Morgen das Haus verließ, war ihm noch nicht klar, dass er das letzte Mal seine Stacheln geschrubbt hatte, eine Fliege verspeiste und seiner Frau den Buckel runter rutschte.
"Diese fundamentalistischen Eichhörnchenfanatiker! Wenn der Rat nicht bald einschreitet werden die anfangen das Ackerland zu belagern, dann ist hier aber richtig was los." Es ist zum Ritual geworden, dass Hainer und seine Frau solange am Morgen diskutieren, bis einer das Haus verlässt um seinen Tätigkeiten nachzukommen.

"Du bist heute ja erstaunlich optimistisch, kein Wort von Erhängen, Igelfleischsalat und Trüffelminen?" Hainer ging das ständige Armageddonbeschwören seiner Frau tierisch auf den Stachel. "Die paar Spinner können doch nichts ausrichten. Seit jeher gehört das Ackerland, noch bevor es so genannt wurde, zu Wacholderhain und damit zum VIN. Wir haben Rückendeckung aller freien Igelstätten und du weißt, dass Eichelrast dem nichts entgegensetzen kann." Sie öffnete ein Auge. "Ja, das ist mir soweit bewusst, doch selbst wenn die VIN Eichelrast bezwingen, werden wir die ersten sein, die von den Truppen angegriffen werden. Wir wohnen am nächsten am Ackerland. Und was nützt es uns, wenn der Rat Eichelrast einnimmt und unsere Gebeine schon verrottet sind? Ich möchte nicht in einem Käfereintopf als Gewürzmittel landen. Du weißt, wie sehr Eichhörnchen auf Igelstachel stehen. Ihre Schwänze werden dadurch ganz hart im Innern und flauschig von außen und das ist bei diesen Perverslingen ein Schönheitsideal!" In diesem Punkt musste Hainer ihr recht geben. Eichhörnchen waren unglaublich eitel, wenn es um ihr bestes Stück ging. Sie haben ganze Salons errichtet, nur damit das Fell immer flauschig und weich war und verlangten dafür Mörderpreise. Gerüchten zufolge soll es schon eine durchorganisierte Eichhörnchenschwanzfellmafia geben...

Auch in dem anderen Punkt hatte sie recht, bis zum Ackerland war es eine gute halbe Wegstunde von ihrem Zuhause und Eichhörnchen waren für gewöhnlich flink und würden den Weg in der Hälfte der Zeit schaffen. Trotzdem war es abwegig... "Eichelrast hat den VIN seine Neutralität ausgesprochen, selbst in der Baufrage. Natürlich bedauern sie die Entscheidung, aber verstehen sie aus sozialpolitischen Aspekten voll und ganz. Bäume für Eichhörnchen gibt es genug, Igelhöhlen zu wenig. Es war doch schon ein Freundschaftsdienst, dass Bewohner von Eichelrast, unter strengen Sicherheitsvorkehrungen, das Ackerland betreten durften. Würde dort eine Horde Demonstranten auftauchen, schlägt die Igelpatrouille sofort Alarm und die VIN riegeln alles in unsere Richtung ab. Was wollen 20 Eichhörnchen gegen 150 voll ausgebildete Igelschützer ausrichten?" Hainer lachte, weil er wusste, dass die Igelschützer seit der Gründung der VIN nach und nach vernachlässigt wurden. Stattdessen wurde auf eine Spezialeinheit, "VATO", gesetzt. Die Vereinigte Anti-Terror-Organisation war ein Stoßtrupp von ca. 80 Igeln, die innerhalb kürzester Zeit in jede Igelstätte transferieren könne. Die Igelschützer waren dagegen nur noch ein Säuferverein für freiwillige Höhlenlose, ausgestattet mit zu vielen Fördergeldern und zu wenig Organisation. Ein bildungsresistenter Haufen eingegangener Igelrestteile würde als Beschreibung eher dienen als eine Organisation, die sich dem Schutz von Wacholderhain verschrieben hat. Würden sie wirklich beschützen, wäre der entstandene Schaden in eine solche galaktische Höhe gestiegen, dass man sie mit der einfachen, aber wichtigen Aufgabe der Wegreinigung vertraut machte. Seitdem war der inoffizielle Leitspruch der Igelschützer "Lieber sterben, als den Milben unterwerfen" und dem gingen sie mit einer solchen kleinkindlichen Freude nach, dass man sie auch spaßeshalber "Die Kleinen Schmutzigen" nannte.

"Du weißt doch selbst gut genug, dass es keine 20 Demonstranten sind. Es soll ein Viertel von Eichelrast zu den Demonstrationen gehen und die Unabhängigen sollen auch dabei sein." Langsam wurde es Hainer zu bunt. "Die Unabhängigen richten sich gegen vorherrschende Ungleichgewichtsverhältnisse in Eichelrast. Sie waren schon immer Gegner des Ackerlandes, weil sie den Fundamentalismus nicht stützen wollen." Er schrie sie schon fast an. "Ach, und wer hatte damals die Eicheln auf dem Ackerland wieder ausgegraben? Das waren nicht die Fundamentalisten, sondern die Unabhängigen. Du solltest aufhören deine Pfote für diese Anarchisten ins Feuer zu legen!" Sie schmetterte diese Worte im so derb an den Kopf, dass ihn leichter Schwindel befiel. Es tat gut, wenn sie ihn anschrie. Dadurch wurde das Aufstehen leichter. "Ach Schatz, ich muss los. Es sollen ein paar VATOs in der Stadt sein und die wollen doch zum besten Stachelspitzer der Union." Ein Glück verlief die Diskussion heute recht kurz. Da sie immer gleich endete, erwiderte Hainers Frau nichts weiter, sondern rüffelte nur kurz die Nase. Diese Gelegenheit nutzte Hainer, um einen Stachel ihr tief in das Nasenloch zu rammen. Bei jedem anderen Tier wäre jetzt hier die Rede von Blut, Hirn und Tod, bei Igeln ist das jedoch ein Ritual der etwas anderen Art...

***

Als Hainer sich auf den Weg machte, fühlte er sich regelrecht gut. Die Entlohnung bei VATOs fiel immer sehr gut aus, die Diskussion am Morgen verlief kurz und pikant, die andere Tätigkeit hat ihren Zweck wie immer erfüllt. Dazu kam ein leichtes Tauwetter, es war kalt in der Nacht. Die Sonne glitzerte auf den Wassertropfen, als er in Richtung Ackerland ging. Bei einem solchen Wetter, konnte einem nichts die Laune verderben. Er erklomm einen kleinen Erdhaufen, über den man bis zum anderen Ende des Ackerlandes sehen konnte, obwohl es noch eine gute viertel Wegstunde bis dahin waren. Die Igelpatrouillen bezogen eben ihre Stellungen. So wie es aussah, sollte heute wieder eine Demonstration stattfinden. Wo normalerweise fünf Wächter patrouillierten, standen heute acht, soweit Hainer das erkennen konnte. Aber da Eichhörnchen für gewöhnlich Langschläfer waren, hatten sie bislang nichts zu befürchten.

Der Anführer der VATOs war für Igelverhältnisse ein Hüne sondergleichen. Groß wie ein ausgewachsener Deutscher Rammler, Stacheln, so groß wie Wildschweinborsten und ein Gesicht wie eine Dogge nach einem Bratpfannenunfall. Skurril blieben dabei aber die kleinen Schweinsaugen, die böse auf Hainer hinab schauten. "Du bist also der Stachelspitzer? So, so." Eine Stimme wie nasse, quietschende Fahrradbremsen. Diese ganze Gestalt, die sich selbst "der Igelnator" nannte, war irgendwo eine Mischung aus einer Planierraupe und einem Abflussrohr. Hainer schluckte, als der Riese sich über ihn beugte. Obwohl er in seiner Stellung als eine Art Rüstmeister nichts zu befürchten hatte, jagten ihn diese lebenden Schränke immer Angst ein. Waren die Stachel nicht spitz genug, hatte es zu sehr gezwickt oder riss er einen sogar heraus, fürchtete er die Konsequenzen, doch bis auf ein paar Knuffe oder ein spitzes Wort passierte bislang nichts.

Hainer setzte seine Zähne an den ersten Stachel des Igelnators an, als es plötzlich dunkel um ihn wurde...

Die Schlacht am WacholderhainHistorias para obsesionarse. Descúbrelo ahora