Er saß breitbeinig vor mir, die Stirn runzelte er und seine pechschwarzen Augen musterten meinen zierlichen Körper, während ich mit meinen langen Fingernägeln begann, in den roten Stoff meines roten Kleides zu kneifen. "Du solltest sie bald wieder schneiden", sagte er. Ich hoffte, meiner Anspannung nichts anmerken zu können. Mein Großvater war ein sehr strenger, sehr religiöser Mann. Aber sonst sagte er nichts. Bis er kurz aufstand und mit krummen Rücken zum Regal humpelte und mir eine Kette um den Hals legte. Das kalte Metall konnte ich ganz deutlich an meinem warmen Hals spüren und das Kreutz, an dem Jesus gekreuzigt wurde, war aus altem Holz geschnitzt. "Diese Kette ist ein Geschenk von mir. Es wird dich schützen, wenn du in Gefahr bist. Ich habe so das Gefühl...dass du sie sehr bald brauchen wirst", schnaufte er schließlich, als er sich wieder in den Sessel fallen ließ und mit seinen großen, kräftigen Händen über sein Bart fuhr. Da funkelten - nachdem er dies gesagt hatte - meine Augen, angeblich, wie Diamanten, die aufgetürmt in einer Schatztruhe ruhten und nun entdeckt wurden. So erzählte es mir meine Mutter immer und Großvater, der in seinem Leben selten lacht, muss dann immer lächeln. Er tat es auch, als ich aufgeregt fragte: "Heißt das, ich darf mit auf die Klassenfahrt"? Und als Großvater lächelnd nickte, so sprang ich wie ein aufgeschrecktes Häschen in diesem Raum hin und her, solange, bis meine Mutter - eine wunderschöne, schlanke Frau mit hellbraunen Wellen und einem Kleid tragend, das Pastellfarben war - zur Tür kam und mich genauso wie mein Großvater, anlächelte. "Und? Darfst du mit auf die Klassenreise?", fragte sie schmunzelnd. ich nickte aufgeregt und machte noch einen Sprung, vor lauter Freude. "Und dir Vater? Geht es dir gut?", wollte meine Mutter dann noch wissen, doch er grummelte nicht, wie eigentlich jedes Mal, wenn er gefragt wurde. Nur dieses Mal war es fast so, als hätte sich die Welt - in diesem Augenblick - auf den Kopf gestellt. Er lächelte noch vergnügter, als vorher und erhob seine Tasse, wo Tee hin und her schwappte und dann sagte er mit freudigem Unterton: "Mir ging es nie besser. Diese Reiserei hat meinen Knien und meinem Rücken irgendwann nicht mehr gut getan. Es ist gut, dass wir endlich ein Haus gekauft haben und hier nun eine Weile leben wollen"! Meine Mutter nickte. Ich wusste, sie liebte das Reisen und sie vermisste es in diesem Moment mehr als alles andere. Dennoch, war sie zum Teil auch glücklich, da sie in dem nahegelegenen Dorf viele Leute bereits kennengelernt hatte und sich gut mit ihnen verstand. Zudem, waren mein Großvater und ich, endlich auch zufrieden. Das Reisen war zum Teil auch sehr schön. Doch Großvater hat es seinen Knien nicht gutgetan und ich musste immer die Schule wechseln und manchmal wurde ich sogar von meinem Großvater unterrichtet, der mich allerdings hauptsächlich die Religion gelehrt hatte. So hatte ich kaum Freunde und ich hoffte, dass sich dies nun ändern würde.
Und wie sich herausstellte, war dem auch so. Ich hatte es im Inneren gespürt, als ich ihr gegenüber stand und in ihre großen, grünen Augen starrte. Ich bewunderte ihre weichen, langen und braunen Haare, die sich an ihrem hellblauen Kleid schmiegten, bei jeder Bewegung. Sie hatte eine Aura, die mich gleich beruhigte. Im Zug dann, saß sie neben mir und ihr Name war Freny. "He! Warum gibst du dich eigentlich mit diesem Weib ab? Sie ist doch ein graues Mauerblümchen!", höhnte plötzlich ein Junge, mit dunkelbraunen, fast schwarzen Haaren, der gehässig grinste und auf mich zeigte. Doch Freny, die sich immerzu für außenstehende einsetzte, wie es mir schien, richtete sich sofort auf und stellte sich vor mich, breitbeinig und mit genervten Blick und dann sagte sie: "Lass uns in Ruhe, Chester. Es ist ziemlich feige, als Junge bloß auf Mädchen loszugehen und auf dessen Schwäche zu zeigen. An deiner Stelle würde ich erstmal die eigenen Probleme glatt bügeln"! Da stutze der Junge kurz und wandte seinen Blick, angewidert davon, dass ihn ein Mädchen verbal überlegen war, ab. "Ach was! Es ist dein Problem, wenn du dich immer wieder mit Außenseitern abgibst, dann wirst du halt selber einer", nörgelte er schließlich und streckte wie ein Baby die Zunge raus, bis er dann verschwand. "So ein Idiot", seufzte Freny und wandte sich zu mir. Ich musste mich anstrengen, um meine Tränen nicht loszulassen und gleichzeitig bildete sich ein Klos in meinem Hals, wo ich dachte, ich würde dran ersticken. "Mach dir nichts draus, Ellie. Er kann es nur nicht leiden, wenn sich nicht wirklich jeder um ihn kümmert. Er braucht immerzu Aufmerksamkeit, wie ein kranker Säugling", versuchte sie mich zu trösten. Freny konnte gut trösten. Ich war mir sicher, dass sie irgendwann Kinderärztin oder etwas ähnliches wird. Da konnte ich nur nicken und versuchen, wieder zu lächeln.
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Puppenblut
HorrorEndlich. Ellies erste Klassenreise. Seit ihrer Geburt war sie mit ihrer Familie ständig auf Reisen, weswegen sie nie wirklich Freunde hatte und immer wieder die Schule wechseln musste. Und schließlich war es soweit und sie hatte die Gelegenheit, wie...
