Es war ein trocken-heißer Sommertag und eine drückende Hitze lag trotz der frühen Stunde über der ewigen Stadt am Tiber.
Seit Wochen hatte es nicht geregnet und der staubige Luft machte das Atmen schwer.
Doch das kümmerte in dem kleinen Haus in der Subura an diesem Tag niemanden. Dort hatte man ganz andere Probleme. Aurelia, bereits Mutter von zwei kleinen Töchtern und wieder hochschwanger, erwartete die Geburt ihres dritten Kindes.
Eilig kamen die Hebammen aus allen Richtungen herbeigelaufen und verschwanden in einem Zimmer im oberen Stock des Hauses, in dem sich Aurelia befand.
Gaius Iulius Caesar, ihr Ehemann, tigerte währenddessen unruhig umher und versuchte sich von markerkerschütternden Schreien, die nun zu hören waren, abzulenken, indem er seinen beiden Töchter Iulia maior und Iulia minor beim Spielen im Garten zusah.
Seine Gedanken schweiften ab:
Seine Familie lebte in diesem, für patrizische Verhältnisse kleinem, Haus in der Subura, das seiner Familie, den Iulii Caesares nun schon seit über einhundert Jahren gehörte, und waren damit eine der letzten verbliebenen Patrizierfamilien.
Einst war die Subura am Fuße des Viminals ein blühendes Viertel gewesen, in dem vor allem Mitglieder der römischen Oberschicht wohnten.
Doch nach und nach drängten immer mehr Arme und besitzlose Bauern nach Rom, eine Insula nach der anderen wurde gebaut und das Viertel verkam.
Viele der reichen Einwohner zogen weg, meinstens auf den Palatin, doch die Iulii Caesares blieben.
Es war nicht einfach, als Patrizier zwischen lauter Armen zu leben, in einem Stadtteil, der für seine vielen Bordelle und schäbigen Tavernen bekannt war, und in dem in der Nacht das Rumpeln der Räder auf den grobgepflasterten Straßen so laut war, dass es einem den Schlaf raubte.
Doch es hatte auch Vorteile: Nirgendwo sonst in Rom war man einer so großen Masse von Wählern so nah wie hier.
Und das war entscheidend, wenn man eine Chance auf eine politische Karriere in Rom haben wollte, so wie Gaius Iulius Caesar, und hoffentlich auch sein Sohn, sie machen wollten.
Da war es wieder, das Problem:
Nach zwei Töchtern wäre die Geburt eines Sohnes wichtig, um die väterliche Linie der Iulii Caesares zu sichern...
Eine neue Art von Geschrei riss Caesar den Älteren aus seinen Gedanken: Statt eines erneuten Schnerzensschrei seiner Frau ertönte nun das krähende Kreischen eines Neugeborenen. Caesar sprang auf, und stürmte die steinerne Treppe hinauf.
Dort trat gerade eine grauhaarige alte Hebamme, die der Familie schon seit langem vertraut war, aus der Tür und legte dem frischgebackenen Vater vorsichtig ein kleines , in weiße Tücher gewickeltes, Bündel in die Arme.
Er holte tief Luft und wollte gerade ansetzten, doch sie stoppte ihn, indem sie kurz die Hand hob, ihm dann zunickte und lächelte.
Sein Herz machte einen Sprung.
Er war soeben Vater eines Sohnes geworden!
Erst jetzt traute er sich, das weiße Bündel in seinen Armen genauer zu betrachten. Vorsichtig blickte er hinunter und sah direkt in zwei große, tiefschwarze Augen. Für einen Augenblick sahen sich Gaius Iulius Caesar der Ältere und Gaius Iulius Caesar der Jüngere tief in die Augen.
Dann machte der Kleine die Augen zu und schlief, dicht an ihn gekuschelt, ein.
Durch die halb geöffnete Tür blickte er zu seiner Frau, die die ganze Szene mitangesehen hatte.
Auch sie lächelte - zwar erschöpft - aber sie lächelte.
In diesem Moment setzte draußen der lagersehnte Regen ein.
Große Tropfen fielen auf Dächer der Häuser und Tempel; Rinnsale, erst kleine, dann immer größere, rannen über die groben Pflastersteine und spülten all den Staub und Schmutz der vergangenen Wochen aus den Straßen.
Der Himmel war vollständig mit großen dunklen Wolken verhangen und die Hitzeglocke, die eben noch über der Stadt gehangen hatte war schlagartig verschwunden.
Ganz Rom schien einmal tief durchzuatmen.
Nur an einer Stelle riss der Himmel auf und ein hellleuchtender
Komet ging auf.
Er sollte 55 Jahren später noch einmal erscheinen, um einer Seele den Weg in den Himmel zu weisen.
Doch nun verkündete er erst einmal den Beginn eines neuen Lebens:
Das, des späteren Politikers und Feldherrn
Gaius Iulius Caesar.
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Tiber
Fluss, der durch Rom fließt
Subura
Heruntergekommenes Viertel am Viminal.
Viminal, Palatin
zwei der sieben Hügel Roms
Insula, Pl. Insulae
mehrstöckige, oft baufällige Mietskasernen, in denen die Armen in sehr kleinen, engen Wohnungen lebten.
Gaius Iulius Caesar der Ältere
* um 135 v.Chr., † 85 v.Chr.,Vater des berühmten Feldherrn und späteren Diktators Gaius Iulius Caesar
Iulia maior & minor
Iulia die Ältere & Iulia die Jüngere
Patrizier
Mitglieder der adligen römischen Oberschicht
Iulii Caesares
patrizischer Zweig des Geschlechts (=Gens) der Iulier
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Caesar
Historical FictionEine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte, jeder kennt ihn: Gaius Iulius Caesar. Aufgewachsen in eher bescheideneren Verhältnissen, trotz seiner patrizischen Abstammung Popular und erfolgreich wie kaum ein anderer zu seiner Zeit. Trotzd...
