An dem Tag, als ich geboren wurde, war allen klar, dass ich anders sein würde.
Welches Baby hatte schon drei Tage nach der Geburt einen feuerroten Flaum Haar auf dem Kopf? Meiner Familie und den anwesenden Krankenschwestern war das jedenfalls noch nie zu Augen gekommen und so wurde ich Scarlet getauft.
Scarlet kommt vom lateinischen Wort Scarlatum und meinem Vater, dem passionierten Lateinfanatiker, war das natürlich ganz recht. Meiner Mutter reichte es, dass es übersetzt soviel wie scharlachrot heisst.
So gab sie sich mit der Wahl meines Vaters zufrieden, bestand aber drauf, meinen zweiten Namen zu bestimmen. Ich sollte die Geschichte während meiner Kindheit oft zu hören bekommen, wie meine Mutter etliche Namesbücher studiert hatte und doch nicht fündig wurde und meinem Vater langsam die Haare ausfielen vor Ungeduld.
Und als dann mein Vater endgültig die Nerven verlor und anfing herumzuschreien und meine Mutter zurückbrüllte, trat eine Krankenschwester in Ausbildung ins Zimmer, nahm das kleine, schreiende Knäuel mit dem feuerroten Flaum auf dem Kopf in die Arme und versuchte, es zu beruhigen. Meine Eltern verstummten beide, sahen sich and und fragten die junge Frau nach ihrem Namen.
Und so verliessen sie das Krankenhaus mit mir, der kleinen Scarlet Aubree, und kehrten zurück in ihre furzenge drei-Zimmer-Wohnung.
Ich verweilte drei Jahre in meiner trauten Einsamkeit und dann kam mein Bruder auf die Welt. Aris Quinn hatte kein so rotes Haar wie ich, dafür war es kupferfarben. Meine Familie und die Krankenschwestern wunderten sich wieder darüber und meinem Vater, dessen Latein unerschöpflich schien - selbst heute noch - kam eine weitere Idee. Aeris für Kupfer wurde zu Aris umgeformt und meinem Bruder als Namen gegeben.
Um einem weiteren Rumgebrülle zu entkommen, schnappten sich meine Eltern einfach den nächsten Pfleger in Ausbildung und fragten ihn nach seinem Namen. Hans passte ihnen aber nicht und sie nahmen sich den nächsten zum Opfer. Und so wurde mein Bruder Aris Quinn getauft und ich war von nun an gezwungen, mit dieser schreienden Nervensäge mein Zimmer zu teilen. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es mich damals genervt hat.
Mein Haar fand Gefallen an dem stechenden Rot und beschloss, es zu behalten.
Mit einer roten Mähne auf dem Kopf und einem zweijährigen, kupferhaarigen Bruder auf dem Arm winkte ich der geizigen Wohnung zum letzten Mal, als wir in ein geräumiges Haus in der Nähe umzogen und ich kurz darauf zu meinem ersten Tag im Kindergarten anmarschierte.
Während Jungen und Mädchen auf Kriegsfuss waren für die nächsten Jahre, mochte ich Jungs und die Jungs mochten mich. Und ich mochte auch Mädchen und die Mädchen mochten mich. Ich mochte das Leben und das Leben mochte mich. So simpel war es damals und diese Erinnerungen reichen mir.
Ich schoss in die Höhe und auch das Haar von Aris beschloss, seine Farbe zu behalten. Wir waren die Geschwister mit den merkwürdigen Haarfarben und den umso seltsameren Namen. Und wir hätten nicht stolzer sein können.
Die erste Klasse rufte mich und bereits ein Jahr später kam auch Aris in den Kindergarten.
Meine Eltern hatten endlich ein wenig Ruhe und nutzten diese aus. Mein Vater erweiterte sein Lateinvokabular und meine Mutter verbrachte die Tage in alten Plattenläden und hörte sich ihre Beute dann Zuhause an und malte dazu ihre Bilder. Mein Vater war inzwischen Lateinprofessor geworden und meine Mutter ergatterte sich in einem Restaurant einen Nebenjob. Es sei halt hart, als Künstlerin durchzukommen, pflegte sie immer zu sagen und tätschelte dabei die Hand meines Vaters. Ihre Theorie wurde jedoch widersprüchlich, als sie ihre erste eigene Ausstellung in einer kleinen Galerie hatte als ich in der dritten Klasse war. Von da an wurden die Galerien grösser und sie kündigte ihren Nebenjob.
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Vom andern Ufer
RandomScarlets Vertrauen in das Gute in den Menschen hat sich immer noch nicht so ganz erholt, als sie Alby trifft. Obwohl sie immer noch nicht vollkommen im Reinen damit ist, was Reaktionen auf ihre Sexualität angeht, und wie man die Meinung anderer ein...
