Memories
- Ennis POV -
,, Jack, ich schwöre." Diese Worte verlassen tränengestickt meine Kehle. Nun sind sie ausgesprochen, doch der Kloß, der sich dadurch zuvor in meinem Hals gebildet hat verschwindet nicht. Noch immer halte ich unsere beiden mit Blut befleckten Hemden in meinen Händen und presse sie sanft an mein Gesicht. Der längst eingesogene Duft des Brokeback Mountain erreicht nun meine beiden Nasenflügel und frisst sich Stück für Stück in sie hinein. Gemischt mit unseren verkrusteten Lebenselixieren bildet dieser eine ausgezeichnete Kombination und plötzlich, ja, plötzlich fühle ich mich in die Zeit zurück versetzt, wo ich zum ersten Mal in deine Augen gesehen habe. Du bist mir aufgefallen, nicht nur, weil du den Job genauso wolltest, wie ich. Das erste, was mir auffiel, waren deine Meere von Augen und dein pechschwarzer Hut, welcher dein makelloses Gesicht ein wenig verdeckte. Ich fühlte mich sofort auf eine unerklärliche Art und Weise zu dir hingezogen, Jack du verdammter Mistkerl Twist. Doch all diese Grübelleien musste ich wohl, oder übel von jetzt auf gleich zurück in mein Hinterstübchen stecken, denn unser zukünftiger Chef taucht kurz darauf auf und ruft uns beide in sein Büro.
Weißt du das noch Jack? Es erscheint mir alles so furchtbar surreal, dass ich wirklich denke, ich befinde mich immer noch in einem Albtraum und werde jeden Moment von dir aus dieser unheimlichen Blase befreit, indem ich geweckt werde. Doch es ist wahr, wobei sich mein Herz noch immer nicht mit deinem plötzlichen Tod abfinden kann.
Was wohl in den letzten Stunden deines Lebens geschehen ist? Lureens Beschreibung stimmt mich nicht zufrieden. Ich vermute, dass irgendwelche Schläger dir auf gelauert haben, die Menschen wie uns hassen.
Ja, Jack, du hast richtig gehört! Jetzt wo es dafür reichlich zu spät ist, bekenne ich mich endlich dazu, dass ich dich liebe und das ich einer von euch bin. Scheiß was auf die Geschichte von Earl und Rich.
Ich wünschte, ich könnte es dir mitten in dein wunderschönes Gesicht sagen, doch alles, was ich tun kann ist: Deinen letzten Wusch zu erfüllen.
Mein Blick fällt zu dem einfachen Schrank, wo ich die wenigen Erinnerungsstücke von dir aufbewahre. Dort steht auch die Hälfte deiner Asche, denn die andere wird von deinen Eltern im Familiengrab beigesetzt. Morgen werde ich damit zum Brokeback fahren und sie über den See verstreuen, so wie es dein Wunsch gewesen ist, als das Thema in unseren Gesprächen mal fiel. Damals habe ich herum gescherzt und gemeint, dass du noch lange nicht den Löffel abgeben wirst. Dies ist erst ein paar Monate her.
Bei dem Gedanken an unser letztes Treffen verziehe ich schmerzhaft mein Gesicht zu einem Strich.
,, Ich halt das nicht mehr aus, Jack!" Nach diesen Worten bin ich in deinen Armen einfach zusammengebrochen. Nicht nur, weil mein Körper aus Erschöpfung all dem nicht mehr stand hielt. Nein, da gab es noch was anderes, was ich dir bis zu dem Zeitpunkt unseres Aufbruchs jetzt verschwiegen habe, da ich dein überaus großes Temperament nur zu gut kannte. Ich würde erst wieder im November Zeit für dich haben, da ich diese Arbeit dieses Mal nicht einfach so hinschmeißen konnte, auch, wenn ich es wollte. Alma hing mir schon mit den Unterhaltszahlungen für meine beiden Mädchen seit Monaten in den Kniekehlen. Wir waren zwar erfolgreich geschieden, dennoch sorgte ich um meine Töchter, so gut ich es eben konnte. Das war scheinbar damals der Auslöser für die Ereignisse danach. So, als hätte sich vor allem bei dir irgendwie ein Schalter umgelegt.
Jack, du fehlst mir so sehr!" Ohne, dass ich es merke sinke ich von dem großen Balast der Verzweiflung, welcher mein Herz nach und nach zu zerdrücken scheint in die Knie. Unsere Hemden lasse ich dabei allerdings nicht auf den schmutzigen Boden gleiten, aus Angst, sie könnten dadurch ernsthaft zu Schaden kommen. Noch immer halte ich sie wie einen Rettungsanker eng an mich gedrückt und spüre zudem auch, dass sich Tränen in meinen Augen sammeln und langsam aufsteigen.
Jetzt ist wohl der Punkt in meinem Leben gekommen, wo ich sagen kann, dass ich mich wirklich alleine fühle, so absurd das auch klingen mag. Klar, ich habe Jenny und Junior, aber nachdem ich ihnen einzelnd den wahren Grund für die Scheidung klar gemacht habe, scheinen sie sich mehr und mehr von mir abzuwenden. Nur Junior besucht mich ab und zu mal, doch diese wird auch bald mit ihrem eigenen Leben zu tun haben, da sie heiratet. Im zarten Alter von 19 Jahren. Hoffentlich macht sie dieser Kurt auch wirklich glücklich, denn sonst kann ich für nichts garantieren, Jack!
So und nicht anders ist der bisherige Teil meines Lebens verlaufen. Wieviele Tage, Wochen, Monate....eventuell auch schon Jahre? sind wohl inzwischen vergangen, seitdem ich durch die Postkarte von deinem Tod erfahren habe?
Nun ja, mein Zeitgefühl war noch nie das allerbeste gewesen, nur hat mich diese Tragödie so sehr in den Boden gestampft, dass ich es wohl endlich ganz verloren habe.
Vor einiger Zeit hing ich noch in irgendwelchen Bars ab und ging wieder, als diese schlossen, oder wurde von einigen Kerlen unsanft nach draußen befördert. In deiner Gesellschaft wäre mir so ein gewollter Filmriss niemals widerfahren.
Ich bin auch nicht mehr derselbe Ennis Del Mar, in den du dich damals verliebt hast, Jack. Du verdammter Mistkerl hast aus mir das Paradebeispiel eines lebendigen Skeletts gemacht. Meine Wangenknochen sind nicht mehr rund, sondern nur noch kantig und ich habe zuviele Kilogramm abgenommen.
Wenn du mich jetzt so sehen würdest, würdest du mich mit Sicherheit nicht mehr wiedererkennen.
Die ersten Tränen verlassen nun meine Augen und sickern in den blauen Stoff. Meine Zähne knirschen und mein Magen knurrt, doch das ist mir in diesem Moment vollkommen egal. Ich möchte weder jemanden sehen oder mich wieder wahllos betrinken. Alkohol hängt mir schon zum Hals raus, selbst ein einfaches Bier vertrage ich nicht mehr. Im Schneidersitz suche ich erstmal einen Halt, um wieder auf die Beine zu kommen, denn selbst das schaffe ich seit längerem aus eigener Kraft nicht mehr. Schlussendlich finde ich ihn an einem alten Stuhl, den ich eigentlich schon längst entsorgen müsste, doch du kennst mich, Jack. Wer so wenig hatte, wie ich als Kind, der spart sich sogar die Dinge, die längst auf den Sperrmüll gehören. Unter großer Anstrengung stehe ich schließlich auf und gehe erstmal in die kleine Küche, um mir etwas zu essen zu machen. Die Hemden habe ich zwischenzeitlich wieder dahin gehangen, wo sie hingehören.
Als ich schließlich den kleinen Kühlschrank öffne und nur eine Dose Bohnen darin vorhanden ist muss ich schmunzeln. Ich habe die Dinger damals wirklich gehasst. Vielleicht sogar mehr, als du. In dieser köstlichen Erinnerung verliere ich mich für eine ganze Weile, denn damals bin ich wirklich glücklich gewesen, obwohl ich es nur sehr selten zugegeben habe.
Plötzlich steigt in mir dieses unbeschreiblich große Verlangen zurück an den Brokeback zu kehren. So, als hätte ich dort etwas sehr wichtiges verloren oder vergessen.
Nur was? schießt es mir in den Kopf und als ich meine Augen für einen kurzen Moment schließe taucht wohl zum x-ten Mal dein Bild davor auf. Allerdings stehst du dieses Mal am See, den Rücken zu mir gewendet. Ein seltsames Gefühl macht sich in meinem Magen breit und mir wird schlecht. So sehr, dass sich dein Gemälde mit diesem plötzlichen Brechreiz vermischt. Ich habe in letzter Zeit wohl doch zu wenig gegessen. Mit letzten Kraftreserven öffne ich die Bohnendose. Sie jetzt großartig zuzubereiten, dazu fehlt mir leider die Kraft. Für Besteck leider auch. Deswegen esse ich einige der Bohnen direkt aus der Dose und muss sie gleich wieder auf den Boden spucken, da mein leerer Magen unter großem Protest dagegen rebelliert.
Verdammte Scheiße!, jagt es mir durch den Kopf, als ich die winzigen Kügelchen vor mir rollen sehe. Plötzlich wird mir schwarz vor Augen und eine unendliche Schwärze umschließt mich mit ihren Armen.
Was wird mit Ennis geschehen? Was denkt ihr?
