Kapitel 22

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Ihre Euphorie über den neu erworbenen Sinn war so schnell verschwunden, so plötzlich sie gekommen war. Jetzt wollte sie diese schrecklichen Eindrücke nur wieder loswerden. Sie wollte zurück in ihre Welt. Doch die blaue Welt waberte weiter in ihrem Kopf herum, es fühlte sich an, als würde sie träumen.

Sie drückte sich vom Gras hoch. Sie konnte das Gras sehen mit seinen blauen Wurzeln, die sich wie Wasserrinnsale in den Boden bohrten, aber es fühlte sich nicht an, als würde sie gehen. Viel mehr war es ein Schweben. Deshalb stand sie torkelnd auf den Beinen und auch zwei starke blaue Schemen, die Arme sein konnten, konnten sie nicht davon abhalten, zurück auf die Knie zu sinken.

Sie hielt sich den Kopf, denn das Sirren wurde lauter. Es mischte sich ein tieferes zu den vielen hohen Geräuschen, es hätte die Stimme eines Menschen sein können, aber für Gedanken hatte Mila gerade keine Zeit. Sie sorgte sich ganz um das, was sie wahrnahm. Die vielen Einflüsse auf einmal, die so seltsam waren, blau und schemenhaft, keine geraden Konturen.

Und alles strömte auf sie ein, voller Energie und Kraft. Wenn sie hier nicht gefangen wäre, das Summen nicht immer lauter würde und sie sich nicht so verloren fühlen würde, würde sie es viel-leicht sogar genießen. Es war fast ein wenig so, als würde sie in der Sonne liegen, auf der Wiese. Dann schien es oft auch so, dass sie wegen der wohligen Wärme geradezu zu schweben schien, dass sie sich so voller Energie fühlte.

Und mit einem Mal wurde das kreischende Surren und Pfeifen zu Liedern. Sie hörte klar und deutlich die Gesänge der Vögel. Und in dieser Welt passte alles zusammen. Es sang nicht jeder Vogel sein Lied, sondern es war ein gemeinsames Lied. Melodisch und angenehm. Lieder, wie sie Zuhause, wenn sie einen guten Barden gehabt hatten, oft gehört hatte.

Die Gräser wiegten sich dazu im Takt und die Bäume rauschten dazu. Der Bach gurgelte und alles fügte sich so wunderbar ineinander, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, warum es eben nicht auch schon so gewesen war. Wie im Flug war ihre Panik verschwunden. Nur die blauen Schemen waren noch unscharf, aber sie wurden auch nicht schärfer.

Sie machte die Augen auf und zu, aber statt dass sie nun scharfe blaue Schatten sah, sah sie farbige Umrisse der Bäume und der Wiese. Die Stimmen der Vögel klangen wieder unverständlich und durcheinander, das Gurgeln des Baches gliederte sich nicht ein. Sie hörte Portah neben sich.

„Mila? Geht es dir wieder besser?", fragte er ernsthaft besorgt um sie.

Erschrocken erkannte sie, dass sie noch im Gras kniete, die Stirn auf den Boden gepresst und sich mit den Händen die Ohren zuhielt. Sie richtete sich auf, ließ sich im Schneidersitz wieder neben Portah nieder und schüttelte erst einmal ihren Kopf. Jetzt wusste sie, was der sechste Sinn war und wie er sich anfühlte.

„Ja, jetzt schon.", beschwichtigte sie ihren Lehrer und war dabei noch beschäftigt, sich wieder an diese Welt zu gewöhnen, die so anders war.

„Du hast dich auf dem Boden gewälzt und immer wieder geschrien, es solle aufhören.", meinte Portah besorgt. Er musterte sie von oben bis unten, doch ihr fehlte nichts. Sie war nur ein wenig verwirrt und musste dringend ihre Gedanken ordnen.

„Wie kann ich kontrollieren, wann ich den blinden Sinn benutzen will und wann nicht?", fragte Mila. Es war die Frage, die sie am brennendsten interessierte, weil sie sich fast davor fürchtete, die Augen wieder zu schließen, wenn sie sie nicht mehr aufbekam.

„Das musst du lernen." Portah war nun endlich davon überzeugt, dass es Mila gut ging.

Sie blinzelte in die Sonne und ließ ihren Blick über die Natur schweifen. Es erschien ihr alles so perfekt im sechsten Sinn, aber dennoch so trostlos, da alles blau gewesen war. Und sie hatte sich nicht als Mensch gefühlt, sondern eher als ein kontrollierter Teil ihrer Umwelt. Als hätte sie kaum noch eigene Meinung.

FlammeWhere stories live. Discover now