Kapitel 3 Das blaue Land

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Wie in einer Gondel hängend, setzte sich dieses Schiff in Bewegung. Ohne einen Kapitän, der das Schiff lotste, fuhr es ganz von selbst. Nach geraumer Zeit kam uns ein anderes Schiff entgegen, das an einem anderen Seil hing und neben uns anhielt. Victor kletterte hinüber in das Schiff und hielt uns wieder seine Hand entgegen.

„Mit diesem Flogger fahren wir hinunter", erklärte er uns.

„Flogger", diese Dinger nannte er Flogger. Ich wollte aber auf gar keinen Fall in dieser Höhe das Flogger wechseln und bemerkte, dass dieses Schiff an einem Seil befestigt war, das senkrecht nach unten ging. Die Schiffe bewegten sich also waagerecht und senkrecht quer über den gesamten See. So konnte man von oben nach unten fahren, von rechts nach links und umgekehrt. Aber warum fuhren sie nicht einfach auf dem Wasser? Das konnte ich nicht begreifen. Ich würde Victor bei nächster Gelegenheit danach fragen.

Das Flogger wackelte sehr verdächtig, ohne dass wir uns viel bewegten, und ich traute mich nicht aufzustehen. Victor versicherte uns, dass nichts passieren würde, und hielt uns immer noch seine Hand entgegen. Andy nahm all seinen Mut zusammen und kletterte als erster zu dem anderen Flogger rüber, stand dabei aber nicht ganz auf, sondern zog sich halb im Liegen über die Kante. Er plumpste in das andere Schiff, das auch gleich wieder gefährlich zu wackeln begann. Mit all meiner Kraft krallte ich mich am Mast fest. Ich wartete so lange, bis sich das Flogger keinen Millimeter mehr bewegte, erst dann robbte ich wie Andy in das andere Schiff. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich war froh, heil auf dem anderen Schiff angekommen zu sein.

Langsam schaukelten wir hinunter und hatten einen Panoramablick über das gesamte blaue Land. Es gab kein Tageslicht und keine Sonne, ich sah weder Tiere noch Pflanzen. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich hier niemals leben könnte! Auch nicht, wenn Andy dabei war oder Mutti und Ina. Niemals könnte ich hier leben! Mir wurde etwas schwer ums Herz. Würden wir dieses Land, diese andere Welt, jemals wieder verlassen können?

Es kam mir immer noch so vor, als hätte ich nur einen spannenden Traum, der sich gleich in Luft auflösen würde, wie eine geplatzte Seifenblase.

Ein anderes Flogger kreuzte unsere Route. Ein kleinerer Zwerg mit einem Korb auf dem Schoß saß darin und schaute neugierig zu uns rüber. Er rief etwas zu Victor in einer Sprache, die ich noch nie vorher gehört hatte. Victor hob darauf seine Hand wie zu einem Gruß.

Ich nickte dem Zwerg freundlich zu, während Andy wie Victor seine Hand hob und ebenfalls grüßte.

„Wer war das, und was hat er gesagt?" fragte ich Victor neugierig.

Victor drehte sich zu uns herum und erklärte: „Das war ein ehrwürdiger Vierfinger. Er wollte wissen, ob du der Bursche bist."

Andy und ich nickten, so als wäre alles sonnenklar, dabei fragte ich mich schon die ganze Zeit, warum Victor mich immer den „Burschen" nannte. Als ich ihn fragte, warum er mich nur „Bursche" nannte, gab er mir eine höfliche Erklärung: „Vor zweihundert drei Jahren kam ein Unglück über unser blaues Land. Seit dieser Zeit warten wir auf den Burschen aus dem Zauberloch, der unser Land retten kann. Es gibt nur einen, der den Weg durch das Zauberloch findet. Die Ehrwürdigen sagen, dass es ein junges Wesen, ein Junge, ein Bursche aus einer anderen Welt sein wird, der mit der Sonne in seinem Herzen unser Land retten wird. Der Spiegel hat es ihnen gedeutet."

Ich konnte nicht glauben, dass diese Zwerge ausgerechnet auf mich so viele Jahre gewartet haben sollten, und fragte Victor: „Dann müsste das ja schon festgestanden haben, als ich noch gar nicht auf der Welt war. Selbst meine Mutter hat zu dieser Zeit noch nicht gelebt. Wie konntet ihr euch so sicher sein, dass mein Vater meine Mutter kennen lernen und das ich geboren würde?"

Darvin, und das Zauberloch nach anderswoWhere stories live. Discover now