Als ich die Tür vorsichtig aufdrückte, verschwand das grünliche Licht. Was blieb war Dunkelheit. Dennoch wagten wir den ersten Schritt, ohne zu wissen, was uns erwarten würde.
Es war so finster, dass man die Hand nicht vor den Augen sah, und bei jedem Schritt pochte mein Herz bis zum Hals.
„Wetten, wir stehen gleich wieder in deinem Zimmer", flüsterte Andy so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte.
Umständlich kramte ich die Taschenlampe aus meiner Jackentasche. Andy zuckte erschrocken zusammen, als ich sie anknipste. Das Licht der Lampe war nicht besonders hell, doch immerhin konnten wir sehen, wo wir uns befanden.
Wir waren in einer Art Tunnel. Die Decke war gewölbt und alles schien aus Felsen und Gestein zu bestehen. Viel Platz zu beiden Seiten hatten wir auch nicht gerade. Ich lief in der Mitte des Tunnels neben Andy her und konnte mit meinem ausgestreckten Arm die Wand berühren. Überall lagen dicke Felsbrocken im Weg und wir mussten schon sehr darauf achten, nicht über sie zu fallen. Aus den Wänden wuchsen eigenartige Pflanzen oder Kräuter.
Von ihnen schien auch dieser merkwürdige Geruch zu kommen, den ich schon im Schrank gerochen hatte. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie diese Pflanzen ohne einen Schimmer Licht in diesem Tunnel überleben konnten. Hätten wir nicht die Taschenlampe gehabt, hätten wir überhaupt nichts gesehen, so dunkel war es hier.
„Leuchte doch mal hier herüber zu der Wand. Ich glaube da bewegt sich etwas", flüsterte Andy mir aufgeregt ins Ohr.
Sofort trat ich einen Schritt zurück, leuchtete auf die Wand und rief: „Wo denn? Ich kann gar nichts sehen."
„Da, da, da, da!", schrie Andy und klammerte sich an meinem Arm fest.
Wieder versuchte ich irgendetwas zu entdecken, doch ich sah nur Felsen und diese eigenartigen Gewächse.
„Du spinnst ja", meckerte ich ihn an, „da ist überhaupt nichts."
„Ich habe aber gedacht, dass sich da etwas bewegt hat", sagte Andy kleinlaut.
Ich konnte rein gar nichts erkennen, trotzdem lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sollte mir nun von hinten jemand auf die Schulter klopfen, würde ich auf der Stelle tot umfallen!
Wir schlichen im Schneckentempo weiter. Dieser Tunnel schien unendlich zu sein. Es gab keine Kurve, keine Biegung, nichts. Es ging nur geradeaus. Alles sah gleich aus. Nur dieser Geruch entwickelte sich allmählich zu einem nicht mehr auszuhaltenden Gestank. Plötzlich wehte uns ein eisiger Wind um die Nase. Er war so sibirisch kalt, dass ich mir die Jacke bis zum Hals zuknöpfte. Gleichzeitig spürte ich wieder dieses eigenartige und unheimliche Gefühl, das mir langsam den Rücken hinauf kroch.
"Ziemlich ungemütlich hier", stellte Andy fest, "wo kommt denn bloß der eisige Wind her?"
Ich zuckte mit der Schulter. " Woher soll ich das denn wissen. Ich bin schließlich auch zum ersten Mal hier."
Plötzlich dröhnte eine Stimme durch den Tunnel, so schaurig und laut, dass ich mir automatisch die Ohren zuhielt. Sie schien von überall her zu kommen, von oben, von unten, von vorne und von hinten.
„Du bist also der Fünffinger auf den wir schon seit zweihundertunddrei Jahren warten!"
Andy schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an.
Im ersten Schock waren wir unfähig, uns auch nur einen Millimeter zu bewegen, doch dann überkam uns eine ungeahnte Kraft. Wir rannten zurück, so schnell wir konnten. Ein paar Mal stolperten wir über die Felsbrocken, die überall im Weg lagen. Die Tür musste jeden Augenblick vor uns auftauchen, doch wir liefen und liefen. Von der Tür war weit und breit nichts zu sehen. Ich konnte nicht glauben, dass wir in unserem Schneckentempo soweit gekommen sein sollten, und blieb abrupt stehen. Die unheimliche Stimme war verstummt.
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Darvin, und das Zauberloch nach anderswo
FantasyEigentlich ist Darvin ein ganz normaler Junge, aus einer ganz normalen Familie. Doch dann geschehen rätselhafte Dinge im Zimmer seiner jüngeren Schwester. Und all das nur, weil ein Regal von der Wand gefallen ist und ein Loch hinterlassen hat, welc...
