Kapitel 41

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"Ich bin dran", sage ich, immer noch ein wenig benommen von dem Kuss und drehe die Flasche. Sie zeigt auf Em. "Nicht schon wieder", mault sie. Dann sieht sie mich lächelnd an. "Emma, beste Freundin, ich hab dich ganz doll lieb, weißt du das?" Ich lache. "Tja, Em, das ist ja süß von dir, aber eine mildere Strafe wirst du deswegen trotzdem nicht bekommen. Ich nehme mal an, du wählst Pflicht, oder?", sage ich genüsslich grinsend. Sie nickt genervt. Angestrengt überlege ich, welche Pflicht ich mir für sie ausdenken könnte, aber mir fällt zum Besten Willen nichts ein. Michi lehnt sich zu mir. "Wie wäre es, wenn sie ab jetzt, bis zum Ende vom Spiel, auf jede Frage "Ja" antworten muss?" Ich strahle ihn an. "Mensch, Michi, das ist genial!" Er grinst zufrieden. Emily starrt mich ängstlich an. "Also Em, du darfst ab jetzt nur noch zu Allem Ja sagen. Viel Spaß!", verkünde ich ihr. Sie atmet erleichtert auf, wahrscheinlich, weil sie eine schlimmere Strafe erwartet hätte. Doch diese Pflicht wurde im Laufe des Abends noch ziemlich lustig. Zum Beispiel, als ich ihr einen Heiratsantrag machen musste, oder als wir sie gefragt haben, ob sie dumm sei oder ob sie uns Allen morgen einen Kaffee spendierte.

Um halb eins sind wir dann schließlich nach Hause gegangen. Wir waren alle todmüde. Der Abend war mal wieder richtig lustig gewesen. Bei Michi und Chris angekommen, ziehe ich mich schnell um, putze mir noch die Zähne und will gerade in Emilys und mein Zimmer eintreten, als mich zwei Arme zurückziehen. Erschrocken drehe ich mich um. Michi lächelt mich an. "Du hast was vergessen", sagt er leise. Verwirrt schaue ich ihn an. "Was denn?" Ohne zu antworten, küsst er mich. Viel zu schnell löst er sich wieder von mir. "Das", haucht er, bevor er mir noch ein "Gute Nacht" zuraunt und lächelnd wieder verschwindet. Perplex stehe ich noch einige Sekunden im Türrahmen, bevor ich lächelnd ins Zimmer gehe und mich verträumt auf das Bett lege.

Michi geht neben mir, als wir Halle 2 der Gamescom betreten. Seine Hand, die in meiner liegt, zittert leicht und ich nass vor Schweiß. Aufmunternd lächle ich ihm zu. Er lächelt nur schwach zurück. Als wir uns der Bühne nähern, kommen uns zwei großgewachsene Männer der Security entgegen und bringen uns unauffällig hinter die Bühne. Dort finden wir nach kurzem Suchen Simon, Sturmwaffel, Paluten und Dner. Michi entspannt sich ein wenig und umarmt sie alle. Auch ich umarme sie schüchtern. Dann richten sich alle Blicke auf Michi. "Aufgeregt?", fragt Simon ihn. Er nickt nur. "In 30 Sekunden müsst ihr auf die Bühne", sagt ein dunkelhaariger Mann mit Klemmbrett zu uns. Alle nicken. Dann machen wir uns auf den Weg zur Treppe, die auf die Bühne führt. Ich drücke Michi noch ein letztes Mal. "Du schaffst das", flüstere ich ihm ins Ohr. "Sie werden dich lieben." Er lächelt mir dankbar zu und drückt mir noch einen Kuss auf die Lippen, bevor er sich umdreht. Simon klopft ihm auf die Schulter und Sturmi stößt ihm spaßhalber in die Rippen. "Und jetzt, begrüßt mit mir, mit einem ganz heftigen Applaus Simon, Dner, Sturmwaffel, Paluten und Gomme!", tönt es von der Bühne. Die Jungs setzen sich in Bewegung und stürmen auf die Bühne. Das Letzte, was ich höre, ist tosender Applaus.

"Emma?", fragt eine mir bekannte Stimme. "Hm?", grumme ich und sortiere meine Gedanken. Dann schlage ich die Augen auf. Michis Zimmer. Emily sitzt vor mir auf meinem Bett und lächelt mich an. Ein Traum. Natürlich, es war nur ein Traum! Seufzend setze ich mich auf. "Du musst aufstehen", sagt Em mit einem traurigen Unterton. "In einer Stunde fährt unser Zug." Erschrocken springe ich auf. In Rekordzeit habe ich mich angezogen und mich insofern fertig gemacht, dass ich mich auf der Straße sehen lassen kann.

Schlecht gelaunt schlurfe ich hinter Em ins Wohnzimmer. Die Aussicht, Hamburg verlassen und nachhause zurückkehren zu müssen, ist nicht gerade vielversprechend. Aber als Michi mir am Frühstückstisch zulächelt, kann ich gar nicht anders, als auch zu lächeln. "Na, gut geschlafen?", fragt er mich grinsend. Ich nicke und denke an den Traum. Was wäre, wenn er sich wirklich irgendwann zeigt? Was wäre anders? Vermutlich Vieles. Wir könnten nicht mehr in Ruhe durch Hamburg spazieren, unbeobachtet in einem Restaurant essen oder mitten auf der Straße Flaschendrehen spielen. Wahrscheinlich ist es besser so.

Ich seufze. Michi sieht mich fragend an, aber als ich keine Reaktion zeige, wendet er sich wieder seinem Essen zu. Ich kaue lustlos an einem Marmeladentoast herum und denke über die Zukunft nach. Was wird passieren, jetzt, wo wir wieder fahren? Natürlich haben Chris und Michi uns versprochen, uns bald zu besuchen, aber werden sie das auch einhalten können? Immerhin haben Beide einen Job. Wieso wohnen sie nicht in der gleichen Stadt wie wir? Dann wäre alles viel einfacher. Michi hat meine gedankliche Abwesenheit anscheinend bemerkt, denn er drückt unter dem Tisch leicht meine Hand. Ich lächle schwach.

Nach dem Frühstück packen Em und ich die wenigen Sachen, die wir haben, zusammen und dann steigen wir zu viert in Chris' Auto. Die Autofahrt verläuft ruhig, nur ab und zu sagt jemand etwas, um die Stimmung aufzuheitern. Es klappt nicht wirklich. Am Bahnhof angekommen, suchen wir unser Gleis. Als wir es schließlich gefunden haben und auf dem Bahnsteig stehen, haben wir noch zehn Minuten Zeit. Michi zieht mich zu sich, sodass nur noch wenige Zentimeter uns trennen. Dann sieht er mich traurig an. "Wir schreiben uns ganz viel, okay?" Ich nicke und spüre, wie meine Augen nass werden. Michi sieht es und legt seine Hand an meine Wange. "Hey, nich' weinen.", sagt er mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. "Wir schaffen das. So weit ist es doch auch mal wieder nicht.", versucht er, mich aufzumuntern. "Ich vermisse dich jetzt schon", flüstere ich mit erstickter Stimme. Michi sieht mich traurig an, dann nimmt er mich in den Arm. Ich schluchze in sein T-Shirt. "Ich dich auch", flüstert er neben meinem Kopf.

Ich kann nicht sagen, wie lange wir so dastanden. Es hat nur unheimlich gutgetan. Ich habe verzweifelt versucht, mir alles genauestens einzuprägen, das Gefühl von seinen Armen an meinem Rücken, sein Atem in meinem Nacken. Sein Geruch. Sein gleichmäßiger Herzschlag, den ich schwach durch das T-Shirt fühlen konnte. All das wollte ich speichern, damit ich es nie vergessen würde, auch dann nicht, wenn ich schon längst wieder zuhause wäre. Als der Zug kam, wurde mir die schmerzliche Realität wieder bewusst. Michi versuchte tapfer, mich aufzumuntern, und küsste mich ein letztes Mal. Dann mussten Em und ich in den Zug steigen. Als ich in der Tür stand, drehte ich mich noch einmal um und schaute zu Michi. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand er auf dem Bahnsteig und lächelte mir zu. Ich lächelte zurück. Und auch, nachdem die Tür schon zugegangen war, und ich ihn nur noch durch die schmutzige, milchige Scheibe sehen konnte, und als der Zug sich in Bewegung setzte und Michi aus meinem Sichtfeld verschwand, stand ich noch an der Tür und starrte aus dem Fenster. Als ich in meine Jackentasche griff, um mein Handy herauszuholen, fand ich einen kleinen, zusammengefalteten Zettel. Er war von ihm. Ich liebe dich stand in geschwungenen Buchstaben darauf. Lange starrte ich diesen Zettel an und konnte mich nicht entscheiden, ob ich deswegen glücklich oder traurig sein sollte. Irgendwann steckte ich ihn zitternd wieder ein und setzte mich neben Em auf einen blauen, in die Jahre gekommenen Sitz. Die Worte auf dem Zettel gingen mir nicht aus dem Kopf. Die ganze Zugfahrt klammerte ich mich an sie, in der Hoffnung, ihn dadurch immer ein Stück bei mir zu fühlen. "Ich liebe dich auch", flüsterte ich unter Tränen in die Stille des Waggons hinein.



Von Spielemessen und Radiergummis- GommeHD FanfictionWhere stories live. Discover now