Ich bin bereit. >Nein<, gestehe ich mir ein, >eigentlich nicht.< Mein Herz schlägt schnell gegen meine Rippen. Meine Hände zittern. Aber ich muss. Es ist mein Schicksal. Ich schaue mich um. Vor mir der Torbogen. Hinter mir die erwartungsvolle Menge. Meine Mutter tritt vor. >Heute ist es wieder so weit. Das älteste Kind der Königsfamilie hat die Berufung, Opfer der Götter zu werden. Gleich wird sie durch das Portal gehen und nie wieder kommen.< Tränen rinnen über ihr Gesicht und auch meins bleibt nicht trocken. Seit ich geboren bin warte ich auf diesen Tag, meinen 16. Geburtstag. >Bist du bereit?<, fragt meine Mutter. Am liebsten hätte ich Nein geschrien. Aber das ging nicht. Ich musste stark sein. Meine Mutter musste stark sein. Und meine fünf Geschwister. Ich hatte mich schon heute morgen von ihnen verabschiedet und in der Menge konnte ich sie nicht sehen. >Ja<, sage ich stattdessen. Ich trete ein letztes Mal zu meiner Mutter und umarme sie fest. Dann drehe ich mich um. Ich schaue das Tor hoch. Es ist aus massivem Holz und sehr hoch. Ich öffne das Tor. Weißer Nebel strömt hervor. Ich trete hindurch und schließe das Tor hinter mir. Der Nebel ist überall um mich herum und ich taste hinter mir nach dem Tor. Es ist weg. Ich wage nicht, mich zu bewegen, denn ich habe Angst irgendwo hinunter zu fallen. Nach einer Weile wird der Nebel weniger. Ich schaue mich um. Ich stehe auf einer Lichtung in einem Mischwald. Die Blätter der Bäume sind rötlich gefärbt und ein kalter Wind umweht mich. Plötzlich spüre ich einen langen glatten Körper an meinen Füßen. Ich spüre die schuppige Haut einer Schlange meinen Körper hinaufkriechen. Ich versuche die Schlange wegzutreten, doch sie schlingt sich zu fest um meinen Körper. Die Angst überwindet mich und ich erstarre. Die Schlange windet sich um meinen Körper und ich habe das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Mit letzter Kraft schreie ich. Keine Sekunde später springt ein flauschiges rotbraunes etwas auf mich rauf und zieht die Schlange von mir runter. Ich sinke zu Boden und schnappe nach Luft. Danach betrachte ich das Tier. Es ist ein rotbrauner Kater. Er jagt der Schlange hinterher, um sie zu verscheuchen. >Tut mir leid, aber die Schlangen sind echt nervig!<, sagt er. Ich schaue ihn an. Irgendwas ist seltsam an diesem Kater. >Ich bin übrigens Ludwig.<, sagt er und schleckt über seine Pfote. Da fällt mir auf, was das seltsame an diesem Kater ist. Ich schreie laut auf. >Du kannst sprechen!< >Natürlich kann ich sprechen.<, miaut er, >Jede Tierart hat seine eigene Sprache.< Ich ringe um Wörter. >Aber ich bin doch keine Katze!< Ludwig schnurrt belustigt. >Ja noch nicht, wir haben das Ritual nicht durchgeführt.< >Ich soll eine Katze werden?!<. Fassungslos starre ich ihn an. >Hier leben nur Tiere. Wenn du Mensch beliben willst, kannst du das gerne tun, aber du würdest vermutlich nicht lange überlegen. Oder kannst du etwa jagen?< >Nein, aber als Katze kann ich auch nicht jagen.< >Ich kann es dir beibringen!<, bietet Ludwig mir an. >Und jetzt greife in deine linke Hosentasche. < Verdutzt greife ich hinein und ziehe ein Stück Kreide aus meine Jeans. >Gehe jetzt zu dem Stein dort und male einen großen Kreis.< Ich folge seinen Anweisungen. Danach soll ich in diesen Kreis einen Stern und in den Stern eine Katze malen. Ich mache es. >Stelle dich in den Kreis auf die Katze und greife in deine rechte Hosentasche<, ich ziehe eine Streichholzschachtel raus, >und zünde jetzt die Kreide an!< >Kreide kann doch gar nicht brennen!<, sage ich und lache. Das Lachen erstickt, als die Kreide anfängt zu brennen und das Feuer mich umschließt. >Bist du verrückt?!<, kreische ich, >Du willst mich umbringen!< >Nein, alles gut, dir wird nichts passieren!<, versucht Ludwig mich zu beruhigen, aber es bringt nichts. Das Feuer kommt immer näher. Dann berührt es mein Bein. Ich halte die Luft an. Und atme sie wieder aus. >Es ist kalt! Das Feuer ist kalt!<, rufe ich und lache. Plötzlich fängt mein ganzer Körper an zu kribbeln. Die Welt um mich herum wird größer. Dann ist das Feuer auf einmal weg. Ich schaue hinab. Ich sehe schwarze Katzenpfoten. Erschrocken fauche ich. Ludwig schnurrt belustigt. >Willkommen als schwarze Katze!< Ich bewege meinen Körper. Es fühlt sich gut an. Richtig. >Bist du bereit die Welt als Katze zu erkunden?<, fragt Ludwig mich. >Ja<, sage ich und meine es diesmal wirklich so, >ich bin bereit!<
