„Mach unserer Familie Ehre."
Die tiefe Stimme ihres Vaters durchschnitt die morgendliche Stille. Seine Worte galten ihrem älteren Bruder Cassian, der sich schweigend das weiße Hemd glattstrich. Heute war der Tag der Ernte. Mit siebzehn Jahren würde er sich freiwillig als männlicher Tribut für die 69. Hungerspiele melden. So war es schon seit Jahren vorgesehen. Seit ihrer frühesten Kindheit waren sie beide auf diesen Tag vorbereitet worden.
Doch besonders seit dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Vater alles daran gesetzt, Cassian zu einem Sieger zu machen. Ihre Mutter war gestorben, als Neria und Cassian noch Kinder gewesen waren. Zu früh, zu plötzlich und mit einer Lücke, die seitdem niemand hatte schließen können. Für ihren Vater war mit ihrem Tod nicht nur seine Frau gegangen. Er hatte auch diejenige verloren, die sich um das Haus gekümmert, die Kinder versorgt und ihm den Rücken freigehalten hatte.
Danach hatte sich alles verändert. Er musste allein für sie sorgen. Das Fischen brachte kaum genug ein, um seine Familie zu ernähren, und die Schulden, die sich bereits zuvor angesammelt hatten, wurden mit jedem Jahr mehr. Für ihren Vater war Cassians möglicher Sieg deshalb irgendwann mehr als nur eine Frage von Stolz geworden. Er war ihre Hoffnung. Ein Sieger aus Distrikt 4. Preisgelder. Sponsoren. Ein besseres Leben. Keine Schulden mehr. Und so hatte Cassian von da an noch härter trainieren müssen. Während andere Kinder ihre Eltern beim Fischen begleiteten oder unbeschwert am Strand spielten, verbrachte er unzählige Stunden mit dem Dreizack. Er war schnell, kräftig und ehrgeizig, genau das, was ihr Vater in einem zukünftigen Sieger sehen wollte.
Neria hingegen hatte schon früh eine andere Begabung entdeckt. Messer. Sie liebte den kurzen Augenblick, in dem die Klinge ihre Fingerspitzen verließ, lautlos durch die Luft glitt und sich mit einem dumpfen Geräusch im Holz versenkte. Jeder präzise Treffer ließ ihr Herz schneller schlagen. Doch ihr Vater hatte ihre Waffe stets belächelt. „Mit einem Messer gewinnt man keine Hungerspiele." Diesen Satz hatte sie unzählige Male gehört. Schließlich hatte sie aufgehört, vor den Augen ihrer Familie zu trainieren. Stattdessen schlich sie sich hinaus, sobald niemand auf sie achtete, und übte zwischen den schroffen Felsen an der Küste. Dort, wo nur das Rauschen der Wellen ihre Fehlschüsse kannte und niemand sie dafür verurteilte.
Für ihren Vater blieb sie dennoch eine Enttäuschung. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte er von Neria zu viel erwartet. Sie sollte im Haus bleiben. Kochen. Nähen. Aufräumen. Ihm helfen, während er hinausfuhr, um Fische zu fangen und irgendwie genug Geld nach Hause zu bringen. Doch Neria war nie gut darin gewesen, stillzuhalten. Immer wieder verschwand sie zum Schwimmen, lief zu den Klippen oder trainierte heimlich mit ihren Messern. Und jedes Mal, wenn ihr Vater sie dabei erwischte, folgte derselbe Streit. Warum war sie nicht zu Hause? Warum konnte sie nicht einmal tun, was man ihr sagte? Warum musste sie ihm alles schwerer machen? Mit jedem Jahr wurde sein Ton härter. Seine Geduld kürzer. Und Neria lernte, dass es einfacher war, ihm aus dem Weg zu gehen, als sich mit ihm anzulegen.
Stumm flocht sie ihr langes kupferrotes Haar sorgfältig zu einem Zopf und betrachtete sich im Spiegel. Ihre blauen Augen blickten ihr entgegen, dieselben Augen, die ihre Mutter gehabt hatte. Manchmal fragte Neria sich, ob ihr Vater sie deshalb nicht ansehen konnte. Sie war nämlich ein Ebenbild ihrer Mutter mit demselben Haar und Augen. Jeden Tag erinnerte sie ihn sicherlich daran, was er verloren hatte. Sie legte ihren Zopf über die linke Schulter und wandte sich ihrem Bruder zu. Cassian lächelte selbstsicher. „Ich werde den Sieg nach Distrikt 4 bringen." Es klang nicht wie eine Hoffnung. Es klang wie ein Versprechen. Ihr Vater nickte zufrieden. „Das wirst du."
Seit Jahren war ihnen derselbe Satz eingetrichtert worden. Das Meer belohnt nur die Starken. Wer Schwäche zeigte, wurde von den Wellen verschlungen. Nur Stärke brachte Ruhm. Nur Stärke machte einen Namen unsterblich. Neria wusste nicht, wann sie aufgehört hatte, daran zu glauben. Vielleicht an dem Tag, an dem ihre Mutter gestorben war. Vielleicht an dem Tag, an dem ihr Vater begonnen hatte, Cassian nicht mehr als seinen Sohn, sondern als seine letzte Hoffnung zu sehen. Oder vielleicht hatte sie auch einfach irgendwann verstanden, dass in dieser Familie nur für einen von ihnen Platz für einen Traum war. Und es war nicht ihrer.
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Blut der Gezeiten
FanficZwei Geschwister. Eine Arena. Nur einer kann überleben. Neria Tide wurde ihr ganzes Leben darauf vorbereitet, stark zu sein. Doch auf die eine Sache war sie nie vorbereitet: gegen ihren eigenen Bruder zu kämpfen. Als Neria und Cassian in die 69. Hun...
