Die Zeit, sie tickt.
Ganz leise zuerst.
So leise,
dass wir sie kaum hören.
Denn wir haben ja Zeit.
Sagen wir.
Morgen.
Nächste Woche.
Irgendwann.
Die Zeit, sie tickt.
Als Kinder wollten wir,
dass sie schneller vergeht.
Noch drei Mal schlafen bis Weihnachten.
Noch zwei Jahre bis zur weiterführenden Schule.
Noch fünf Jahre bis achtzehn.
Wir wollten groß sein.
Frei sein.
Endlich selbst entscheiden.
Wir haben an der Zeit gezogen,
als könnten wir sie damit schneller machen.
Und heute?
Heute würden wir sie manchmal
am liebsten festhalten.
Die Zeit, sie tickt.
Plötzlich sind Sommer keine Ewigkeit mehr.
Plötzlich ist schon wieder Weihnachten,
obwohl doch gerade erst Weihnachten war.
Plötzlich sagen unsere Eltern Sätze wie
„Das ist zwanzig Jahre her"
und wir rechnen nach
und hoffen kurz,
dass sie sich verrechnet haben.
Haben sie nicht.
Die Zeit, sie tickt.
Wir planen unser Leben
in Kalendern.
Montag Arbeit.
Dienstag Termin.
Mittwoch Stress.
Donnerstag keine Zeit.
Freitag endlich Wochenende.
Und Sonntagabend?
Da warten wir schon wieder auf Freitag.
Fünf Tage warten.
Zwei Tage leben.
Fünf Tage warten.
Zwei Tage leben.
Und irgendwann fragen wir uns:
Wann genau haben wir eigentlich beschlossen,
dass das Leben immer erst später stattfindet?
Die Zeit, sie tickt.
„Das machen wir irgendwann."
Wie oft sagen wir diesen Satz?
Irgendwann trinken wir wieder einen Kaffee zusammen.
Irgendwann fahren wir dorthin.
Irgendwann ruf ich Oma an.
Irgendwann sag ich ihm,
was ich wirklich fühle.
Irgendwann entschuldige ich mich.
Irgendwann.
Als wäre irgendwann
ein Tag im Kalender.
Die Zeit, sie tickt.
Und das Gemeine ist:
Wir wissen nicht,
wie viel davon noch übrig ist.
Bei keinem Menschen.
Vielleicht ist genau deshalb
ein ganz gewöhnlicher Dienstag
viel besonderer,
als wir glauben.
Vielleicht wissen wir nur noch nicht,
welche Momente später einmal
die sein werden,
die wir am meisten vermissen.
Der Kaffee am Küchentisch.
Eine Autofahrt.
Ein völlig belangloses Gespräch.
Jemand, der im Nebenzimmer lacht.
Ein „Bin gut angekommen".
Ein „Schlaf gut".
Ein „Bis morgen".
Die Zeit, sie tickt.
Bis aus einem
„Bis morgen"
manchmal ein
„Hätte ich doch"
wird.
Hätte ich doch länger zugehört.
Hätte ich doch angerufen.
Hätte ich doch noch einmal gesagt,
wie wichtig du mir bist.
Hätte ich doch gewusst,
dass dieser ganz normale Moment
irgendwann unbezahlbar wird.
Aber wir wissen es nicht.
Das ist das Problem.
Und vielleicht
ist es gleichzeitig das Schöne daran.
Die Zeit, sie tickt.
Wir können sie nicht anhalten.
Wir können sie nicht zurückdrehen.
Wir können keine fünf Minuten von gestern kaufen,
egal, wie viel wir morgen verdienen.
Aber wir können entscheiden,
was wir mit diesem Moment machen.
Also vielleicht sollten wir weniger darauf warten,
dass irgendwann alles perfekt ist.
Vielleicht sollten wir öfter anrufen.
Öfter bleiben.
Öfter sagen, was wir fühlen.
Öfter lachen,
obwohl es gerade überhaupt nicht passt.
Öfter einen Umweg fahren,
nur weil die Aussicht schön ist.
Und vielleicht sollten wir Menschen,
die uns wichtig sind,
nicht erst vermissen müssen,
um zu merken,
wie gern wir sie bei uns haben.
Denn die Zeit?
Die Zeit, sie tickt.
Für dich.
Für mich.
Für uns alle.
Und irgendwann
wird sie aus all unseren Jetzt-Momenten
Erinnerungen machen.
Also verschwenden wir nicht unser ganzes Heute
damit,
auf morgen zu warten.
Denn während wir warten ...
tickt sie.
Und tickt.
Und tickt.
Die Zeit.
