Kapitel 201

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Der Recovery-Nachmittag begann damit, dass Georgia beinahe rückwärts in den Pool fiel. „I HAVE NO CORE STRENGTH LEFT." „That sounds medically concerning," sagte Sarah trocken. „Everything about this camp is medically concerning." Das halbe Team lag verteilt rund um den Poolbereich des Hotels. Eisbäder. Stretching. Recovery Bikes. Proteinshakes. Sonnenliegen. Und überall diese spezielle Mischung aus völliger Erschöpfung und guter Stimmung, die nur Trainingslager erzeugen konnten. Das Testspiel hing allen noch in den Knochen. Vor allem Lotta. Sie lag halb zusammengesunken auf einer Liege im Schatten und hatte die Augen geschlossen. Ihr Körper fühlte sich gleichzeitig schwer und leer an. 271 mg/dl. Sie hatte wieder nur minimal korrigiert. Mittlerweile ignorierte sie die Warnungen fast automatisch. „Alive?" Lotta öffnete langsam ein Auge. Magda stand neben ihrer Liege, zwei Recovery-Shakes in der Hand. „Debatable." „Good." Sie setzte sich einfach neben sie. Für einen Moment schwiegen beide. Das Meer rauschte leise hinter dem Hotel. Irgendwo lief Musik. Georgia diskutierte bereits wieder mit Vanessa über irgendetwas komplett Sinnloses. „You cheated." „It's not cheating if you're bad at cards." „THAT'S NOT HOW RULES WORK." Lotta musste leicht grinsen. Magda bemerkte es sofort. „There she is." „I was always here." „Physically maybe." Lotta zog die Beine etwas näher an sich und nahm dankbar den Shake entgegen. Vanille. Natürlich gesund. Natürlich widerlich cremig. „You hate it every time." „Texture issue." „You're five years old." „True." Magda lehnte sich entspannt zurück und zog die Sonnenbrille etwas höher in die Haare. „You were really good today." Lotta verzog leicht das Gesicht. „Don't make it weird." „Too late." „Magda." Sie lachte leise. Dieses ruhige, warme Lachen, das Lotta inzwischen sofort entspannte. Und genau deshalb blieb sie meistens automatisch länger bei Magda sitzen als eigentlich geplant. Weil sich Gespräche mit ihr nie anstrengend anfühlten. Nicht wie Leistungssport. Nicht wie bewertet werden. Einfach... ruhig. „You know what I noticed when you came to Bayern?" fragte Magda irgendwann. Lotta sah zu ihr rüber. „That I'm annoying?" „Immediately." „Rude." „But also..." Magda lächelte leicht. „You always play like you think you still have to prove you belong here." Der Satz traf Lotta unerwartet direkt. Sie starrte kurz auf den Shake in ihren Händen. „Maybe I do." Magda schüttelte leicht den Kopf. „No." Ganz ruhig gesagt. Komplett überzeugt. „You belonged here before you even arrived." Lotta spürte sofort dieses unangenehme warme Ziehen in der Brust. Gefährlich emotional. Also reagierte sie natürlich mit Humor. „Wow. That was disgustingly inspirational." „I'm old and wise." „You're 28." „Ancient in football years." „Fair." Magda grinste leicht. Dann wurde sie wieder ruhiger. „When I was younger, I thought every training decided my entire career." Lotta blickte überrascht zu ihr rüber. „Really?" „Completely." Magda schnaubte leise. „One bad session and I thought everything was over." „That actually sounds exactly like me." „I know." Lotta zog die Knie etwas enger an sich. „How did you stop?" Magda dachte kurz nach. „Honestly?" „Hm?" „I got tired." Das brachte Lotta zum Lachen. „That's your wisdom?" „Yes." „Terrible motivational speech." Magda grinste leicht. Dann deutete sie mit ihrem Shake Richtung Pool, wo Georgia gerade versuchte, Vanessa ins Wasser zu schubsen. „At some point you realize football is impossible if you spend every day terrified." Lotta beobachtete das Chaos kurz schweigend. „And did you? Realize it?" „Eventually." Kurze Pause. „Still forget sometimes." Und genau das war vielleicht das, was Lotta an Magda so mochte. Dass sie nie so sprach, als hätte sie ihr Leben perfekt im Griff. Sie klang immer ehrlich. Nicht perfekt. Nur ehrlich. „Can I ask you something?" fragte Lotta irgendwann. „Depends." „Helpful." „Thank you." Lotta grinste leicht. Dann wurde sie etwas ruhiger. „Did you ever feel like everyone else handled football better than you?" Magda antwortete sofort. „All the time." Lotta blinzelte überrascht. „Seriously?" „Lotta." Magda sah sie direkt an. „Half of professional football is pretending you're less stressed than you are." Das brachte Lotta tatsächlich kurz zum Lachen. Weil es erschreckend glaubwürdig klang. Im Hintergrund hörte man plötzlich einen lauten Platscher. Georgia war offensichtlich doch im Pool gelandet. „BETRAYAL!" schrie sie dramatisch. Vanessa hob nur zufrieden die Hand. „Justice." Lotta schüttelte grinsend den Kopf. Dann wurde sie wieder stiller. „I think sometimes I forget that I'm only eighteen." Magda sah kurz zu ihr rüber. „Yeah." Nicht wertend. Nicht mitleidig. Einfach zustimmend. „You've had to be very disciplined very early." Lotta wusste sofort, dass sie nicht nur Fußball meinte. Diabetes. Kontrolle. Planung. Rechnen. Verantwortung. Immer funktionieren. Sie starrte auf den Pool. „Sometimes I feel older than everyone." Magda nickte langsam. „And sometimes younger?" Jetzt musste Lotta grinsen. „Painfully younger." „That's normal." Kurze Pause. Dann grinste Magda plötzlich leicht. „Also Georgia acts fourteen." „True." „Mentally twelve." „Maximum." Beide mussten lachen. Georgia tauchte ungefähr fünf Minuten später tropfnass wieder am Rand des Pools auf. „I want everyone to remember that Vanessa is a violent person." „And yet you survive every day," sagte Vanessa völlig ungerührt. „Barely." Lotta grinste leicht und zog die Beine näher an sich, während sich langsam immer mehr Spielerinnen rund um die Liegen sammelten. Irgendjemand brachte Obstplatten vom Hotelrestaurant mit. Linda hatte plötzlich Karten organisiert. Pernille lief mit Sonnenbrille und Recovery-Shake herum wie ein erschöpfter Fitness-Influencer. Und die ganze Stimmung fühlte sich angenehm langsam an. Nicht wie Profisport. Eher wie eine Gruppe Freundinnen, die zufällig extrem gut Fußball spielen konnte. „Okay serious question," sagte Georgia irgendwann und biss in eine Wassermelone. „Why are football clubs historically obsessed with making women eat sadness?" „Jesus", murmelte Sarah lachend. „No, seriously." Georgia setzte sich aufrechter hin. „My first club literally banned ketchup." „That's not a club, that's a dictatorship," sagte Vanessa. „THANK YOU." Mehrere Spielerinnen lachten sofort zustimmend. Und plötzlich kippte das Gespräch ganz natürlich in eine Richtung, die Lotta vorher nie wirklich erlebt hatte. Ehrlich. Offen. „Bei meinem Jugendverein", sagte Giulia irgendwann, „wurden wir jeden Montag gewogen." Sofort verzog Linda leicht das Gesicht. „Uff." Giulia zuckte mit den Schultern. „War komplett normal dort." „Normal maybe," sagte Magda ruhig. „Healthy definitely not." „Bei uns auch", warf Ariana ein. „Wenn jemand zugenommen hatte, wurde direkt gefragt, ob man die Feiertage zu sehr genossen hat." Vanessa stöhnte genervt auf. „I hate that shit." „Same", murmelte Georgia. „One coach told me at sixteen that strikers should never have visible thighs." „That's biologically impossible," sagte Sarah trocken. „EXACTLY." Gelächter ging durch die Gruppe. Aber unter dem Humor lag plötzlich etwas anderes. Etwas Ehrliches. Lotta sagte erstmal nichts. Sie hörte einfach zu. Und langsam merkte sie, wie viele dieser Geschichten erschreckend ähnlich klangen. Kommentare über Gewicht. Über Körper. Über „Disziplin". Über Essen als etwas, das man sich verdienen musste. „Ich hatte mal einen Trainer", sagte Linda irgendwann ruhiger, „der stolz darauf war, wenn Spielerinnen nach dem Training nichts gegessen haben." Sofort wurde es kurz stiller. „That's insane," sagte Glodis leise. Linda nickte nur leicht. „Damals dachte man halt, das wäre professionell." Magda schnaubte leise. „Football has treated women's bodies horribly for a very long time." Der Satz blieb hängen. Weil ihn niemand wirklich widerlegen konnte. Lotta zog die Knie noch etwas näher an sich. Irgendetwas an diesem Gespräch machte sie plötzlich unruhig. Nicht weil jemand konkret über sie sprach. Sondern weil sie merkte, wie dünn manchmal die Grenze zwischen „professionell" und „ungesund" war. Und wie viele Spielerinnen irgendwann gelernt hatten, Kontrolle mit Disziplin zu verwechseln. „Honestly," sagte Georgia plötzlich, „half of us probably have weird relationships with food." Mehrere nickten sofort. Nicht dramatisch. Nicht schockiert. Einfach ehrlich. „Women's football especially," murmelte Sarah. „Everybody comments on your body constantly. Too muscular. Too skinny. Too soft. Too heavy. Too feminine. Not feminine enough." Vanessa hob trocken die Hände. „And somehow we're also expected to score goals while being psychologically stable." „Unrealistic expectation," sagte Pernille. Das brachte wieder Gelächter. Aber Lotta blieb still. Weil ihr plötzlich Clara Schönes Stimme einfiel. Mehr Substanz würde dir helfen. Damals hatte sich das Gespräch gut angefühlt. Ruhig. Professionell. Nicht wertend. Und trotzdem war irgendwo tief in ihr etwas hängen geblieben. 60 Kilo. Mehr Muskelmasse. Mehr Stabilität. Sie wusste rational, dass Clara recht hatte. Wusste es wirklich. Und trotzdem hatte ihr Gehirn daraus längst etwas anderes gemacht. Magda beobachtete währenddessen still die Runde. Nicht kontrollierend. Einfach aufmerksam. Dann sah sie irgendwann zu Lotta rüber. „What about you?" Lotta blickte auf. „Hm?" „Did Essen have weird food culture too?" Mehrere schauten jetzt kurz interessiert zu ihr. Nicht aggressiv. Einfach neugierig. Lotta zögerte minimal. Dann zuckte sie leicht mit den Schultern. „Sometimes." „That sounds diplomatic," murmelte Linda. Lotta grinste schwach. „There have just often been comments after Christmas or something like that." „About weight?" fragte Ariana. Lotta nickte leicht. „Some of them really got a roasting." Sofort verzog Vanessa genervt das Gesicht. „I hate coaches like that." „Yes", sagte Lotta leise. „Same here." Kurze Stille. Dann sagte sie mit einem kleinen schiefen Grinsen: „I think I was just lucky that I always looked like a tired old leek." Das brachte mehrere sofort zum Lachen. „Tiny German twig," murmelte Georgia. „Accurate." „Offensive." Aber Magda lachte diesmal nicht sofort mit. Sie beobachtete Lotta einen kleinen Moment länger. Vielleicht weil der Witz ein bisschen zu schnell gekommen war. Ein bisschen zu automatisch. Als würde Lotta Dinge oft lieber klein machen, bevor jemand anders sie ernst nehmen konnte. Doch bevor die Stimmung kippen konnte, sprang Georgia plötzlich auf. „Okay enough trauma. Who wants gelato?" „It's January," sagte Sarah. „And?" „We are athletes." Georgia sah völlig empört aus. „Athletes deserve joy." Und natürlich standen fünf Minuten später trotzdem fast alle gemeinsam am kleinen Gelato-Stand des Hotels. Lotta auch. Mit Pistazie. Und während das Team lachend und diskutierend Richtung Terrasse zurücklief, merkte Lotta plötzlich etwas Seltsames: Zum ersten Mal fühlte sie sich mit ihren Gedanken nicht komplett allein. Und genau das machte ihr fast noch mehr Angst.

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