Der Geruch von nasser Wolle und abgestandenem Kaffee lag über dem Klassenzimmer der 6c, als Efe die Tür aufstieß. Es war einer dieser Novembertage, an denen der Himmel so grau war, dass man vergaß, dass es jemals etwas anderes gegeben hatte. Er ließ seine Schultasche neben seinem Platz fallen – den hintersten, natürlich – und warf einen Blick zu Noah, der bereits an seinem Tisch saß und mit einem Kugelschreiber auf seinem Matheheft herum kritzelte.
"Hey", sagte Efe und ließ sich auf den Stuhl neben ihm fallen. "Hast du die Vokabeln für Englisch gelernt?"
Noah sah auf. Seine Augen waren diese seltsame Mischung aus Grün und Braun, die immer anders aussahen, je nachdem, wie das Licht fiel. Heute, bei diesem fahlen Klassenzimmerlicht, sahen sie fast goldbraun aus. Efe bemerkte es zum tausendsten Mal, und zum tausendsten Mal schlug ihm das Herz einen Schlag schneller, bevor er es wieder wegschieben konnte.
"Welche Vokabeln?" fragte Noah mit einem Grinsen, das nur schief genug war, um es typisch Noah zu machen. "Die von letzter Woche? Oder die von übernächster?"
"Du bist so ein Idiot", sagte Efe, aber er konnte nicht anders, als zurückzugrinsen. So war das immer. Seit sie fünf waren und Noahs Mutter Elena neben Fulya in die Wohnung gezogen war. Seit sie gemeinsam den Sandkasten erobert und ihre Mütter zur Verzweiflung getrieben hatten. Efe wusste nicht, wer er ohne Noah war. Vielleicht war das das Problem.
"Deine Mutter wird dich umbringen, wenn du wieder eine Sechs nach Hause bringst", sagte Noah und legte den Kugelschreiber weg. Er hatte diesen Tonfall, der immer klang, als würde er scherzen, aber Efe wusste, dass er es ernst meinte. Noah machte sich Sorgen um ihn. Das war auch schon immer so gewesen.
"Meine Mutter hat mich gestern erst in den Schwitzkasten genommen, weil ich Elmiras Schulranzen nicht gepackt habe", sagte Efe und verdrehte die Augen. "Sie hat gesagt, ich soll ein Vorbild sein. Ich bin elf, Noah. Was für ein Vorbild soll ich da sein?"
"Ein beschissenes, offensichtlich", sagte Noah und lachte.
Efe stieß ihn gegen die Schulter, aber es war sanft. Zu sanft. Er ließ seine Hand einen Moment zu lange auf Noahs Schulter liegen, bevor er sie wegzog und sich in seinem Stuhl zurücklehnte.
"Efe! Noah!" Frau Küppers Stimme durchschnitt den Morgensumpf wie ein scharfes Messer. "Setzt euch hin, wir fangen an!"
Efe verdrehte die Augen, aber diesmal diskret. Er wusste, dass er sich in der Schule zusammenreißen musste. Seine Mutter hatte ihm gestern Abend eine Standpauke gehalten, als sie von der dritten Ermahnung in dieser Woche erfahren hatte. Sie stand in der Tür zu seinem Zimmer, noch in ihrer Polizeiuniform, und hatte ihn mit diesem Blick angesehen – dem Blick, der sagte: Ich habe Vertrauen in dich, enttäusch mich nicht.
Fulya war nicht wie andere Mütter. Sie war Polizistin, trug ihre Autorität wie eine zweite Haut, aber sie war auch die Einzige, mit der er wirklich reden konnte. Sie hatte ihm beigebracht, dass Ehrlichkeit und Vertrauen das Wichtigste waren. Dass man zu seinen Fehlern stehen musste. Dass sie immer für ihn da sein würde, egal was passierte. Aber dieses vertrauen was ihn nachts wach hielt, wenn er darüber nachdachte, wie sie reagieren würde, wenn er ihr über seine Gefühle für Noah erzählen würde.
Es fühlte sich nicht mehr wie früher an. Früher, da war Noah einfach Noah. Sein bester Freund, sein Partner in Crime, der Junge, mit dem er durch den Regen gerannt und von Brücken gesprungen war, die viel zu hoch waren. Aber jetzt? Jetzt, wenn Noah lachte, bemerkte Efe die Art, wie sich seine Augen zusammenzogen. Wenn Noah mit ihm redete, hörte er auf den Klang seiner Stimme, statt auf das, was er sagte. Wenn sie sich berührten – was ständig passierte, weil sie es immer getan hatten –, dann spürte er ein Kribbeln, das nichts mit Kälte zu tun hatte
