„Ein Schokoladenkuchen und ein Cappuccino, das macht 8,30 Dollar."
„Ein Kürbiskern-Bagel mit Frischkäse und eine Zitronenlimonade, das wären dann 9,60 Dollar."
So ging es den ganzen Tag in meinem Kopf weiter. Preise, Bestellungen, Gesichter. Ich fand es jedes Mal aufs Neue erstaunlich, welche Kombinationen manche Menschen freiwillig zu sich nahmen.
Der heutige Gewinner war eindeutig Mr. Brille, der nun vor mir stand: Gurkensandwich mit heißer Schokolade.
„Eww." Delias Stimme erklang direkt neben mir, während ich dem Geschäftsmann noch freundlich zulächelte und ihm seine Bestellung über die Theke reichte. „Die Kombi ist ja noch schlimmer als Tomatensaft mit Cheesecake."
Schmunzelnd schloss ich die Kasse und lehnte mich gegen den Tresen. „Solange niemand zusätzlich noch Ketchup dazu bestellt, kommt mein Magen noch damit klar."
Delia seufzte dramatisch und rührte ihren Protein-Mocca um, ehe sie genüsslich zwei große Schlucke nahm. Sie lehnte sich gegen die Ablage und warf einen Blick auf ihre Apple Watch.
„Nur noch eine Stunde, bis ich das Wochenende unsicher machen kann." Stolz hielt sie mir ihr Handgelenk hin. 17:06 Uhr.
„Wenn du so motiviert bist, darfst du gerne das Staubsaugen übernehmen. Ich wette, mit dieser Energie sind wir in Rekordzeit hier raus."
Ich grinste breit, woraufhin sie mir demonstrativ den Mittelfinger entgegenstreckte.
„Mädels."
Nikolas Stimme unterbrach uns, noch bevor ich etwas erwidern konnte. Mit einem Stapel dicker Papierseiten kam er um die Ecke des Tresens.
„Könnt ihr bitte die neuen Menükarten in unsere neuen Menübücher einsortieren?"
Er legte den Stapel neben Delias Mocca ab.
„Nik, nein", jammerte Delia sofort und ließ den Kopf in den Nacken fallen.
Nikola schenkte ihr ein selbstsicheres Lächeln und stellte sich neben mich: „Wie lief es heute?"
Stolz präsentierte ich ihm die Tagesabschlussrechnung, hinter deren dreistelliger Zahl drei große Nullen prangten.
„Hab ich euch also doch nicht umsonst zusammen eingeteilt." Zufrieden klatschte Nikola in die Hände und nahm mir den Zettel ab.
Empört schnappten Delia und ich gleichzeitig nach Luft. „Wow. Danke für dein Vertrauen", murmelte sie trocken.
Nik lachte mit einem leisen „Ihr habt das super gemacht" und brachte uns das Laminiergerät von seinem Büro.
Während Delia die Menükarten laminierte, klemmte ich die neuen Seiten in die ledernen Hüllen.
Das Café Maximo lag am Anfang des Geschäftsviertels, an einer Straße voller Bürogebäude und Anwaltskanzleien. Morgens liefen hier Geschäftsleute in Anzügen mit Coffee-to-go-Bechern durch die Tür, mittags kamen ganze Teams aus den umliegenden Firmen, und nachmittags saßen oft Studenten an den Fensterplätzen und lernten bis zum Feierabend.
Früher war das Café deutlich altmodischer gewesen und hatte überhaupt nicht zum Ambiente der Gegend gepasst. Als Nik das Café übernommen hatte und Delia und ich direkt mit von der Partie gewesen waren, mussten wir uns für Veränderungen entscheiden, obwohl wir eigentlich einen rustikalen Stil bevorzugten.
Doch zur Location passten grüne Ledersofas, Marmortische, dunkelbraune Holzelemente und goldene Akzente viel besser als weiße Tische, zu viele Dekokissen und irgendwelche bunten Tafeln mit krakeliger Schrift.
Besonders stolz war Nik auf seine Idee gewesen, die großen, hellen Fenster in Schiebetüren umzubauen, sodass man diese im Frühling und Sommer öffnen konnte. Dann stellten wir einige Tische und Stühle nach draußen, wodurch das Café größer und offener wirkte.
Als wir nach sechs Monaten merkten, dass sich unsere Mühen gelohnt hatten, erweiterten wir unser Team und die Öffnungszeiten. Somit waren wir insgesamt sechs Leute im Service und zwei Bäcker hinten in der Küche.
Alles wurde frisch gemacht: die Kuchen, die Sandwiches, die Sirups und unsere Aufstriche.
„Auch wenn sein Kleidungsgeschmack fragwürdig ist", murmelte Delia neben mir und hielt eine der neuen Karten hoch, „die hier sind echt schön geworden."
Ich betrachtete das Design erneut und nickte zustimmend. Das dunkle Rot harmonierte perfekt mit den goldenen Linien am Rand.
Gemeinsam blickten wir zu Nikola hinüber, der gerade diskutierend mit einem Lieferanten telefonierte und dabei wild gestikulierte.
„Unser Möchtegern-CEO", murmelte Delia grinsend.
„Ist er das etwa nicht?", fragte ich gespielt irritiert.
Delia lachte leise und stieß mich mit ihrer Schulter an.
„Wieso gibt es Spaß eigentlich immer ohne mich?"
Grace kam durch die kleine Schwingtür zwischen Küche und Café. Ihre weiße Kochuniform hatte sie inzwischen gegen eine dunkelblaue Baggy-Jeans und ein hellblaues Glitzertop getauscht. Ihre schwarzen Locken, die vor wenigen Minuten noch streng in einem Dutt gesteckt hatten, fielen nun offen über ihre Schultern und glänzten im warmen Licht der Abendsonne.
„Look at you", meinte Delia anerkennend und zog eine Augenbraue hoch.
Grace sprühte sich demonstrativ einige Male mit ihrem Parfüm ein und verzog das Gesicht.
„Ich schwöre, ich rieche nach Knoblauchbagel und Zimt."
Delia schnaubte belustigt, während Grace ihr Handy aus der Hosentasche zog und anschließend auf Delias Mocca deutete.
„Darf ich?"
Delia nickte großzügig. „Bedien dich."
Grace nahm direkt einen viel zu großen Schluck und ließ sich anschließend erschöpft auf den nächstgelegenen Tisch fallen.
Im Hintergrund ertönte plötzlich das laute Zischen der Kaffeemaschine, gefolgt von Nikolas genervtem Fluchen.
„Wer hat hier Hafermilch reingekippt und die Reinigung gestartet?", rief er quer durchs Café.
Delia und ich blickten uns gleichzeitig an.
„Nicht mein Problem", sagte sie sofort und griff nach dem Staubsauger neben der Theke.
„Du hast vor zehn Minuten noch gesagt, du wärst zu müde dafür."
„Ja, aber jetzt bin ich motiviert, nicht von Nik angeschrien zu werden."
Grinsend zog ich das Kabel hinter ihr her, während wir gemeinsam zwischen den Tischen hindurchgingen. Das tiefe Summen des Staubsaugers erfüllte den Raum, vermischte sich mit leiser Musik aus den Lautsprechern und dem dumpfen Klappern von Geschirr aus der Küche.
Nikola stand währenddessen halb in die riesige Kaffeemaschine gebeugt und putzte sie mit übertriebener Konzentration, als würde er gerade an irgendeinem hochkomplizierten Laborgerät arbeiten.
„Du behandelst das Ding besser als Menschen", bemerkte Grace trocken.
„Die Kaffeemaschine enttäuscht mich wenigstens nicht", gab er zurück, ohne aufzusehen.
„Autsch", murmelte Delia und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu.
Ich lachte leise und blickte durch die Terrassentüren nach draußen. Durch die geöffneten Schiebetüren fiel die warme Abendluft ins Café. Draußen rauschte der Verkehr der Innenstadt vorbei, Menschen liefen mit Telefonen am Ohr über die Gehwege, und Taxis hupten um die Wette.
YOU ARE READING
180 degrees - The Woman He Found
Romance19.06.2026 Chaya hatte sich nicht an einem Tag verloren. Sie verlor sich in tausend kleinen Entscheidungen für andere Menschen. Als Kind hatte sie Träume. Als Erwachsene wusste sie nicht einmal mehr, was das Wort bedeutete. Bis das Schicksal in Form...
