„Du verstehst es einfach nicht!"
Linas Stimme zitterte vor Wut, aber auch vor etwas anderem – etwas, das sie selbst nicht ganz greifen konnte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, ihr Herz schlug viel zu schnell.
„Dann erklär es mir doch endlich!", rief ihre Mutter zurück. „Du benimmst dich seit Wochen... seltsam!"
Seltsam.
Dieses Wort traf Lina härter als alles andere.
„Vielleicht bin ich einfach so!", fauchte sie und schnappte sich ihre Jacke. „Vielleicht bin ich einfach nicht das, was du willst!"
Ohne auf eine Antwort zu warten, riss sie die Tür auf und rannte hinaus.
Die kühle Luft traf ihr Gesicht, doch statt sie zu beruhigen, machte sie alles nur intensiver. Ihr Herz raste, ihre Gedanken überschlugen sich. Sie rannte einfach los – weg von dem Haus, weg von den Fragen... weg von sich selbst.
Der Wald lag nicht weit entfernt.
Kaum hatte Lina die ersten Bäume erreicht, veränderte sich etwas. Es war, als würde die Luft anders riechen. Erdiger. Vertrauter.
Sie verlangsamte ihren Schritt.
Warum fühlt sich das... richtig an?
Blätter raschelten unter ihren Schuhen. Der Wind strich durch die Zweige, flüsterte leise zwischen den Bäumen. Und für einen kurzen Moment hatte Lina das seltsame Gefühl, als würde der Wald sie erkennen.
„Das ist doch verrückt...", murmelte sie.
Trotzdem ging sie weiter.
Tiefer hinein.
Immer tiefer.
Ihr Atem wurde ruhiger. Ihr Herzschlag passte sich dem Rhythmus des Waldes an. Geräusche wurden klarer – das Knacken eines Astes in der Ferne, das Rascheln eines Tieres im Unterholz.
Sie blieb stehen.
Da war etwas.
Ein Geräusch.
Ganz nah.
Lina drehte sich ruckartig um – und genau in diesem Moment trat sie falsch auf.
Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Knöchel.
„Ahh!" Sie keuchte auf und sackte zusammen, griff sich sofort an den Fuß. „Verdammt..."
Vorsichtig versuchte sie, aufzustehen – aber kaum belastete sie den Fuß, knickte sie wieder ein.
„Super... ganz toll, Lina", murmelte sie frustriert und biss die Zähne zusammen.
Sie war allein.
Mitten im Wald.
Und konnte kaum laufen.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
Dann knackte ein Ast.
Diesmal ganz eindeutig.
Lina hielt die Luft an.
„Hallo?", rief sie, doch ihre Stimme klang unsicher.
Keine Antwort.
Nur Schritte.
Langsam. Vorsichtig. Näher kommend.
Ihr Puls schoss wieder in die Höhe.
Und dann trat er aus dem Schatten der Bäume.
Ein Junge.
Er war ungefähr in ihrem Alter, mit aufmerksamem Blick und etwas Wildem in seiner Haltung – als würde er sich hier besser auskennen als irgendwo sonst.
Seine bernsteinfarbenen Augen musterten sie kurz.
Zu intensiv.
„Du bist verletzt", stellte er ruhig fest.
Lina blinzelte überrascht. „Äh... ja, danke, das ist mir auch aufgefallen."
Für einen Moment huschte etwas wie ein kaum sichtbares Lächeln über sein Gesicht.
„Du solltest hier nicht allein sein."
„Und du bist hier... was? Waldpolizei?", gab sie zurück, obwohl sie sich innerlich wünschte, einfach nur Hilfe anzunehmen.
Er ignorierte den Kommentar.
Stattdessen trat er näher, kniete sich neben sie und betrachtete vorsichtig ihren Knöchel. Seine Bewegungen waren ruhig, fast... vertraut.
„Verstaucht", murmelte er. „Vielleicht schlimmer."
Lina zog leicht das Bein zurück. „Hey, ich kenn dich nicht."
„Carag", sagte er einfach.
Der Name löste etwas in ihr aus.
Ein seltsames Ziehen in ihrer Brust. Ein Gefühl von... Nähe?
Sie runzelte die Stirn. „Lina."
Für einen Moment sah er sie einfach nur an. Länger als nötig.
Als würde er versuchen, etwas zu verstehen.
Dann schüttelte er kaum merklich den Kopf und stand auf.
„Du kannst hier nicht bleiben."
„Ich hab ehrlich gesagt auch nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen", murmelte sie.
Wieder dieses fast-Lächeln.
Ohne weitere Erklärung beugte er sich zu ihr, hob sie vorsichtig hoch, als wäre sie leichter, als sie eigentlich war.
„Hey—!", protestierte Lina reflexartig, klammerte sich dann aber doch an ihn, als ein Schmerz durch ihren Fuß zog.
„Ruhig", sagte er leise.
Und irgendwie... klang das nicht wie ein Befehl.
Sondern wie etwas, dem man automatisch vertraute.
„Wohin bringst du mich überhaupt?", fragte sie, während sie zwischen den Bäumen hindurchgetragen wurde.
„Zur Clearwater High", antwortete er.
„Zur was?"
„Du wirst sehen."
Lina wollte weiterfragen. Wirklich.
Aber irgendetwas fühlte sich plötzlich... seltsam sicher an.
Der Wald rauschte um sie herum, der Duft von Erde und Blättern lag in der Luft – und zum ersten Mal seit Tagen ließ das Chaos in ihrem Kopf ein kleines bisschen nach.
Sie wusste nicht, wer dieser Junge war.
Oder warum sie ihm vertraute.
Oder warum sich sein Name so vertraut anfühlte.
Aber eines wusste sie ganz sicher:
Das hier war kein Zufall.
Und ihr Leben würde nie wieder so sein wie vorher.
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Das vergessende Rudel
FanfictionLina ist ein ganz normales Mädchen... glaubt sie zumindest. Nach einem Streit flüchtet sie in den Wald - und verletzt sich. Dort trifft sie auf Carag, der sie zur Clearwater High bringt - einem Ort voller Geheimnisse. Zwischen fremden Gefühlen, verl...
