"...Die Stadt Nesselheim befindet sich nach wie vor im vollständigen Lockdown, nachdem vor über einem Monat bei einem Tagebau in der Nähe ein unbekanntes Gas freigesetzt wurde.
Das Gas, welches sich innerhalb weniger Tage in form einer schwarzen Wolke in Richtung der Stadt bewegte, hat sich seither dort festgesetzt und die Einwohner von Nesselheim die letzten sechsunddreißig Tage in ihren Häusern eingesperrt..."
Der laufende Fernseher wird für einen Moment vom Rauschen des Wasserkochers übertönt.
Der Chai Tee ist fast aufgebraucht, also wird demnächst vermutlich der Früchtetee herhalten müssen, den ich seit Ewigkeiten in meinem Schrank bunkere, weil ich ihn eigentlich kein bisschen mag.
Stört mich mehr, als es vielleicht sollte, wenn man bedenkt, dass draußen Leute verschwinden und die ganze verdammte Stadt in einen möglicherweise giftigen Nebel gehüllt ist. Früchtetee ist echt das kleinste meiner Probleme.
"...Mittlerweile gelten über hundert Einwohner der Stadt als vermisst und trotz Ausgangssperre werden es täglich mehr..."
Mein Handy vibriert und ich muss trotz allem lächeln, als ich Rafaels Namen auf dem Display erkenne.
Rafael: Bist du wach?
Ich: Ja, guten Morgen 😘
Rafael: ❤️
Rafael: Wach genug zum Telefonieren?
Ich: Immer ❤️
Kurz darauf ertönt das Intro von Gossip, jedoch nur für die halbe Sekunde, die es mich kostet, den Anruf anzunehmen.
Rafaels Gesicht taucht auf dem Bildschirm auf, seine dunkelbraunen Haare hängen ihm ungekämmt ins Gesicht und das Bild ist ungewöhnlich dunkel.
"Morgen Kari."
"Hey, alles okay bei euch?"
Nebenher gehe ich wieder dazu über, mein Frühstück vorzubereiten. Ich nehme dieselbe Müslischüssel wie gestern, weil die schon sauber auf der Spüle steht, und fülle sie mit Haferflocken.
"Stromausfall. Liz ist unten und checkt die Sicherungen. Ich wollt nicht allein im Dunkeln sein." Er lächelt verlegen, aber ich kann ihn nur allzu gut verstehen.
Ich bin seit einer Woche allein und ohne die regelmäßigen Anrufe von Rafael und meinen Eltern hätte ich mit Sicherheit schon den Verstand verloren.
Es gibt insgesamt vier Wohnungen im Haus.
Thommy von gegenüber war der letzte, der ging, etwa vor einer Woche. Er meinte zwar scherzhaft, er geht "The-Last-of-Us-Style den Supermarkt raiden", aber ich wusste, was der eigentiche Grund war.
Thommy war absoluter Kettenraucher und ihm sind ein paar Tage zuvor die Kippen ausgegangen. Er wusste, dass draußen der beinahe sichere Tod wartet und hat es trotzdem nicht ausgehalten.
Ich wünschte, ich könnte glauben, dass er es zum Supermarkt geschafft hat und einfach dort geblieben ist. Allein, glücklich inmitten von Essen und Zigaretten...
Aber so delusional bin selbst ich nicht.
Familie Weinberg, die über mir gelebt haben, könnten es dagegen sogar geschafft haben. Sie sind schon beim ersten Anzeichen von Gefahr ins Auto gesprungen, um bei Verwandten unterzukommen, die weiter weg von hier leben.
Im Fernsehen habe ich schon zwei Leute gesehen, die zu der Zeit aufgebrochen und jetzt in Sicherheit sind.
Der Fernseher läuft bei mir inzwischen 24/7, scheiß auf Stromrechnung. Wenn ich raus darf, dann will ich das sofort wissen.
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Der Schatten im Nebel
HorrorEin Zwischenfall auf einem Tagebau. Eine Stadt im Ausnahmezustand. Menschen, die verschwinden, sobald sie vor die Tür gehen. Irgendwas ist da draußen. Und niemand will derjenige sein, der herausfindet, was. - (Buch für die Genre Awards 2026 mit dem...
