Wolfi - Die Seelenwölfin von Vardoran

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In den nebelverhangenen Wäldern Vardorans flüsterten die Menschen einen Namen nur hinter vorgehaltener Hand: Wolfi. Für die einen war sie ein Mythos, für andere ein Fluch. Nur wenige kannten die Wahrheit – und jene, die sie kannten, lebten nicht lange genug, um sie weiterzuerzählen.

Wolfi war die Tochter des Dorfältesten von Dunley. Nach außen hin ein stilles, gehorsames Mädchen mit wachsamen Augen und einer Stimme, die selten erhoben wurde. Doch ihr Blut trug ein zweites Erbe in sich. Ihre Mutter war keine Sterbliche gewesen, sondern eine Dämonin aus den Tiefen der Schattenebenen – eine Wesenheit, die Seelen nicht richtete, sondern verschlang.

Als der Mond zum ersten Mal voll über Vardoran stand, offenbarte sich Wolfis wahre Gestalt.

Ihr Fell war tiefschwarz, makellos, als hätte die Nacht selbst es gewebt. Keine Narbe, kein Makel durfte es entweihen. Wolfi pflegte es mit fast ritueller Sorgfalt, leckte Blut und Schmutz fort, bis es wieder im Mondlicht schimmerte. Denn ihr Fell war mehr als nur Schutz – es war ein Spiegel ihrer Seele. Und jede verdorbene, kranke Seele hinterließ Spuren.

Wolfi war eine Werwölfin.
Und etwas weit Schlimmeres.

Sie verschlang Seelen, um zu überleben. Doch nicht jede Seele war ihrer würdig. Kranke Seelen – von Wahnsinn zerfressene, von Fäulnis verdorbene oder von unheilbarer Schuld zerbrochene – rührte sie nicht an. Sie schmeckten bitter, hinterließen dunkle Flecken auf ihrem Fell, Narben, die selbst dämonisches Blut nur schwer heilte.

So wurde Wolfi zur Jägerin mit Regeln.

Sie verschlang nur jene Seelen, die klar, stark und vollständig waren. Krieger, Fanatiker, grausame Herrscher, die sich für unsterblich hielten. Vampire, die zu tief gefallen waren. Ihre Opfer verschwanden lautlos – zurück blieben leere Körper und das unruhige Gefühl, dass etwas sehr Altes durch den Wald streifte.

Ihr Vater ahnte lange nichts. Als Dorfältester glaubte er, Ordnung bewahren zu können. Doch als er eines Nachts Blutspuren fand, die im Wald einfach endeten, verstand er: Seine Tochter war nicht länger Teil der menschlichen Welt.

Die Begegnung kam im Morgengrauen. Wolfi stand vor ihm, halb Mensch, halb Bestie, ihr schwarzes Fell noch feucht vom Tau. In ihren Augen lag keine Bosheit – nur Hunger und Trauer.

„Ich habe versucht, es zu kontrollieren“, sagte sie. „Ich nehme nur, was ohnehin Verderben bringt.“

Der Alte senkte den Blick. Er wusste, dass Vardoran keine Gnade kannte. Vampire herrschten, Dämonen flüsterten, und Menschen waren Beute. Wolfi war kein Monster in dieser Welt – sie war eine Konsequenz.

Als Dracula fiel und die Nacht ins Wanken geriet, änderte sich auch Wolfis Rolle. Die Macht der Seelen wurde instabil. Verdorbene Energien breiteten sich aus. Immer öfter begegnete sie kranken Seelen, die sie meiden musste. Der Hunger wurde stärker. Die Kontrolle schwerer.

Doch Wolfi blieb standhaft.

Lieber hungerte sie, als ihr Fell – und das Wenige, das von ihr selbst geblieben war – zu beschmutzen.

Heute sagen die Vampire, irgendwo in den schwarzen Wäldern wache eine Wölfin, die nicht jagt wie andere. Sie prüft. Sie urteilt. Und sie verschlingt nur jene, die es verdienen.

Denn Wolfi ist keine Heldin.
Sie ist keine Bestie.

Sie ist das Gleichgewicht zwischen Dämon und Wille.
Und die Nacht kennt ihren Namen.

Blut, Urteil und der Fall des BlutkönigsStories to obsess over. Discover now