Du fehlst mir bruder

10 1 0
                                        

Die Decke fühlte sich schwer an auf meinem Körper, als hätte sie mich die ganze Nacht erdrückt. Meine Beine waren wackelig, zittrig, schwach...
Als wäre ich lange krank gewesen. Oder einfach nur leer..

Ich drehte mich auf die Seite und starrte an die Wand. Es war so unglaublich still.  Ich hörte nur meinen eigenen Atem, pfeifend und rauchig. Heute war der Tag. Lolas Beerdigung.
Allein der Gedanke daran schnürte mir die Kehle zu. Ich hatte mich die letzten zwei Wochen nicht einmal dazu aufraffen können, zu duschen oder das Bett zu verlassen. Ich war einfach liegen geblieben. Stundenlang. Tagelang. In dieser Stille. In dieser verdammten Leere, die sie hinterlassen hatte.
Lola war nicht einfach nur irgendeine Freundin. Sie war ein Teil von uns. Von mir. Unsere kleine Gruppe.
Lisa, Melina, Lola und ich – sie war wie eine kleine Familie. Und jetzt war sie einfach weg.
So schnell. So sinnlos.
Wer raucht mir jetzt noch die Zigaretten weg? Wer kauft jetzt noch Jägermeister, wird bum zua davon und droht anderen damit, ihnen in den Mund zu brunzen? Wer muntert mich auf wenn ich wieder 1300€ Klarna Schulden habe und ermutigt mich danach dazu, noch mehr auf Vinted zu kaufen?
Lola bestimmt nicht mehr. Sie hatte ein zu großes Loch hinterlassen. Eine Wunde die nicht mehr heilen möchte, egal mit wie viel Kraft ich auch versuche sie zuzunähen. Sie reißt immer wieder auf.

Ich zwang mich hoch.. mein Kopf so schwer. Ich setzte mich auf die Bettkante, hielt kurz inne, dann schleppte ich mich zur Couch. Meine Muskeln arbeiteten gegen mich, als ob selbst mein Körper nicht wollte, dass ich heute aufstehe.
Mit zittrigen Fingern griff ich nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Die Stimme des Nachrichtensprechers rauschte wie ein ferner Windhauch durch den Raum. Ich nahm sie kaum wahr. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Alles in mir schrie, liegen zu bleiben. Aber das ging heute nicht.
Nicht heute.
Langsam stand ich auf und trottete in die Küche. Ich machte mir einen Eis Kaffee. Einfach, weil es mein Ritual war..
Ich wischte mir mit dem Ärmel die verschmierte Mascara aus dem Gesicht, sie war ohnehin schon getrocknet. Keine Träne kam mehr.. ich hatte sie alle aufgebraucht.
Während ich 18 Eiswürfel in meine Tasse schmiss, schwirrten meine Gedanken zu Lisa und Melina.
Wie es ihnen wohl geht?
Wir hatten seit Lolas Tod kein Wort miteinander gewechselt. Kein "Wie gehts der Gang?" Kein lustiges Video von einem Mann, sitzend auf einem Fahrrad, auf die eine andere Person dann mit "Kek" reagierte. Nichts. Es war, als wäre mit Lolas Tod auch unsere Freundschaft gestorben.
Ich wusste nicht mal, ob sie heute überhaupt erscheinen würden. Oder ob sie genauso zerbrochen waren wie ich.
Auf dem Weg zurück zur Couch zündete ich mir eine Zigarette an. Der erste Zug brannte im Hals, aber ich brauchte ihn. Ich hustete wie eine irre, es klang äußerst besorgniserregend. Scheiss Raucherlunge.
Ich ließ mich auf das Sofa fallen. Zu dem Kaffee wurde auch noch ein Mental Up (Anti Depressiva) eingeworfen und ich gähnte müde.
Auf dem Bildschirm liefen immer noch die Nachrichten. Irgendwas von einem vermissten Mädchen. 21 Jahre alt. Ich hörte nur mit halbem Ohr hin.
Zu dieser Zeit verschwanden ständig Menschen.
Jeden Tag.. Dutzende von Menschen.
Warum sollte mich das noch kümmern? Meine beste Freundin starb an einem unerklärlich, brutalen Tod. Sie drehte komplett durch bevor ihr Hirn explodierte. Scheisse.. wieso sollte es mich kümmern, das die nächste Person entführt wurde? Was macht das hier alles noch für einen Sinn?!
Ich hatte genug mit meinem eigenen Verlust zu tun.
Es interessiert mich einfach nicht.

Doch dann hielt ich plötzlich inne.

Der Sprecher wiederholte den Namen, ich runzelte die Stirn.

Melina.

Ich hob den Kopf.
„die vermisste 21-Jährige wird seit zwei Tagen gesucht. Angehörige bitten um Hinweise..."
Ich starrte auf den Fernseher.

Ein Bild wurde eingeblendet.

Und ich sah sie.
Melina.
Mein Herz schlug schneller. Ich richtete mich auf.
„OIDA??", brüllte ich fast schon, ich wusste nach den vielen Tagen der Stille nicht einmal, das ich überhaupt noch sprechen konnte.
Ich rieb mir die Augen, aber das Bild blieb.
Melina.
Die Melina. Meine Melina. Unsere Melina.
Ich war nicht mehr müde. Ich war wach. Hellwach. Und plötzlich war es, als wäre die Leere in meinem Körper einem neuen Gefühl gewichen.

Mental Breakdown Stories to obsess over. Discover now