Midtown

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Der Saal ist elegant ausgeleuchtet, Stimmengewirr hängt wie warmer Dampf in der Luft, und überall stehen Menschen, die sich in perfekten Phrasen verlieren.

Annalena sieht ihn, bevor er sie sieht. Natürlich. Sie kennt ihn – und seinen Gang. Er wirkt ruhig, wie immer, aber seine Augen suchen. Nicht den Champagner. Nicht die Kameras. Sie hebt ihr Glas kaum merklich. Und genau da fängt er ihren Blick.

Er kommt nicht sofort zu ihr. Natürlich nicht. Diplomatie ist schließlich auch eine Frage des Abstands. Aber sein Weg führt ihn in ihrer Nähe vorbei. Sie lehnt am Rand des Raums, nicht ganz bei den anderen, aber auch nicht allein. Er bleibt stehen, ein Glas in der Hand, zugewandt, aber nicht direkt.

„Sie wirken gelassen, Frau Präsidentin."

„Ich muss nur souverän aussehen. Der Rest ist Schauspieltalent."

„Vielleicht bewundere ich genau das an Ihnen."

Ihre Augen zucken, ein fast unmerkliches Lächeln.

„Ich hab gehört, Sie wechseln in den Auswärtigen Ausschuss. USA - Deutschland Beziehungen."

„Ich hab gehört, Sie lesen noch zu viel Presse."

„Stimmt. Besonders zwischen den Zeilen."

Sie sehen sich an, und für einen Moment ist alles andere stumm.
Nur sie. Nur er.

Nur das, was sie nicht sagen dürfen.

„Du vermisst mich", sagt sie schließlich, leise genug, dass nur er es hört.
Er lächelt kaum merklich – aber sie sieht, wie es in ihm arbeitet.

„Ich vermisse deine Unverfrorenheit", sagt er. „Wie du mich herausforderst, ohne ein Wort zu sagen."

Sie dreht leicht den Kopf, ihr Blick spielt mit seinem.

„Und?"

„Deine Stimme. Deinen Geruch. Deinen Sarkasmus, wenn du so tust, als ginge dir alles am Arsch vorbei."

Sie neigt sich näher zu ihm. „Und dabei weißt du längst, dass ich genau hinschaue."
„Ja", sagt er. „Und genau das bringt mich um den Verstand."

Ein kurzes Lachen, kaum hörbar.
„Vorsicht, das klingt fast wie ein Geständnis."

Er antwortet nicht. Sie kennt ihn gut genug, um zu wissen, was sein Schweigen bedeutet.

Ein paar Kollegen drängen sich vorbei, der Moment wird unterbrochen, aber nicht beendet.
Sie tun, als wäre alles gesagt.
Doch als sie sich abwenden, flüstert er an ihrem Ohr vorbei.

„Lass mich dich nachher nach Hause bringen."

Keine Bitte. Kein Befehl. Nur diese leise Gewissheit, dass sie beide wissen, worauf sie zusteuern. Sie antwortet nicht sofort, nur ein kurzes Nicken, fast unsichtbar.

Und später, als sie nebeneinander in ihrem Auto sitzen, das Licht der Stadt auf ihren Gesichtern flackert, wissen sie beide: Es war nie nur Politik. Es war immer auch etwas anderes. Etwas, das sich in Blicken verirrte. In stillen Momenten. In dieser verdammten Nähe, die sie nie ganz abgeschüttelt haben.

Die Tür fällt leise hinter ihnen ins Schloss. Kein überflüssiges Wort.

Sie steht einen Moment im Flur, streift die Schuhe ab, dreht sich zu ihm.
Das Licht der Stadt fällt durch die großen Fenster hinter ihr, streift ihre Schultern, ihren Hals.
Er bleibt stehen, sieht sie einfach nur an.
Ein Moment des Wiederfindens. Kein wildes Anstürmen – nur ein Blick, der sagt: Endlich.

„Du bist weit gereist für einen Freundschaftsbesuch", sagt sie trocken.

„Ich bin nicht nur wegen der UN hierher gekommen."

Sie lacht leise. „Ach, du bist diplomatisch wie eh und je."

Er tritt näher. „Vielleicht versage ich gerade in jeder Disziplin, die ich je gelernt hab."

„Dann mach weiter damit", flüstert sie.

Sie stehen sich gegenüber, nur Zentimeter. Seine Hände gleiten an ihre Taille, langsam, wie ein Fragezeichen. Sie antwortet mit einem Kuss, der keine Frage mehr zulässt.

Er hebt sie auf die Kante ihres Sideboards, neben den Akten, neben einem Brief von gestern, der nun unwichtig geworden ist. Ihre Beine schließen sich um seine Hüften, während sie seine Krawatte lockert, halb zwischen Lachen und Seufzen.

„So ernst musst du mich nicht nehmen", murmelt sie, als sie den obersten Knopf seines Hemdes löst.

„Ich nehm nur dich ernst", sagt er, und sie weiß, so blöd romantisch das klingt – er meint es.

Ihr Rücken findet den Schreibtisch, wo sonst Notizen, Strategien, Reden liegen. Jetzt nur noch er. Und sie. Und der Rhythmus, der sich zwischen ihnen findet, der alles andere ausblendet.

Später, auf der Couch, weniger hastig, mehr tastend.
Er hält sie an der Hüfte, sie liegt halb über ihm, ihre Finger auf seiner Brust, ihre Stirn an seiner.
Atem, der sich langsam beruhigt. Körper, die sich gefunden haben.

Sie schweigt eine Weile, dann sagt sie:

 „Wenigstens haben wir mal einen Raum benutzt, den noch niemand vorher entweiht hat."
Er lacht leise, seine Hand in ihrem Haar.

„Noch."

Sie sieht ihn an, ernst, weich.
„Du musst trotzdem morgen früh wieder wichtig sein."

Sie liegt mit dem Rücken zu ihm, die Stadt jenseits der großen Fenster glüht in verschwommener Dunkelheit. Ihre Schultern heben und senken sich ruhig, aber er weiß, sie schläft noch nicht. Seine Hand liegt auf der warmen Haut ihrer Taille, fast ehrfürchtig, als hätte er Angst, sie zu verlieren, wenn er sie zu fest hält.

„Bleibst du diesmal länger?", fragt sie plötzlich, ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, weich, aber mit einem fast schneidenden Unterton. Er zögert. Zählt innerlich alle Gründe, warum er gehen müsste. Alle Konferenzen, Gremien, Ausschüsse. Und dann:

„Ich weiß es nicht."

Ehrlich. Zu ehrlich.

Sie sagt nichts mehr. Und irgendwann zieht sie sich ein Stück näher zu ihm hin. Draußen heult ein Taxi durch die Straßen, und für einen Moment fühlt sich der Raum viel zu groß an für zwei.

One Shots - BaerbeckWhere stories live. Discover now