Das zweite Leben - 12. Mai 2010

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I. Wiedergeburt

Ich war diesen Weg schon unzählige Male gelaufen. Es war meine übliche Strecke, um vom Bahnhof nachhause zurück zu kommen, und bisher hatte ich den schlecht asphaltierten Weg sowohl tagsüber als auch nachts immer ruhig und sicher erlebt. Manchmal traf man mitten in der Nacht noch auf Jogger oder Leute, die ihren Hund ausführten - oder man teilte sich die Strecke mit ein paar anderen Nachtschwärmern auf dem Heimweg, die auch von irgendeiner Party zurückkamen.

Meine Heimatstadt lag im Speckgürtel einer Großstadt, in der viele Einwohner arbeiteten oder studierten und für die Generation unter dreißig fand das Nachtleben dort statt, wo auch etwas los war. Aber in dieser Nacht hatte ich irgendwie den Anschluss an die restlichen Heimkehrer verpasst und war alleine ausgestiegen. Am anderen Ende des Bahnsteigs hatte zwar noch jemand den Zug verlassen, eine junge, ziemlich hübsche Frau, aber die hatte ich schon aus den Augen verloren, während ich noch mit mir haderte, ob ich es wagen sollte, sie anzusprechen.

Der unbeleuchtete Weg verband die Bahnstraße mit der Alten Rath Allee. Sie führte direkt an den Schienen auf der einen Seite und einem Feldstück auf der anderen entlang und war der mit Abstand kürzeste Weg zu meinem Stadtteil. Irgendwann gabelte sich der Pfad und mein Weg würde rechts abzweigen, durch eine größere Baumgruppe führen und direkt am Ortsrand auskommen.

Doch diesmal sollte ich nicht so weit kommen. Es war kurz vor vier Uhr in einer dunklen, aber nicht absolut finsteren Nacht, und ein spärlicher Mondschein fand seinen Weg durch den wolkenverhangenen Himmel, tauchte die Umgebung in ein düsteres Zwielicht, in dem ich entfernt schon die dunklen Umrisse der Bäume wahrnehmen konnte. Das Licht half, um den zahlreichen Pfützen auf dem Boden auszuweichen. Es hatte den gesamten Abend stark geregnet, aber wenigstens herrschte inzwischen nur noch ein leichter Nieselregen. Abgesehen von den winzigen Tropfen, die mir ins Gesicht flogen, nahm ich den Regen kaum wahr.

Und auch ansonsten bekam ich nicht viel um mich herum mit. Ich hatte mich mit ein paar Freunden auf einer Party getroffen, aber der Abend war nicht so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Naja, bis auf die Tatsache, dass ich auf dem Rückweg gut angetrunken war. Ich meine, ich war nicht richtig betrunken, es war kein vollwertiges Kater-Potential, aber viel fehlte dazu nicht mehr.

Um die schlechte Laune nach dem misslungenen Abend zu vertreiben, hatte ich Kopfhörer aufgesetzt und ließ die alten Alben von Linkin Park durchlaufen. Es half nur bedingt, ich war trotzdem noch schlecht gelaunt aus Gründen, die so lächerlich waren, dass ich nicht näher darauf eingehen will. Dazu war mir kalt und langsam machte sich Müdigkeit in mir breit.

Ich wollte nur noch nach Hause kommen, die klebrige Kleidung (irgendein sturzbetrunkener Idiot war gestolpert und hatte sein Bier über mich gekippt) loswerden und mich schlafen legen.

Als ich kurz nicht aufpasste, trat ich in eine besonders große Pfütze und spürte, wie mir kaltes Regenwasser in den Schuh lief. Ich fluchte, schüttelte den Fuß aus und bemerkte nicht, wie mehrere Gestalten sich von der Feldseite näherten.

Die Gruppe - vier oder fünf Jungs um die achtzehn, also allesamt ein paar Jahre jünger als ich, aber dummerweise um einiges kräftiger - hatte an den alten Traktoren herumgelungert.

Das waren einige völlig ausgeschlachtete Karosserien, die der Bauer, dem das Feld gehörte, da vor Jahren abgestellt hatte. Wenn ich recht überlege war es wohl eher schon dessen Vater, denn die Traktoren standen dort schon mein gesamtes Leben lang und selbst, als ich noch ein kleines Kind war, waren sie schon alt gewesen. Jedenfalls waren sie so hergerichtet, dass niemand sich daran verletzten konnte, aber die Kinder konnten darauf herumklettern, spielen, so tun, als würden sie die Maschinen fahren.

Tagebuch eines Jägers - Die Kinder der NachtStories to obsess over. Discover now