Kapitel 1: Zoey

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Heute ist ein guter Tag. Die Kinder haben sich heute Morgen ausnahmsweise mal nicht gestritten, sich anständig fertig gemacht und sind brav in die Schule und Kindergarten gegangen. Nun bin ich auf dem Weg zur Arbeit, die mich erfüllt und glücklich macht. Ja, ich hab's im Gefühl - es ist ein guter Tag!

Ach, wer ich bin? Ich stelle mich mal kurz vor:
Ich bin Zoey, 35 Jahre alt und habe zwei Kinder im Alter von 7 Jahren - Leon und 3 Jahren - Elli. Der Vater der Kinder ist vor zwei Jahren bei einem Autounfall verstorben. Fahrerflucht. Der Fahrer wurde leider nie gefunden und zur Rechenschaft gezogen. Es war eine harte Zeit, vor allem für Leon, Elli war noch zu klein, um es zu verstehen. Ich habe viel Kraft gebraucht, für meine Kinder da zu sein, während ich selbst so sehr an seinem Verlust gelitten habe.
Ohne meine Familie und Freunde hätte ich diese Zeit niemals überstanden. Heute geht es mir wieder gut, natürlich fehlt er ganz oft noch, aber es tut nicht mehr so weh. Bereit für neue Dates bin ich aber noch nicht, ich konzentriere mich voll und ganz auf meine Kinder und mich.
Meine Figur würde ich als kurvig, aber schlank bezeichnen, habe lange, blonde Haare und blaue Kulleraugen. Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit mir selbst, lediglich der kleine Bauch, der nach meiner letzten Schwangerschaft blieb, dürfte langsam weg. Andererseits entstand er, weil Liebe in meinem Bauch heranwuchs, daher stört er mich eher weniger.
Mit meinen Kindern wohne ich in der schönen Pfalz, in einem schönen, großen Haus mit riesigem Garten, in dem es den Kindern an nichts fehlt.

Ich arbeite als Stellvertretende Leitung in einem tollen Kindergarten, mit den besten Kollegen, die man sich wünschen kann. Nein, eigentlich ist Kollegen das falsche Wort - mehr sogar Freunde. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, sie zu haben. Denn als alleinerziehende Mutter hat man es nicht immer leicht und dann ist es umso wichtiger, tolle Kollegen und vor allem Freunde zu haben.

Zurück zu meinem Morgen.
Auf der Arbeit angekommen wird mir ein neuer Mitarbeiter vorgestellt, der als Schwangerschaftsvertretung einer Kollegin da ist. Ein gut aussehender junger Mann, vermutlich in meinem Alter reicht mir lächelnd die Hand.
„Hallo, ich bin Mike. Ich freue mich auf die neue Arbeit und hoffe, Sie könnten mir hier als Stellvertretende Leitung einmal alles zeigen?", begrüßt er mich.
„Hallo! Ich bin Zoey. Natürlich führe ich Sie gerne herum, nachdem ich die Kinder begrüßt habe. Über Ihre Unterstützung freuen wir uns sehr. Sie werden bei mir in der Bärengruppe eingesetzt, daher würde ich vorschlagen, Sie folgen mir einfach erstmal in die Gruppe und ich stelle Sie vor?!", schlage ich vor.
Er nickt lächelnd und folgt mir direkt. In der Gruppe angekommen, versammle ich die Kinder im Morgenkreis, um ihnen Mike vorzustellen. Sie sind sehr neugierig auf ihn, deshalb geht der Morgenkreis mal etwas länger als sonst, aber wir haben viel Spaß. Mike hat den Kindern direkt schöne Impulse gegeben und so verlief der Vormittag reibungslos. Zum Mittagessen ist heute unsere Kollegin Rita eingeteilt, also nutzen Mike und ich die Gelegenheit für die KiTa-Rundführung. Zu allererst biete ich ihm das „Du" an, denn eigentlich sind wir hier alle sehr familiär und per Du in unserer KiTa. Sichtlich erfreut nimmt er dies an.
„So, das Vorstellungsgespräch hattest du ja mit Viola, unserer Leitung. Was hat sie dir denn schon alles erzählt über unsere KiTa, das Konzept etc?", frage ich ihn.
„Ihr habt drei Gruppen mit jeweils 15-20 Kindern, eine Gruppe davon ist eine Krippe, mit Kindern ab einem Jahr bis drei Jahren. Sobald sie keinen Mittagsschlaf mehr machen, kommen sie in eine der größeren Gruppen. Ihr habt ein Teil-Offenes Konzept, wobei ich darüber gerne noch etwas mehr erfahren würde, denn das definieren die meisten KiTas unterschiedlich. Ansonsten weiß ich, dass ihr tolle Angebote für Kinder habt, z.B. geht ihr einmal im Monat mit der ganzen KiTa in den Wald. Aber ich freue mich darauf, mehr von dir zu erfahren und die KiTa als Ganzes kennenzulernen."
„Also gut, damit weißt du ja schon eine Menge. Ich zeige dir jetzt mal unsere ganzen Räume, währenddessen beantworte ich dir gerne alle Fragen."

Nach einer halben Stunde sind wir mit dem Rundgang fertig und ich habe Feierabend. Ich verabschiede mich von allen Kollegen und den Kindern und fahre nach Hause, wo sich meine Gedanken drehen. Mike. Wow. Er ist ein recht großer, aber auch nicht zu großer Mann, hat braun gebrannte Haut, halblange dunkelblonde Haare und strahlend blaue Augen. Außerdem hat er ein sehr schönes Lächeln, bei dem es einem warm ums Herz wird. Noch dazu ist er bei den Kindern super angekommen, was bei uns in der KiTa eher selten ist. Meistens sind die Kinder anfangs sehr zurückhaltend und schüchtern. Aber bei Mike waren sie sofort Feuer und Flamme und konnten sich den Vormittag über kaum von ihm lösen. Er hat wirklich etwas sehr ruhiges, entspanntes und einfach friedliches an sich.
Er ähnelt damit auch ein bisschen meinem verstorbenen Mann, Marius. Er hatte auch immer so eine Ruhe ausgestrahlt, neben ihm konnte man eigentlich nie gestresst sein. Und wenn man es dann doch war, hat er einen immer wieder zurück geholt und einem wieder die Ruhe gebracht, die man brauchte. Ach Marius, wenn du doch hier sein könntest. Du hättest dich bestimmt gut mit Mike verstanden auf dem nächsten KiTa - Fest. Deine Kinder vermissen dich. Leon fragt so oft nach dir und ob es dir gut geht, da wo du jetzt bist und Elli fragt langsam, wo ihr Papa eigentlich ist, wo sie doch in der KiTa sieht, dass alle anderen Kinder eine Mama, aber auch einen Papa haben. Wie schön wäre es, wenn du sehen könntest, wie deine Kinder aufwachsen. Vielleicht tust du das sogar, da oben im Himmel? Schöner wäre es aber, wenn du hier wärst. Bei uns. Bei deinen Kindern. Leon das Fahrrad fahren, Fußball spielen oder auch den so tollen Umgang mit Mädchen beibringst, den du hattest. Elli zeigen, wie ihr künftiger Mann sie behandeln sollte und dass sie sich mit nichts darunter zufrieden geben sollte. Wie soll ich das denn alles alleine schaffen? Ohne dich? Eine kleine Träne läuft die rechte Backe runter.
Plötzlich bin ich wieder im hier und jetzt. Gerade noch rechtzeitig, es hupt. Ich bin in die Gegenfahrbahn geraten und fast hätte es gekracht.
„Ach du meine Güte!", entfährt es mir.
Ich muss bei nächster Gelegenheit rechts ran fahren und mich sammeln. Ich möchte schließlich nicht, dass meine Kinder beide Eltern verlieren. Der Tag hat so gut angefangen, er soll auch gut bleiben.

Nachdem ich nun ein paar Minuten in einer Bucht stehe, geht es mir wieder besser und ich fahre weiter nach Hause und höre dabei meine Lieblingsmusik, die mir wieder zu guter Laune verhilft.
Zuhause angekommen wird der Haushalt in Windeseile erledigt und alles zum Kochen vorbereitet. Dann gehts auch schon los, die Kinder abholen.
Beim Abendessen ist es unser kleines Ritual, dass jeder von seinem Tag erzählt. Ich finde das sehr schön, ich finde, dadurch sind wir näher miteinander verbunden. Leon erzählt wirklich oft sehr viel und ausführlich. Manchmal findet er kein Ende mehr, das hat er von seinem Vater. Wenn er von etwas begeistert war oder ihm etwas auch einfach nur Freude bereitet hat, konnte er stundenlang davon erzählen. Heute war wieder einer dieser Tage, an denen Leon kein Ende fand, ich musste einfach unwillkürlich lächeln über seinen Enthusiasmus.
Er stockte: „Was ist, Mama?"
Ich fragte irritiert: „Wieso mein Schatz, was soll sein?"
„Mama, du weinst?!"
Herrje! Das ist mir gar nicht aufgefallen. Er hatte mich so sehr an seinen Vater erinnert, das hat mich ganz offensichtlich nicht nur fröhlich gestimmt.
„Oh, nichts Schatz, ich bin einfach glücklich. Das sind Freudentränen weißt du", versuche ich ihm beschwichtigend zu erklären.
Es hat gewirkt und er fährt mit seiner Erzählung fort.
Vor dem Schlafen gehen werden die Zähne geputzt und ein Kapitel in ihrem Gute Nacht Buch gelesen. Als Elli im Bett liegt und ich Leon ins Bett bringe, fragt er nochmal nach, weshalb mir Tränen gelaufen sind, er könne nicht ganz glauben, dass dies nur Freudentränen waren.
Als ich ihm erkläre, dass er mich manchmal einfach an seinen Vater erinnert und mich das stolz macht, ich ihn aber vermisse, schießen nun auch ihm Tränen in die Augen.
„Ich vermisse Papa auch sehr, Mama!", schluchzt er.
Ich nehme ihn tröstend in den Arm.
„Ich weiß mein Schatz. Wir werden ihn immer vermissen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber er wird hier nie vergessen, hörst du?! Papa wird im Herzen immer bei uns sein und ich bin mir sicher, er schaut uns jetzt gerade zu und möchte uns nicht weinen, sondern lächeln sehen", versuche ich, Leon zu trösten und mir selbst zu glauben.
Aber es hat geholfen. Leon presst ein Lächeln hervor und im selben Augenblick bin auch ich nicht mehr so traurig.

Zum Abschluss des Tages gieße ich mir ein Glas Wein ein und setze mich auf die Couch, um in meinem Buch weiter zu lesen. Als mein Glas leer ist und mir die Augen zu fallen, gehe auch ich ins Bett und träume von Marius und den Kindern, wie sie lachend im Garten toben.

HerzenswegeWhere stories live. Discover now