Kapitel 1

23 3 2
                                        

Wiedersehen im Shelby's

Es war meine erste freie Woche seit ich meinen neuen Job als Journalistin begonnen hatte. Und um dieses Ereignis zu feiern, ging ich in meine Lieblingsbar „Shelby's". Seit meinem Umzug war ich jedes Wochenende hierher gekommen und kannte nun den Besitzer, Robert Shelby, ziemlich gut. Dem in die Jahre gekommenen Mann, der mit seinem grauen Schnauzer manchmal einem Cowboy ähnelte, sah man direkt an, dass er für sein Ein-Mann-Unternehmen lebte. Er war ungefähr in den Sechzigern und noch sehr gut auf den Beinen. Dies bewies der kleine, freundliche Barbesitzer jeden Tag, während er von früh bis spät Koch, Barkeeper, Putzfrau und Seelenklempner für alle bereits zu betrunkenen Menschen spielte, die ihm gerne ihre Lebensgeschichten mit auf das leere Tablett legten.
Und so schnell, wie er auch sonst auf seinen kreativ bemalten Rollerskates zwischen den Tischen umherkurvte, tat er das auch heute, wobei er mir gleich ein Glas gefüllt mit Scotch auf den Tisch stellte und mir mit einem Nicken einen guten Durst wünschte. Ich lächelte ihn, wie die vielen Male zuvor, zufrieden an und vertiefte mich wieder in mein Buch, in das ich schon seit guten drei Stunden versunken war. Und nein, dies war nicht mein drittes, viertes, oder fünftes Glas Alkohol, ich hatte zuvor bloß Wasser getrunken, doch plötzlich gelüstete es mich nach etwas Stärkerem. So nahm ich ab und zu einen Schluck meines Getränks, ohne von den höchst interessanten Seiten aufzusehen und glitt immer mehr in die Geschichte meiner Lektüre ab.

Weshalb ich auch nicht bemerkte, dass ein gutaussehender junger Mann sich gerade meinem Tisch näherte.
„Verzeihung, dürfte ich mich setzen?" ,fragte plötzlich eine allzu bekannte Stimme zu meiner Rechten. Ich saß wie immer in der hinteren letzten Ecke, mein kleiner persönlicher Rückzugsort, wenn man es so wollte, den Robert netterweise immer für mich frei hielt. Deshalb wunderte es mich umso mehr, dass mich hier hinten jemand ansprach, erst Recht dieser Jemand, denn, wie mir gerade durch den Kopf schoss, war mir diese Stimme nicht nur vertraut, sondern auch äußerst unangenehm.

Ich sah hoffnungsvoll und mit etwas steifem Nacken auf, mit dem Wunsch, es möge eine andere Person sein. Doch ich hatte heute kein Glück, noch während meine Augen die Impulse dieses Anblicks zu meinem Gehirn weiterleiten konnten, flüsterte ich schon das entscheidende Wort. „Matteo"
„Wie bitte?" ,fragte mein Gegenüber sichtlich verwirrt. Nun bemerkte ich, wie ich ihn angestarrt hatte, was aber zu erwarten war, da ich noch realisieren musste, dass dieser beinahe umwerfend schneidige junge Mann tatsächlich mein alter Klassenkamerad war, den man sonst eigentlich immer hinter einem Computerbildschirm gefunden hatte. Ich erblickte sein dunkelblondes Haar, die stechend blauen Augen, die leicht blassrosa, jedoch so seidig scheinende Haut, und das unverkennbare Grinsen, das um seine Lippen spielte. Ja, ich war mir zu Einhundert Prozent sicher, dies war Matteo Cooper.
„Entschuldigen Sie, was haben Sie gerade gesagt?" ,fragte er erneut und holte mich aus meinen verworrenen Gedanken. Die ganzen Ereignisse, die ganzen Erinnerungen, die ganze vergangene Zeit schien für einen Augenblick wiedergekehrt zu sein. Und dies gefiel mir ganz und gar nicht.
Schnell schüttelte ich mich, erlangte meine Fassung zurück und legte das Buch beiseite. „Ich sagte deinen Namen, weil mir deine Stimme so bekannt vorkam" ,erklärte ich wahrheitsgemäß. „Und der wäre?" ,fragte er mich neugierig, nun mit einem charmanten Lächeln im Gesicht. Auch ich fing jetzt leicht an zu lächeln , da ich auf seine folgende Miene gespannt war. „Matteo Cooper" ,antwortete ich. Und wie gedacht zerfiel sein herausfordernder Blick augenblicklich in Scherben und ein dunkler Schleier legte sich über die sonst so strahlenden Augen. Langsam kam er eine Armlänge näher und setzte sich schließlich gegenüber von mir. „Woher weißt du das?" ,fragte er nun flüsternd. Seine Augen waren ein wenig zu Schlitzen verengt und sein wahrer Gesichtsausdruck nicht erkennbar. Er wirkte ganz plötzlich so dunkel und gefährlich, mit Sicherheit eine jahrelang antrainierte Fähigkeit, da er so einen Stimmungsumschwung früher nicht beherrschte. Obwohl es vermutlich nur gespielt war, denn sein Auftreten verriet, dass er eigentlich daran gewöhnt war, erkannt zu werden.
Etwas unsicher öffnete ich meinen Mund. „Wir sind in dieselbe Klasse gegangen, daher kennen ich dich." Schon wieder wechselte sein Ausdruck von der harten, stählernen Fassade, zu einer weichen, verspielten, vielleicht etwas überraschten Miene. Um ehrlich zu sein, gefiel mir diese gleich viel besser.
„Du kennst mich also aus der Schule" ,fing er an, „welche Klasse?" Langsam entspannte ich mich wieder ein wenig, wobei ich gar nicht gemerkt hatte, wie angespannt ich war und antwortete in ruhigem Ton: „Elfte Schulstufe." Ein Lächeln strich über seine annähernd perfekten Lippen und seine Ausstrahlung wurde von Sekunde zu Sekunde wärmer. „Sieh mal einer an, die Middleschool" ,sagte er. „Du meinst Highschool, oder?" ,verbesserte ich spitz. „Du sagst also die Wahrheit" ,stellte er endgültig fest, „aber bitte nimm mir nicht übel, dass ich mich nicht an deinen Namen erinnern kann."
Diesmal war ein wenig Bedauern in seinen Augen zu erkennen, ihm tat das wohl wirklich leid. Aber ich würde es ihm bestimmt nicht so leicht machen, wie er mir. Bestimmt nicht bei dem, was wir uns damals alles geleistet hatten. Mal sehen, ob er noch so gut in unseren Spielchen war wie früher.
„Ich gebe dir einen Tipp" ,meinte ich mit einem verschmitzten Lächeln, „2020 - August - Bordeauxrot" Das letzte Wort sprach ich besonders betont aus, da es den wichtigsten Effekt hatte und anscheinend auch erzielte, denn mit einem Mal wurden seine Augen groß und ein Hauch von Entsetzen machte sich auf seinem markanten Gesicht breit. Er wusste also wovon ich sprach.
„Ach du Scheiße, Alex?" ,fragte er schockiert, woraufhin ich ihm mit einem zustimmenden Lächeln die Antwort gab. „Das kann doch nicht wahr sein" ,er schluckte schwer, „wie kommst du nach LA?" „Das Gleiche könnte ich dich fragen, ich bin nicht die Einzige, die in Boston studieren wollte." „Aber du meintest doch, es sei noch nicht sicher." „Und du hast gesagt, du hättest dich schon angemeldet" ,beendete ich die kleine Diskussion. Schon wieder tauchte ein neues Gesicht auf, Traurigkeit.
Matteo und ich schwiegen kurz, bis ich den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, doch Matteo kam mir zuvor. „Es tut mir leid, dass ich dich angelogen habe" ,sagt er beinahe im Flüsterton. Ich schloss den Mund wieder und nickte nur stumm. Ich wollte nicht, dass dieses Thema wieder aufkam, niemals, aber jetzt saß ich an meinem Stammtisch, in meinem bisherigen Lieblingslokal, mit einem alten Kollegen den ich eigentlich vergessen wollte. Immer wenn ich mit ihm zusammen war, brach Chaos in meinem Leben aus. Aber wie mir das Leben schon so oft bewiesen hatte, und anscheinend noch immer gerne tat, hatte es den Spaß, mir alle Pläne zu durchkreuzen, nicht verloren. Was hätte ich jetzt also tun sollen? Einfach gehen? Das hätte ich nicht gekonnt, denn auf eine seltsame Art und Weise hatte ich dieses Gefühl vermisst, das immer dann aufkam, wenn ich mit Matteo zusammen war.
„Was machst du also hier in Los Angeles?" ,fragte ich schließlich. Mein Gegenüber schluckte und nahm sich etwas Zeit für die Antwort. „Ich arbeite in der Verlagsbranche" ,brachte er schließlich hervor.
„Okay, und wo genau arbeitest du?" „Charleston Enterprise." „Ernsthaft?" ,schrie ich fast. Mein Mund öffnete sich kurz einen Spalt und brachte mein Erstaunen verstärkt zum Ausdruck. „Das ist der erfolgreichste Verlag weltweit. Wie bist du da reingekommen und seit wann schreibst du?" ,frage ich aufgebracht weiter. Auf Matteos Gesicht fand das reizende Lächeln wieder zurück und zwischen den samtigen Lippen tauchten seine strahlenden Zähne auf. „Ich schreibe nicht, ich suche Autoren."
Moment mal, er suchte Schriftsteller die was drauf hatten? Das war meine Chance. Ich wollte schon ewig zu einem guten Verlag der mir versprechen konnte, endlich voran zu kommen. Charleston Enterprise war die Spitze des Eisbergs. Wer dort reinkam, hatte die besten Chancen der nächste Bestsellerautor oder die nächste Bestsellerautorin zu werden. Selbstverständlich musste man ein gewisses Maß an Feingefühl mitbringen, aber vor allem waren Kontakte nötig und wie es das Schicksal offenbar wollte, saß ich hier mit einem Mitarbeiter oder vielleicht meinem Ticket in die Welt der Großen.
„Du kennst nicht zufällig einen Hobbyautor, der die nächsten Jahre vorhat berühmt zu werden, oder?" ,riss er mich aus meinen Gedanken. Schnell schüttelte ich den Kopf und sah zu ihm auf. „Doch, ich" ,sprudelte es aus mir heraus. Sein Grinsen wurde augenblicklich breiter und die glasklaren Augen strahlten noch heller. „Du schreibst noch?" ,fragte er. Aufgeregt nickte ich. „Ich hab nie damit aufgehört, gerade bin ich bei einer kleinen Zeitung aber ich hab seit der Highschool meine ersten Bücher vollendet" ,erzählte ich mit einem Funken von Stolz in meiner Stimme. Ich war damals in einer Art Schreibrausch gewesen. Ich konnte nicht aufhören, die Ideen aus meinem Kopf aufzuschreiben und irgendwann war mein erstes Buch mit beeindruckenden 347 Seiten verfasst. In denselben Sommerferien, zwischen der elften und zwölften Schulstufe, schrieb ich den zweiten und dritten Teil meines Romans und so entwickelte sich mein kleines Projekt, zu einer spannenden Krimi -trilogie.
Ich hatte meine Werke nach meinem ersten Studium einem nicht gänzlich unbekannten Verlag in Philadelphia vorgestellt, jedoch waren sie nicht von meiner Idee überzeugt. So begann ich mein zweites Studium in Journalismus und fing danach bei einer kleinen Stadtzeitung an, in der ich ständig im Büro festsaß, mit der Zeit ein vorhersehbarer Tod an Langeweile und Unterforderung. Umso wichtiger war es nun für mich, Matteo von mir zu überzeugen.
„Also, wenn du möchtest kann ich dir meine ersten Stücke zeigen und du machst dir davon ein Bild" ,schlug ich vor. Matteo sah mich nur an, seine Augen funkelten meinen freundlich entgegen und leichte Denkfalten zeichneten sich auf seiner Stirn ab, er überlegte anscheinend. Es war zwar kein Ja, aber besser als ein Nein gleich am Anfang.
Schließlich blinzelte er und nickte. „Ich sehe sie mir an."
Hatte er das gerade wirklich gesagt?
„Wirklich?" ,fragte ich fassungslos, woraufhin er noch einmal nickte. Schnell kramte ich nach meinem USB-Stick und übergab ihn ihm. „Aber unter einer Bedingung" ,fügte er etwas ernster hinzu, „ich darf dir was zu trinken ausgeben."

Alte/Neue FeindeWhere stories live. Discover now