*Kapitel 1*

169 18 2
                                        

# Kapitel 1

Es war dunkel. Ich zitterte am ganzen Körper. Durch das kleine Fenster direkt unter der Decke schien etwas Licht herein, sodass ich nur die vagen Umrisse der Gegenstände in dem Raum erkennen konnte. Schon wieder war ich von Dudley und Vernon verprügelt und in den Keller gesperrt worden – nur diesmal hatten sie mir weder eine Decke noch etwas zu Essen gegeben. Wenn ich richtig lag, war ich nun etwa vier Tage hier unten, und es war zum Kotzen. Bei der nächstbesten Gelegenheit haute ich ab, denn irgendwann mussten sie mich doch wieder rauslassen. So oder so.

Die Kälte fraß sich durch meine dünne Kleidung, und der nackte Steinboden raubte mir jede Wärme, die mein zerschundener Körper noch aufzubringen vermochte. Ich hatte längst aufgehört zu zählen, wie oft ich aufgewacht war, nur um in dieselbe trostlose Finsternis zu starren. Der Hunger nagte in meinem Magen, ein stumpfer, bohrender Schmerz, der sich mittlerweile mit der bleiernen Müdigkeit vermischte, die mich wie ein nasser Mantel umhüllte. Mein Rücken schmerzte von den Schlägen, und jedes Atemzug erinnerte mich schmerzhaft daran, dass die Rippen wohl wieder einmal angeschlagen waren. Aber das war nichts Neues. Ich hatte gelernt, den Schmerz auszublenden, ihn in eine Ecke meines Bewusstseins zu schieben, wo er mich nicht störte. Es gab Wichtigeres als körperliche Qualen – zum Beispiel der Gedanke an Flucht.

Langsam erwachte ich durch ein klackendes Geräusch aus meinem Schlaf. Noch etwas schwummrig und wackelig stand ich auf und tappte auf eben jenes Geräusch zu. Es kam vom Fenster, das ich nur schwer erreichen konnte, obwohl ich mich mit ausgestrecktem Arm und auf Zehenspitzen so weit wie möglich emporreckte. Die Muskeln in meinen Beinen zitterten vor Anstrengung, und mir wurde schwindelig, als das Blut in meinen Kopf schoss. Ich biss die Zähne zusammen und konzentrierte mich auf das kleine Rechteck aus Licht, das mir wie ein rettender Anker in der Dunkelheit erschien. Endlich erreichte ich es, öffnete es einen Spaltbreit – und ein Steinkautz quetschte sich hindurch.

Der Vogel landete unsanft auf dem staubigen Boden, blinzelte mit seinen großen, runden Augen und sah mich an, als wäre ich die merkwürdigste Kreatur, die ihm je begegnet war. Sein Gefieder war graubraun und zerzaust, und er wirkte beinahe so erschöpft wie ich. Er hüpfte ein paar Mal aufgeregt umher, ehe er mit seinem Schnabel auf sein eigenes Bein deutete.

Dort war eine kleine Papierrolle befestigt, die er mir in gewisser Weise entgegenstreckte. Zögerlich beugte ich mich zu ihm hinunter, meine Finger zitterten vor Kälte und Aufregung, als ich die Schnur löste. Der Steinkautz sah mir geduldig zu und gab ein leises, kratziges Geräusch von sich, als wolle er sagen: Mach schon, Junge, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Also nahm ich die Rolle ab, rollte sie auf und fing an zu lesen. Die Buchstaben tanzten vor meinen müden Augen, doch ich zwang mich, sie zu fokussieren:

"Sehr geehrter Mister Potter,

am heutigen Tage verstarb der hoch angesehene Lord, Duke William George Frederik von Northumberland, und hat Sie zu seinem Nachfolger ernannt.

Wir möchten Sie darum bitten, innerhalb von drei Tagen in der Gringotts-Zaubererbank zu erscheinen, um das Erbe anzutreten. Sollte dies nicht geschehen, verfällt Ihr Recht auf Titel und Ländereien.

Hochachtungsvoll,

Erbbeauftragter Kobold

Kural"

Langsam ließ ich den Brief sinken. Meine Hände zitterten, doch es war nicht mehr die Kälte, die sie schüttelte. Eine Frage brannte in mir, heiß und drängend wie ein Fieber: *Warum sollte jemand, den ich nicht kenne, von jemandem, dessen Namen ich noch nie zuvor gehört habe, mich als Erben ernennen?* Ich las die Zeilen noch einmal, Wort für Wort, als könnte sich plötzlich ein verborgener Sinn darin offenbaren. Lord von Northumberland? Ich kannte keinen Adeligen, keinen Herzog, keinen William Frederick irgendetwas. Ich war doch nur Harry Potter – der Junge, der unter der Treppe schlief, der von den Dursleys wie Dreck behandelt wurde, der kaum wusste, was es hieß, in einer warmen Stube mit einer richtigen Mahlzeit zu sitzen. Warum sollte ein reicher, mächtiger Mann einen unbedeutenden, hungernden Jungen zu seinem Erben machen? Es ergab keinen Sinn.

Ich wollte den letzten Willen eines Verstorbenen nicht missachten – das wäre nicht richtig, das spürte ich tief in mir – aber wie sollte ich bitte nach London kommen, wenn ich nicht mal aus dem Keller herauskonnte? Der Gedanke an die Gringotts-Zaubererbank, von der ich nur Bruchstücke aus Hagrids Erzählungen kannte, schien so weit weg wie der Mond. Die Eisenstangen vor dem Fenster, die dicke Holztür, die knarzenden Stufen – alles sperrte mich hier unten ein wie ein Tier im Käfig. Ich schloss die Augen und atmete tief ein, während ich den Brief zu einer kleinen Rolle zusammenfaltete und fest in meiner Hand umschloss, als könnte ich mir allein durch Berührung die Antworten erpressen, die mir so verzweifelt fehlten.

Und dann – wie aufs Wort – öffnete sich die Tür. Vernon polterte die Treppe herunter, jede Stufe ächzte unter seinem gewaltigen Gewicht. Der Steinkautz fuhr vor Schreck hoch, flatterte wild mit den Flügeln und verschwand durch das Fenster, das ich noch immer offen gelassen hatte. Ich steckte den Brief blitzschnell in meine Hosentasche, meine Finger so kalt und steif, dass ich fast die Kontrolle verlor.

"Geh duschen, Junge, und räum das Haus auf!", bellte Vernon. Sein Gesicht war puterrot, die kleinen Schweinsaugen funkelten mich an, als hätte ich persönlich eine Beleidigung gegen ihn geplant. "Wir sind heute Abend wieder da. Wenn du bis dahin nicht fertig bist, Bursche, dann gnade dir Gott." Mit diesen Worten war er auch schon wieder verschwunden – nur, dass er diesmal die Tür offengelassen hatte. Das Knarren seiner Schritte verhallte im Treppenhaus, dann fiel die Haustür ins Schloss, und ich hörte, wie der Wagen des Onkels auf dem Kies knirschte.

Also – bis heute Abend. Sie waren weg. Ich stand in der offenen Tür des Kellers und blinzelte in das fahle Licht des Flurs. Der Gestank von altem Staub und feuchtem Stein hing noch in der Luft, aber zum ersten Mal seit Tagen wehte mir ein Hauch von Freiheit entgegen. Ich hatte Zeit – ein paar Stunden, vielleicht mehr – um einen Plan zu schmieden. Ich musste nach London. Ich musste zur Gringotts-Bank. Und vor allem musste ich meinen Zauberstab finden. Er lag irgendwo oben, versteckt zwischen den wenigen Besitztümern, die mir geblieben waren.

Mein Herz schlug schneller. Vielleicht – ganz vielleicht – war das der Anfang von etwas anderem.

 Vielleicht – ganz vielleicht – war das der Anfang von etwas anderem

¡Ay! Esta imagen no sigue nuestras pautas de contenido. Para continuar la publicación, intente quitarla o subir otra.


WeißSchwarz (neue Version)Historias para obsesionarse. Descúbrelo ahora