Kapitel 1

2.6K 61 9
                                        

Bitte versprich mir, dass du heute Abend kommst" versuchte Azra mich erneut zu überreden, mit ihr ins Roya Café zu gehen.

„Azra, Schatz wie oft soll ich dir noch erklären, dass ich nicht in Cafés gehe?" erklärte ich ihr zum hundertsten Mal.

„Bitteeee, Baby" schmollte sie und sah mich mit ihrem berühmten Hundeblick an. Ich atmete tief ein und aus und versuchte, mich zu beruhigen. Dieses Mädchen machte mich irgendwann noch fertig.

„Wie lange sind wir schon befreundet?" fragte ich sie und verschränkte die Arme. „Stimmt, genau 17 Jahre! Wie kannst du nach all der Zeit immer noch nicht gemerkt haben, dass diese Masche bei mir nicht funktioniert?"

Ich musste lachen, als sie mich weiterhin hoffnungsvoll ansah.

„Ist das ein Ja?" fragte sie vorsichtig nach.

Ich verdrehte die Augen, nickte aber schließlich.

„Anscheinend hat es doch funktioniert" grinste sie zufrieden.

Ich lachte und verabschiedete mich von ihr, bevor ich zu meinem Auto lief. Auf dem Weg nach Hause verband ich mein Handy mit Bluetooth und ließ das Lied „Tu Leviz" von 6 AM laufen. Die Musik füllte den Wagen, während ich durch die Straßen fuhr und für einen kurzen Moment einfach abschalten konnte. Doch sobald ich die Haustür öffnete, verschwand diese Ruhe wieder. Im Wohnzimmer sah ich meine kleine Schwester Amira auf dem Boden eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte sie wieder darauf gewartet, dass ich nach Hause komme. Vorsichtig hob ich sie hoch und trug sie in mein Zimmer. Dort wartete bereits mein kleiner Bruder Amir auf mich.

„Amir, was soll das? Ich habe dir gesagt, du sollst nicht einfach in mein Zimmer kommen" meckerte ich ihn an.

Ich hasste es, wenn jemand ohne meine Erlaubnis in mein Zimmer ging. Ich meine, wer mag das schon?

„Mama und Baba streiten wieder. Hier hört man nichts" erklärte er traurig.

Sein Gesichtsausdruck ließ mich sofort ruhiger werden. Er war schließlich nur ein Kind, das einen sicheren Ort gesucht hatte. Ich nickte und legte Amira vorsichtig in ihre Babyschale.
Dann ging ich ins Wohnzimmer. Dort sah ich meine Mutter, die meinen Vater anschrie. Er wirkte völlig aufgebracht und gleichzeitig erschöpft.

Was war nur passiert?

„Mama, hör auf zu schreien. Amira schläft und was ist überhaupt los?" fragte ich und stellte mich zwischen die beiden. Plötzlich wurde es still. Eine unangenehme Stille breitete sich im Raum aus, bis mein Vater endlich anfing zu sprechen. Seine Stimme war leise und kraftlos.

„Kızım... ich habe meinen Job verloren... und unser Vermieter möchte mehr Miete, weil der Wert unseres Hauses gestiegen ist"

Ich sah ihn an.

„Wo ist das Problem?" fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits ahnte. Ich wollte nur sicher sein.

Mein Vater senkte den Blick.

„Wir haben alles verloren..." flüsterte er.

Diese vier Worte trafen mich härter, als ich erwartet hatte. Sofort lief ich zu ihm und umarmte ihn.

„Baba, mach dir keinen Kopf. Wir regeln das schon" versuchte ich ihn zu beruhigen. Ich küsste seinen Kopf, so wie er es früher immer bei mir gemacht hatte.

„Es tut mir so leid" sagte er leise.

Seine Stimme brach und seine Augen wurden glasig. Es zerbrach mir das Herz, ihn so zu sehen.

„Baba, bis wann müssen wir hier ausziehen?" fragte ich vorsichtig. Er antwortete nicht.

„Baba?"

Ein kaum hörbares Wort verließ seine Lippen „Freitag..."

Ich runzelte die Stirn.

„Baba, iyi misin? Geht es dir gut?"

Doch plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er fiel nach vorne und sein Gesicht lief rot an. Mein Herz blieb für einen Moment stehen. Ein Schlaganfall... Ich studierte Medizin im zweiten Semester und hatte bereits einiges darüber gelernt. Ich wusste, dass jetzt jede Sekunde zählte.

„Mama, ruf den Notarzt!" forderte ich sie auf und versuchte ruhig zu bleiben.
Währenddessen kontrollierte ich sein Bewusstsein und achtete darauf, dass er flach liegt. Ich dekte ihn anschließend mit einer Decke zu und hoffe einfach das es ihm gut geht. Die Minuten fühlten sich wie Stunden an. Endlich hörte ich die Sirenen. Die Sanitäter kamen herein, untersuchten meinen Vater und legten ihn anschließend auf die Trage.

„Entschuldigung, in welches Krankenhaus fahren Sie?" fragte ich, damit ich direkt hinterherfahren konnte. „Ins Charité" antwortete der Sanitäter und zwinkerte mir dabei zu.
Ein wirklich unpassender Moment zum Flirten. Ich ignorierte es und lief zurück ins Zimmer. Ich gab Amir seine Jacke, deckte Amira in ihrer Babyschale zu und nahm sie vorsichtig hoch.

„Mama kommst du mit?" fragte ich.

Sie saß auf dem Sofa und trank ihren Kaffee. Ihr Ernst? Sie schüttelte nur den Kopf. Ich sagte nichts mehr und eilte zum Auto. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich meine Geschwister nicht einfach bei meiner Mutter lasse. Ganz einfach: Meine Mutter war der unverantwortlichste Mensch, den ich kannte. Sie kümmerte sich kaum um ihre Kinder. Deshalb war ich für Amir und Amira eher eine große Schwester und gleichzeitig ihre Ersatzmutter. Amira schlief friedlich in ihrer Babyschale, während Amir auf seinem Tablet eine Serie schaute. Eigentlich wollte ich nicht, dass er in seinem Alter schon ein iPad hatte, aber mein Vater wollte uns Kindern immer alles ermöglichen, was er konnte. Im Krankenhaus eilte ich zur Information.

„Entschuldigung, ich suche meinen Vater. Er wurde gerade mit einem Schlaganfall eingeliefert"

Die Dame tippte etwas in ihren Computer.

„Er ist gerade in der Notaufnahme, aber er wird wahrscheinlich gleich auf die Intensivstation gebracht"
„Danke"

Ich setzte mich in den Wartebereich.
Amir lehnte seinen Kopf an meine Schulter und Amira schlief immer noch. Während ich wartete, dachte ich über meine Familie nach. Mein Vater war ein guter Mann. Er hatte in der Vergangenheit Fehler gemacht, viele sogar. Aber er bereute sie und hatte sich verändert. Er war vielleicht nicht der perfekte Vater, aber er hatte ein gutes Herz und versucht immer, uns glücklich zu machen. Meine Mutter hingegen... Sie hatte ebenfalls viele Fehler gemacht, aber sie bereute keinen einzigen davon. Stattdessen wiederholte sie sie immer wieder. Kein Mensch war perfekt, das bezweifle ich auch nicht. Jeder machte Fehler aber niemand hatdas Recht, anderen Menschen Schaden zuzufügen.

Bei meiner Mutter ging es oft nur um ihr Aussehen und Geld. Sie hatte Schwierigkeiten damit, Amir und Amira zu akzeptieren. Als sie mit ihnen schwanger war, hatte sie ständig Angst davor, ihre Figur zu verlieren und hat deswegen manchmal Tage lang nichts gegessen und geraucht um ihr Appetit zu verlieren. Ich konnte nie verstehen, wie man seine eigenen Kinder dafür verantwortlich machen konnte. Schließlich hatte sie sich selbst dafür entschieden, Mutter zu werden und trotzdem mussten zwei unschuldige Kinder darunter leiden.

Ich sah zu meinen Geschwistern. Sie hatten keine Schuld!!!! Keiner von uns hatte darum gebeten in diese Situation geboren zu werden.
________________________
Hey Leute, viele von euch kennen die Story schon. Ich hab viele Privat Nachrichten bekommen das ich die story unbedingt nochmal posten muss deswegen hab ich sie für euch überarbeitet und neu veröffentlicht.
Schreibt gern eure Meinungen/ Reaktionen und einfach eure Gedanken reinnn🤍✨

HayatimStories to obsess over. Discover now