Ich sitze im Flugzeug und höre das Lied "Wannabee" auf meinen Earpods während ich durch verschiedene Berichte auf Google scrolle. Entspannt lehne ich mich in meinem Sitz zurück, positioniere meinen Nacken so gemütlich wie es eben geht an der Lehne und greife in eine kleine Tüte kandierte Mandeln die ich mir aus New York mitgenommen habe. Die "Stadt die niemals schläft" war für einen beruflichen Auftrag zwar sehr schön, dennoch bin ich froh das ich mich jetzt auf dem Weg nach Los Angeles befinde. Eigentlich wohne ich in Deutschland, aber mein Beruf verlangt es, dass ich mehrmals im Jahr in verschiedene Teile der Welt reise um dort meine Kunden zu treffen. Dieses Mal war New York dran und nach einer Woche Großstadt-Stress hatte ich mir überlegt Urlaub an einer der berühmtesten Amerikanischen Küstenstädte zu machen. Ich kann den warmen Sand zwischen den Zehen schon fast fühlen, den salzigen Meerwind spüren, die mit Palmen geschmückten Promenaden schon vor mir sehen....plötzlich werde ich durch ein lautes donnern aus meinen Träumereien gerissen. Das ganze Flugzeug zittert, aus meinen Earpods kommt nur noch ein eintöniges Rauschen. Verwirrt ziehe ich sie mir aus den Ohren, als sich der Captain per Funk meldet: "Sehr geehrte Passagiere, wir durchqueren gerade ein paar Wetterturbulenzen. Machen Sie sich keine Sorgen, bitte schnallen Sie sich an, es besteht kein Grund zur Panik, ihr Flugpersonal hat alles unter Kontrolle." Damit endet die Durchsage. Etwas nervös blicke ich mich um und schaue zu meiner Sitznachbarin. Eine etwas ältere Dame ist es, graue Haare, hochgesteckt zu einer Frisur, eine Nickelbrille auf der Nase und allerlei Ringe an den Fingern. Sie scheint ein Magazin zu lesen und entgegen meiner Erwartung sieht sie kein bisschen nervös aus. Im Gegenteil. Ihr Gesichtsausdruck ist eher neutral, wenn nicht sogar gelangweilt. So schnell das Zittern und donnern auch aufgetaucht ist, so schnell verschwindet es auch wieder; auf einmal fliegen wir wieder sanft durch die Lüfte. Auch meine Earpods scheinen wieder zu funktionieren. Ich stecke sie mir wieder ins Ohr und höre meine "Old school Classics" Playlist weiter, beruhigt über die Tatsache das die Turbulenzen vorüber sind. Nach einiger Zeit werde ich langsam müde, immerhin ist es schon nach 12 Uhr Nachts. Also stecke ich die Kopfhörer weg, lege die Tüte mit den Kandierten Mandeln zur Seite und mache die Augen zu. Ich lausche nur noch dem eintönigen rauschen der Flugzeugturbinen, dem gedämpften gerede von Leuten um mich herum und werde dadurch langsam aber sicher in den Schlaf begleitet.
Als ich wieder aufwache, befinden wir uns immer noch in der Luft, allzu lange scheine ich also nicht geschlafen zu haben. Ich schiebe den kleinen Rolladen bei meinem Flugzeugfenster auf, und erstarre. Unter uns liegt nur der gewaltige, graue Ozean. Das Problem daran ist, dass es auf einem Flug von New York nach Los Angeles keinen Ozean geben sollte. Völlig perplex drücke ich den Stewardess-Knopf über mir und warte, während ich mir meine Schläfen massiere. Wir sind doch hoffentlich nicht vom Kurs abgekommen, oder noch schlimmer, müssen Notlanden? Als nach gefühlten Stunden endlich eine Stewardess auftaucht, Frage ich sie sofort in etwas hektischem Englisch: "Wann landen wir?" Ich kann ihr Gesicht nicht richtig erkennen, dafür ist es zu dunkel, bis sie das kleine Lämpchen über meinem Sitz anschaltet. Vor Schreck zucke ich heftig zusammen und möchte am liebsten laut anfangen zu schreien, aber jeder laut bleibt mir in der Kehle stecken. Das Gesicht der Stewardess ist mit dem wohl abscheulichsten und schmerzhaftesten grinsen überzogen, das ich je gesehen habe. Ihre Mundwinkel strecken sich von einem Ohr zum anderen, und ihre Augen sind trotz des breiten Grinsens vor Schmerz geweitet. "Wir landen in etwa einer Stunde." Sagt sie in einem sehr ruhigen Ton, dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet wieder durch einen der Vorhänge, der die Abteile voneinander trennt. Erst als sie komplett verschwunden ist, merke ich, dass meine Hände vor Schweiß ganz Nass sind. Ich gucke mich möglichst unauffällig um, aber niemand scheint geschockt oder verängstigt zu sein. Also atme ich tief durch, stecke mir meine Earpods in die Ohren und höre meine Playlist weiter. Zwei Uhr Vier ist es laut meinem Handy gerade. Ich versuche mich zu entspannen und vielleicht nochmal etwas zu schlafen, aber nichts von beidem klappt. Mein Herz schlägt mir immer noch bis zum Hals und meine Hände sind noch immer nass von Schweiß. Nach einer gefühlten Stunde habe ich mich wieder beruhigt, der Schweißfilm ist getrocknet und mein Herz schlägt wieder in einem normalen Tempo. Ich schaue abermals auf mein Handy und muss schlucken. Zwei Uhr vier leuchtet es mir in weißen Zahlen entgegen. Genau wie vor etwa einer Stunde schon. Verängstigt und verwirrt drehe ich mich zu der alten Dame um die auf der anderen Seite des Gangs neben mir sitzt. Als ich sie anspreche, merke ich erst wie verdammt trocken mein Hals ist. Meine Stimme klingt wie Raspelpapier das man über einen Block Holz reibt als ich sie frage, ob sie mir die Zeit sagen könnte. Das Magazin das sie gerade liest, raschelt leise, als sie es auf den wohl freien sitz neben sich legt und mir ihr Handgelenk zeigt, an der sich eine vergoldete Uhr befindet. Gleichzeitig sagt sie in einem Englisch mit britischem Akzent die Zeitangabe. Ich habe das Gefühl gleich in Ohnmacht fallen zu müssen. Schwarze Flecken flackern hektisch vor meinen Augen und ein Gefühl eisiger Kälte breitet sich in mir aus während mein Herz für eine kurze Zeit nicht mehr zu schlagen zu scheint. Auch auf der Uhr der älteren Dame ist es zwei Uhr vier, genau wie die Zeitangabe die sie erwähnt hat. Mit einem noch heisereren Hals röchel ich fast nur noch die Frage wann wir denn landen. Die ältere Dame guckt mich über ihre Brille hinweg an, nimmt das Magazin wieder in die Hand und antwortet mit automatisch klingender Stimme: "Wir landen in etwa einer Stunde."
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Der Flug
HorrorAuf dem Flugweg zwischen New York und Los Angeles kommt es plötzlich zu seltsamen Begebenheiten. Schon bald wird der eigentlich harmlose Reiseflug zu reinstem Psychoterror.
