Kapitel 1

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Unter meinen Top 10 der unangenehmsten Momente meines Lebens gehört garantiert das Fahren in einem 5-Sitze Pkw mit einem überfüllten Kofferraum und einer stressenden Familie. Das halte ich jetzt schon geschlagene 9 Stunden aus und 3 Stunden habe ich noch vor mir. Leute die meinen Autofahren wären entspannt und stressfrei, sind garantiert Einzelkinder, welche die ganze Rückbank für sich alleine haben. Ich habe einen kleinen Bruder, der meint er müsse sich 2 Sitze für sich beanspruchen. Einen für sich und seinen übertrieben großen Kindersitz. Und einen für seine Kuscheltiere, Videospiele und seine Malblocks. Meine Mutter streitet seit einer halben Stunde mit ihrer Schwester am Telefon, und der einzige in diesem Wagen der halbwegs erträglich ist, ist mein Vater, der sich nur auf die Straße vor uns und auf den beschäftigten Verkehr konzentriert. Ich blicke von meinem Buch auf und schaue zu meinem Bruder rüber der gerade äußert kontzentriert dabei ist den Endgegner in seinem Videospiel zu besiegen. Ich wende meinen Blick wieder ab um meine Kopfhörer wieder in meine Ohren zu stecken und meinen Podcast weiter zu hören als ich Stimmen von meinem Vater wahrnehme. Meine Mutter hat aufgehört zu telefonieren und blickt verwirrt vor uns auf die Straße. Mein Vater haut auf das Lenkrad "Das kann doch jetzt nicht wahr sein". Ich schau aus der Windschutzscheibe und stutze. Vor uns liegt ein kilomerter langer Stau. Es bewegt sich gar nichts mehr. Teilweise sind die Leute schon aus ihren Autos ausgestiegen, zwei Kinder gehen neben der Leitblanke mit ihrem Hund Gassi und ein älteres Paar hat sogar schon den Grill aufgestellt.

Mein Bruder schaut inzwischen auch nicht mehr auf sein Videospiel sondern auf die Autos die neben uns in den Stau einfahren. "Warum wird sowas denn nicht auf dem gottverdammten Navi angezeigt" fragt sich meine Mutter. Mein Vater drückt auf den Knopf um die Schreibe runter zu fahren. Er lehnt sich aus dem Fenster und ruft dem älteren Herr und seiner Frau, welche soeben die Wurst auf dem Grill gewendet hat zu "Wie lange stehen Sie schon?" Der Mann antwortet "Schon seit 2 Stunden, und es ist immer noch kein Ende in Sicht." Mein Vater seufzt tief und lehnt sich in seinen Sitz zurück.

Nach etwa 30 Minuten ist mein Podcast fertig, meine Mutter ist aus dem Auto ausgestiegen um den Hund einer fremden Frau zu streicheln, mein Vater steht bei dem älteren Paar und isst mit ihnen Würstchen und mein Bruder sitzt draußen auf der Leitplanke mit seinem Videospiel in den Händen. Ich habe keine Lust raus zu gehen, die Hitze bringt mich noch um, im Auto ist wenigstens etwas kälter als draußen. Ich lehne mich aus meinem Sitz nach vorne um die Kühlung noch eine Stufe höher zu stellen und fahre mir mit meinen Händen durchs Gesicht. Interessiert beobachte ich das Geschehen draußen. Mein Blick gleitet über die Menschen und bleibt bei dem Auto neben mir zum stehen. Es ist es weißer Van, welcher minimal abgenutzt aussieht. Auf dem Dach sind Surfbretter festgeschnallt und man hört leise Musik aus dem Auto spielen. Konzentriert beobachte ich es genauer bis mein Blick auf den Jungen im Auto fällt. Erschrocken zucke ich zusammen, während der Junge mich verwundert ansieht. Scheiße war das unangenehm, er muss gesehen haben wie ich das Auto seiner Familie inspiziere. Ich werde rot und schaue schnell weg. Der Junge muss in meinem Alter gewesen sein. Ich konnte nur sehen, dass er braune Locken hat, weiter konnte ich ihn nicht beobachten, sonst hätte er mich für eine geistig gestörte gehalten. Langsam huscht mein Blick wieder zu ihm, ich sehe wie er nun unser Auto inspiziert, ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er schaut zu mir und ich fühle mich wie gefangen in seinem Blick, nun blickt er ertappt weg. Gott, das ist ja schlimmer als im Fernsehn. Aber irgenwas lässt mich nicht wegsehen, also schaue ich ihn weiter an. Er ist nun wieder auf sich fokussiert zu sein, denn er hebt Stoff auf und fängt an zu stricken. Warte - er strickt? Ein Junge strickt? Das habe ich in meinen gesamten 17 Jahren noch nicht gesehen. Er sieht geschickt aus, ich frage mich was er wohl strickt. Er blickt auf und unsere Blicke treffen sich erneut. Ich hasse Blickkontakt weil ich ihn nicht halten kann, aber bei ihm ist das was anderes. Irgenwas in seinem Blick fesselt mich. Er fängt an zu grinsen und ich hebe langsam meine Hand um ihm ein kleines "Hey" zu signalisieren. Er hat ein traumhaftes Grinsen. Er hebt seine Hand ebenfalls und winkt mir zu. Er senkt seinen Blick und scheint nach etwas zu suchen, ich schaue ihm interessiert zu. Auf einmal hebt er ein Stück Papier ans Fenster um etwas drauf zu schreiben. Er dreht das Blatt zu mir um "Schönes Auto". Okay, das kam unerwartet, ich hätte gedacht er fragt nach meinem Namen oder nach meinem Alter. Ich will ihm antworten, habe aber kein Blatt Papier zu Hand. Schließlich kommt mir eine Idee, ich zücke mein Handy und öffne die Notizen App um etwas zu schreiben. "Danke, deins sieht auch sehr interessant aus". Ich halte mein Handy an die Fensterscheibe. Er strengt sein Blick an, also nehme ich mein Handy um die Schrift zu vergrößern. Ich probiere es erneut und diesmal scheint er es lesen zu können. Er muss lachen, und somit habe ich mich auch in sein Lachen verliebt. Er kurbelt die Fensterscheibe herunter, dass Auto muss sehr alt sein, wenn er das Fenster nicht per Knopfdruck herunterlassen kann, aber das macht mir ihn irgendwie sympathischer. Ich lasse mein Fenster ebenfalls runter. Er ruft mir zu "Unser Auto ist schon alt, deswegen sieht es so abgenutzt aus, wir nutzen es für unsere Roundtrips." Ich nicke. In seiner tiefen Stimme liegt ein ruhiger Unterton. "Ich finde euer Auto sieht gar nicht so schlimm aus." Er neigt seinen Kopf zur Seite "Doch das habe ich in deinem Blick vorhin gesehen, aber ich nehme es dir nicht böse." Mir entfährt ein kleines "oh" und er muss lachen. Sein Lachen sieht nicht nur schön aus, es klingt auch noch schön. "Surft deine Familie?" frage ich ihn während mein Blick auf die auf dem Dach befestigten Surfbretter fällt. "Ja, also hauptsächlich ich und mein kleiner Bruder." antwortet er. "Woher kommst du?" fragt er mich. Ich antworte, dass ich aus Berlin komme. Unser Gespräch entwickelt sich in einen Small Talk und 10 Minuten später weiß ich, dass er auch aus Berlin kommt, er 19 Jahre alt ist, Lehramt studiert, und regelmäßig mit seiner Familie auf Roundtrips surfen geht. Er ist voller Überraschungen, er surft, strickt, und studiert Lehramt, wahrscheinlich ist es seine Art die ihn so anziehend macht. "Kann ich deine Nummer haben?" fragt er. Ich bin überrascht, dass Gespräch entwickelt sich schnell. Ich sage ihm meine Nummer welche er sich direkt auf sein Blatt aufschreibt. "Nicht wundern, mein Handy ist irgendwo am Strand verloren gegangen, sobald ich Zuhause bin werde ich mir ein Neues besorgen, und das erste was ich machen werde ist deine Nummer einspeichern." Ich muss lachen.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Feb 23, 2023 ⏰

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