Gestern fiel der erste Schnee. Zuerst waren es ganz kleine Flöckchen, nicht viel mehr als einzelne Eiskristalle, welche der wartenden Erde entgegen schwebten. Innerhalb einer Stundendrehung aber gewannen die weißen Flöckchen an Masse und es gesellten sich immer mehr dazu, immer mehr. Der kalte Boden war schnell nicht mehr zu sehen, überzogen war er mit einer weißen Decke aus Schnee, die bei jedem Schritt einladend knirschte, den Maximilian nun freudestrahlend tat. Maximilian ist neun Jahre alt, genau das richtige Alter, um in der weißen Pracht Schätze zu erkennen und um diese Abenteuer zu flechten. Sein dunkelblondes, kurzes Haar ist unter einer bunten Strickmütze verborgen, nur sein Zöpfchen wippt aufgeregt unter der Mütze mit jedem Schritt mit. Auch der Rest von Maximilians Kleidung lässt erkennen, dass Welten aus Schnee entstehen wollen. Du solltest seine Augen sehen: voll überschwänglicher Freude über den ersten richtigen Schnee in diesem Jahr.
Unser kleiner Held ist auf dem Weg zu Flo, Maximilians allerbester Freund schon seit dem Kindergarten. Heute sind sie verabredet. Es ist Samstag und keine Schule, das heißt, dass der ganze Tag ihnen gehören wird. Erst am späten Nachmittag, so boten es ihre Eltern, sollten sie wieder zuhause sein, denn es ist Nikolaustag und die Familien freuen sich auf einen besinnlichen Abend unter sich. Noch aber ist viel Zeit und Maximilian verschwendet keinen Gedanken an später, es zählt das Jetzt.
Während ich dir das erzähle, ist Maximilian schon fast an seinem vorläufigen Ziel angekommen, auch wenn er länger gebraucht hat als notwendig gewesen wäre. Du kannst dir sicher gut vorstellen, dass der Bursche keine Gelegenheit ausgelassen hat, dem Schnee auf allerlei Arten seine Gunst auszudrücken – mal als Schleifspuren der Schuhe beim Gehen, mal als Schneeengel, welcher auch ein Schneeadler hätte sein können.
Maximilian läutet und er vernimmt das gedämpfte Plärren der Türklingel, kurz darauf hektisches Stapfen im Flur – Flo! Ich kann nicht beurteilen, ob es nun Flo's oder Maximilians breites Grinsen oder gar der frische Schnee ist, was am meisten den frühen Tag erstrahlen lässt. Vielleicht ist es auch einfach die Kombination aus Allem, was mich bei diesem Bild lächeln lässt. Wir wissen, du und ich, dass dieser Tag ein perfekter Tag werden wird, denn wir waren auch einmal so jung. Während die Sonne gütig aber kühl den Nikolaustag erhellt, machen sich die zwei Jungs auf den Weg. Ihr Ziel, so hatten sie heute Morgen besprochen, sollte sie in ein nahegelegenes Wäldchen führen, abseits vielbefahrener Straßen. Dort gibt es einen großen Spielplatz, der eigentlich viel zu groß ist in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Ort nicht mehr als zwei Hände Kinder zählt. Flo und Maximilian kann das nur recht sein, denn weniger Kinder bedeutet mehr Platz – eine einfache Rechnung. Vielleicht würden noch ein, zwei oder drei Kinder kommen, die wären aber zu verkraften und könnten, würden sie lästig, mit einem Bombardement aus Schneebällen in ihre Schranken gewiesen werden.
Hast du den beiden gelauscht und mitbekommen, über was sie sich unterhalten? Ob sie sich Gedanken darüber machen, was dieser Tag für sie bereithalten könnte? Ich mag das bezweifeln, doch als Autor dieser Zeilen weiß ich auch schon mehr und mein Herz mag hüpfen vor Freude für die Beiden. Dies ist ihre Nikolausgeschichte:
Wie erwartet ist der Spielplatz leer, die einzigen Spuren im Schnee stammen von Vögeln und einem Eichhörnchen, welches hier irgendwo zuhause sein muss. Das kahle Gerippe der Laubbäume ringsum ist mit einem satten Guss Schnee überzogen – wenn die Sonne im richtigen Winkel darauf fällt, bricht sich das Licht und lässt Regenbogenfarben sprudeln, die nirgends versickern. Auch die Nadelbäume dazwischen sind schneebedeckt, schwer biegen sich die Äste gen Boden und drohen, ihre Last mit dem Geräusch eines fehlgeleiteten Pfannkuchens dem Boden zu übergeben. Flo, der bis jetzt noch zurückhaltend war mit der weißen Pracht, stürmt nun lachend vor und tut sei Bestes, den von ihm aufgewirbelten Schnee großflächig zu verteilen – das ist seine Pflicht als Erster, der Neuschnee betritt! Maximilian gewährt seinem besten Freund diese Ehre nur zu gerne, wartet allerdings auch nicht lange damit, ebenso stürmisch hinterher zu preschen. Nicht ganz hinterher, ein paar Schritte weiter links hinten, damit auch seine Spuren deutlich sichtbar sind. Schnee spritzt, Kichern und Lachen überschneiden sich und aus dem unberührten Schnee wird ein Schlachtfeld, auf dem zuerst eine weiße Kristallburg entsteht. Danach legen sie einen Graben herum an, eine Zugbrücke aus ein paar Ästen und loser Baumrinde runden das Gebäude ab. Während Flo noch die Türme mit Fahnenmasten bestückt, macht Maximilian sich schon daran, Kugeln zu rollen für einen Schneemann. Drei Stück rollt er: Eine Große für den Unterleib, eine mittlere für den Oberkörper und eine noch Kleinere soll der Kopf des Schneemanns werden.
Man braucht kein Kinderkenner zu sein, um zu erkennen, dass die beiden Jungs mit Eifer bei der Sache sind (hoffentlich sind sie ebenso eifrig in der Schule). Flo hat das Projekt Kristallburg mittlerweile vollendet und hat sich wieder mit Maximilian zusammen geschlossen, gemeinsam hieven sie die mittlere Schneekugel auf die große. Flo hält die obere Kugel fest und Maximilian fixiert sie großzügig mit Schnee, welchen er gewissenhaft festklopft. Jetzt wird es schwieriger, der Kopf muss obenauf. Maximilian baut eine kleine Treppe aus Schnee und Ästen, steigt auf und lässt sich von Flo den Schneekopf reichen. Nach einer beherzten Drehung, ausreichend Schwung und ein wenig Glück sitzt dieser an seinem Platz. Auf die Fixierung verzichten Beide diesmal, vielleicht aber denken sie auch einfach nicht daran. Der Schneemann wird noch mit Ästen und Zweigen dekoriert, wobei Äste die Arme sind, Zweige sind Mund, Nase und Augen. Einen Hut bekommt dieser Schneemann nicht und auf einen Schal muss er auch verzichten. Aber mal ehrlich: wir sind hier ja auch nicht in einer Weihnachtsgeschichte, in der Schneemänner sowas tragen müssen. Flo und Maximilian sind zufrieden mit ihrem Schneemann, prüfend beäugen sie ihn von allen Seiten und befinden ihr Werk für ausgezeichnet.
Du wirst dich fragen, wieso zwei Jungs im Alter von neun Jahren (Flo ist in Maximilians Alter) erst eine Schnee(Kristall)burg und dann einen Schneemann bauen. Ich verrate dir ein Geheimnis: Jungs, so klein wie sie sind, sind Kämpfer, schon immer gewesen und darum werden sie auch nun kämpfen. Schnell ziehen sich die zwei hinter die dicken Mauern aus gestampftem Schnee zurück, Schneebälle werden geformt und in portionierten Pyramiden gestapelt. Am Ende sind es stolze sechs Stapel, für jeden drei.
Vor den Mauern ertönt melodisches Klingeln, es durchbricht die Kälte des sechsten Dezember und findet fast ungedämpft das Gehör der jungen Schneekrieger, worauf diese sich irritiert ansehen, als wolle einer den anderen fragen, ob er das auch gehört hätte. Grinsend nicken sich beide zu, im nächsten Augenblick durchdringt der Kampfschrei der Weißen Bruderschaft die Luft, die Köpfe erheben sich über die Mauer der Burgwehr und eine erste Salve an Schneegeschossen suchen den Weg zum klingelnden Ziel. Beide Würfe gehen ins Leere, die Schneegeschosse zerbersten am Boden und ein erneutes Klingeln lenkt die Blicke der Jungs vom Aufprallort ab, hin zur Quelle des Klingelns. Zu sehen bekommen sie – einen Nikolaus aus Schnee, drei Kugeln, Arme und Gesicht aus Zweigen und Ästen – ganz wie ihrer – doch ummantelt mit einem dicken, roten Nikolausmantel. Selbst die Mütze, welche wir alle kennen, ziert nun das Haupt des Schneemanns.
Langsam, nochmal zur Nachhilfe: Maximilian und Flo bauten den Schneemann, diesen Schneemann gegenüber ihrer Burg. Es ist definitiv ihr gebauter Schneemann, das würde jeder sofort erkennen können, Irrtum ausgeschlossen. Aber wieso steht dieser Schneemann nun ganz woanders? Und warum sieht er aus wie der Nikolaus? Und wie, um Jesu Namen, kann ein Schneemann klingeln, so ganz ohne Glocke? Andere Jungs hätten es hier vielleicht mit der Angst zu tun bekommen, nicht so unsere zwei Helden. Sie kichern angesichts dieses unerwarteten Szenarios, was prompt mit einem erneuten Klingeln quittiert wird.
Natürlich lassen sich die Jungs nicht zweimal bitten, nacheinander verschwinden ihre wollmützenbedeckten Häupter hinter der Mauer aus Schnee, nur um kurz darauf erneut aufzutauchen mit Armen als Schleuder und weiteren Schneebällen als Munition. Die Bälle fliegen und treffen ihr Ziel diesmal. Statt des bisherigen Klingelns hören die beiden Freunde nun das fröhliche Lachen eines alten Mannes.
Angespornt vom diesmaligen Erfolg drehen Maximilian und Flo nun richtig auf, Schneeball um Schneeball wird geworfen. Trifft einer sein Ziel, ertönt erneut fröhliches Lachen und der Schneemann nimmt etwas zu. Verfehlen sie aber, so klingelt klar die Glocke und der Schneenikolaus ändert seine Position. Eine ganze Weile geht dieses Spiel, anfangs verfehlen noch recht viele Geschosse ihr Ziel, doch mit der Zeit werden die Freunde immer zielsicherer und bald trifft fast jeder Schneeball. Während der Nikolaus aus Schnee immer dicker und dicker wird und immer schallender lacht, müssen sich Flo und Maximilian immer mehr zusammenreißen, damit sie nicht losbrüllen vor eigenem Lachen, denn ihr Gegenüber scheint es gewohnt zu sein, Kinder fröhlich zu machen.
Als sich die Jungs bei einem Wurf nur um zwei Sekunden beim Werfen abwechseln und dies dazu führt, dass Flo's Schneeball trifft, der Schneemann lacht und ihm gleichzeitig Maximilians Schneeball mitten in den Mund fliegt, ist es vorbei. Hörst du sie prusten und lachen, als gäbe es kein morgen mehr? Sie sinken mit schallendem Lachen auf die Knie, kugeln sich im Schnee und halten sich ihre Bäuche. Vor den Mauern ihrer Kristallburg begleitet herzliches Lachen jenes dieser zwei Kinder und mit gütiger Stimme ist immer leiser werdend ein Nikolausgedicht zu hören.
Angesichts dieses erhabenen Moments habe ich nicht auf die Zeit geachtet und kann darum nicht sagen, wie lange die kleinen Racker sich vergnügt im Schnee kugelten. Es könnten Stunden gewesen sein oder Minuten, ich weiß es nicht. Als sie sich nun aber erholt haben und erneut ihre hochroten Köpfe über die Mauer spähen, gibt es keinen Nikolausschneemann mehr, nur ein einfacher, drei gestapelte Kugeln mit Armen und Gesicht aus Ästen und Zweigen. Einzig die Nikolausmütze thront noch immer ganz oben auf dem Kopf des Schneemanns. Auch befindet er sich wieder an altvertrauter Position, nichts verrät, dass er sich je bewegt haben könnte.
Lachen und Freude ist eine tolle Kombination, um jegliches Zeitgefühl zu vergessen, so auch bei Maximilian und Flo. Mittlerweile wird es langsam dunkel, andere Kinder kamen heute nicht. Es wird Zeit nach Hause zu gehen, denn bald läutet der Nikolaus und prüft die Herzen der Kinder. Die Freunde, geschafft aber glücklich, schnappen sich die Nikolausmütze und machen sich auf den Weg zu ihren Eltern. Was mit der Nikolausmütze geschieht, musst du schon die zwei selbst fragen, doch ich könnte darauf wetten, dass sie, pünktlich um 18 Uhr beim Klingeln an der Tür, diese erwartungsvoll strahlend öffnen werden – und einer von Beiden, Maximilian oder Flo – wird dem Nikolaus seine Mütze wieder geben. Denn zum Ende dieser Geschichte soll ein jedes Kind wissen: Wer Gutes tut, der Gutes empfängt!
Ich wünsche allen Kindern (und auch junggebliebenen Erwachsenen) einen fröhlichen Nikolaustag!
KAMU SEDANG MEMBACA
Nikolaustag
FantasiEine schöne Nikolausgeschichte für kleine und für große Leser.
