Die Abschiebung - Teil 1

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DEUTSCHLAND - OKTOBER - 2030

Endlich war der Tag gekommen.

Der Tag, vor dem sie sich so lange gefürchtet hatten.

Sahra und Oskar wurden von schreienden Uniformierten die Treppe ihres Hauses hinuntergeführt. Diese schubsten sie ungeduldig mit Waffen umher und befahlen ihnen, gefälligst schneller zu gehen. Sie hatten weniger als fünf Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen, und während sie dies taten, standen sie unter dem ständigen Druck der schreienden Soldaten. Sahra hatte sich schnell ihre Violine geschnappt, das Objekt, das ihr am meisten bedeutete, während ihr Ehemann verzweifelt seine Briefmarkensammlung in seinen Koffer legte.

Sie verließen ihr Haus und atmeten dabei die frische Luft ein. Während die beiden von den aggressiven Soldaten geführt wurden, wurden sie von vielen bekannten Gesichtern begrüßt, die sie neugierig beobachteten. Als sie zum Lastwagen gingen, las Sahra alle möglichen Blicke in den Gesichtern derer, die sich auf den Straßen versammelt hatten, um zuzusehen, wie ihr Mann und sie abgeführt wurden. Blicke der Angst, Blicke der Wut und des Ekels, Blicke des Mitleids und des Mitgefühls, Blicke des Triumphes und der Arroganz. Die Linken Politikerin war schockiert darüber, wie sich die Welt und ihre Menschen darin in weniger als fünf Jahren AfD Regierung so drastisch veränden konnten.

Endlich fanden ihre Augen die Familie, die ihnen geholfen hatte. Sie standen auf ihrer Türschwelle, hielten sich eng aneinander, Hand in Hand, Blicke der Qual und der Ohnmacht standen auf ihren Gesichtern. All die Jahre hatten sie dem Ehepaar geholfen. Sie ermöglichten Oskar und Sahra, weiterhin in ihrem Haus leben zu dürfen, obwohl sie sich strickt dagegen weigerten die AfD zu wählen. Doch es war streng verboten, eine andere Partei zu wählen.

Es schmerzte Sahra zu sehen, wie die Augen dieser Familie tränten, während ihre eigenen trocken blieben. Wie gerne hätte sie zum Abschied noch nach ihnen gerufen, ihnen gesagt, dass es ihnen gut gehen würde und dass alles in Ordnung wäre. Auch wenn sie es nicht glaubte. Aber sie wusste, dass sie schweigen musste und brach schnell den Blickkontakt zu ihnen ab. Die Folgen solcher Handlungen wären schwerwiegend.

Sahra und Oskar wurden in das Fahrzeug geschoben. Die Türen wurden direkt vor ihrem Gesicht geschlossen. Alle Lichtquellen verschwanden und der Raum wurde dunkler als die Nacht selbst. Sie reisten eine gefühlte Ewigkeit und kamen schließlich an einem Bahnhof an. Ihnen wurde befohlen, nach draußen zu gehen und sich der großen Menschenmenge anzuschließen, die Hammer und Sichel auf ihren Mänteln trugen. Draußen war es eiskalt, aber die Mischung aus Angst und Vorfreude schien die Kälte zu vertreiben. Das Ehepaar folgte den Befehlen der wütenden Offiziere, die die Kommunisten auf die verschiedenen Waggons verteilten. Während sie gingen, konnte Sahra hören, wie Oskar leise mit ihr sprach und er ihren schlanken Körper an seinen drückte. Sie spürte die Hand ihres Gemahls auf ihrer Schulter und sah ihn an. Oskars Blick war auf dem schreienden Offizier, der ihnen am nächsten war, fixiert, sein Ausdruck war alarmierend und besorgt, was ihn noch älter erscheinen ließ, als er ohnehin schon war. Oskar spürte den Blick seiner Gemahlin und sah sie nun an. Ihre Angespanntheit wurde etwas weicher, während er Sahra traurig ansah, voller Liebe und Bedauern. Es war der Blick eines besorgten Ehemanns, der wusste, dass ihre gemeinsame Zukunft kein gutes Ende nehmen würde.

Die Kommunisten wurden gewaltsam in einen Zugabteil gedrängt. Die große Schiebetür wurde geschlossen. Es gab keine Fenster, also waren sie wieder in Dunkelheit gehüllt. Der Zug setzte sich in Bewegung und Sahra konnte nicht sagen, ob der Platz klein war oder einfach nur zu viele Leute dort waren. Körper wurden gegeneinander gepresst. Die kalte Luft wurde schnell durch eine unerträglich schwere und stickige Hitze ersetzt. Der Sauerstoff wurde dünner. Die Leute schrien. Die Leute wurden ohnmächtig. Menschen starben.

Sahra schloss die Augen. Ihre Ohren schmerzten von all dem Geschrei. Sie versuchte, sich auf die sanfte Stimme ihres Ehemanns zu konzentrieren, die ihr leise ins Ohr säuselte.

Die ViolineStories to obsess over. Discover now