Blitze zuckten über den Himmel. Donner grollte.
Regen peitschte die Erde. Der Himmel war pechschwarz.
Einen ganzen Tag lang hatte sich das Gewitter zusasmmengebraut. Jetzt entlud es sich mit der ungeheuren Kraft der Naturgewalten. Als würden unsterbliche Götter über den Wolken miteinander ringen und dabei mit Bergen um sich werfen.
Die Stadt war wie ausgestorben. Alle Menschen waren längst von den Straßen verschwunden und ins Trockene geflüchtet.
Nur zwei Männer waren nicht in ihren Häusern.
Aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Der Postbote Jan Funke hatte soeben seinen letzten Brief zugestellt, nun war die Satteltasche leer.
Feierabend. Wind und Wetter machten ihm nichts aus.
Er war gerne im Freien unterwegs, ein Grund, warum er sich für diesen Beruf entschieden hatte.
Nun freute er sich auf das Fußballspiel, das am Abend im Fernsehen übertragen werden sollte.
Jan Funke trat kräftig in die Pedale, war aber bereits nach einer Minute bis auf die Knochen nass.
Seine braunen Haare klebten am Kopf. Regen lief ihm über die Brille. Jan Funke kniff die Augen zusammen. Er konnte kaum etwas sehen. Der Marktplatz vor ihm glich einem See. Trotzdem strampelte er mit hohem Tempo weiter. Er wollte nach Hause, bevor es richtig dunkel wurde.
Ein mächtiger Blitz erhellte den Himmel.
Jan Funke zuckte zusammen. Sein Fahrrad fuhr einen kleinen Schlenker. Die Stadt wirkte wie tot. Ihn Schauderte. Er trug die Post hier schon seit vierzehn Jahren aus. Aber ohne Menschen hatte er sie noch nie gesehen. Richtig gespenstisch war das. Wie in einer verlassenen Geisterstadt. Ihm wurde mulmig.
Noch eine Viertelstunde bis nach Hause, dachte Jan Funke, um sich abzulenken. Dann eine warme Dusche nehmen. Ein Bier und eine Tiefkühlpizza . . . zwei Minuten später verließ er die asphaltierte Straße und steuerte auf eine dichte Brombeerhecke zu. Durch den alten Wald am Galgenmoor war der Heimweg viel kürzer. Jan Funke stoppte kurz und kämpfte sich durch die Ranken. Er radelte weiter. Sofort wurde es noch finsterer. Die uralten Tanen rundherum stemmten sich gegen den Wind. Abgebrochene Äste wirbelten durch die Luft. Überfall knackte es.
Jan Funke schluckte. Normalerweise liebte er die Einsamkeit hier. Jan Funke war hier nie einer Menschenseele begegnet. Die Einwohner der Stadt mieden den alten Wald am Galgernmoor. Es hieß, im letzten Jahrhundert sei hier ein Jäger spurlos verschwunden.
Nur sein treuer Hund war nach Tagen zurückkehrt. Verwirrt und ausgehungert.
Wieder blitzte es. Der Wald war wie in blaues Licht getaucht. Für den Bruchteil einer Sekunde war der zweite Mann zu sehen, der sich noch immer draußen herumtrieb. Mit trockener Brille hätte auch Jan Funke ihn bemerkt und dann wäre alles ganz anders gekommen.
Vom Blitz überrascht duckte sich der andere hastig hinter den Stamm der tausendjährigen Eiche. Der Radfahrer durfte ihn auf keinen Fall entdecken. Denn der Mann war nur ein Meter neunzehn groß. Und in seiner rechten Hand lag eine Axt.
Dieser Mann war nicht aus einem Irrenhaus entflohen.
Er war . . . >>Oh Mann!<<
Der Postbote Jan Funke stoppte sein Fahrrad. Heute war er nun wirklich nicht vom Glück verfolgt.
Quer über dem Weg lag ein Baum. Von einer Seite zur anderen. Unmöglich, einfach drüberzufahren. Viel zu leicht hätten sich die spitzen kurzer Äste durch seine Reifen bohren können. Und bis zum nächsten Haus waren es noch über zwei Kilometer.
Jan Funke stieg ab und klappte den Ständer herunter. Er ging zu dem Hindernis und rieb seine Brillengläser halbwegs trocken. Der Baum war mit wenigen Hieben gefällt worden. Hier konnte jemand mit einer Axt umgehen! Jan Funke schüttelte sich bei dem Gedanken, der Jemand könnte noch immer irgendwo hinter einem Busch lauern. Der Baum lag schließlich hier wie eine Straßensperre. Wie um einen Fahrradfahrer zum anhalten zu zwingen . . .
>>Sollte mich besser beeilen, hier wegzukommen<<, murmelte Jan Funke. Er ging in die Knie, hob den Stamm an, zog ihn zwei Meter zur Seite und warf ihn in den Graben.
Jan Funke beugte sich vor, um sich die schmutzigen Hände am nassen Moos abzuwischen. Da knackte es hinter ihm.
Jan Funke fuhr herum. Er sah . . . nichts.
>>Hallo, ist da jemand?<<
Keine Antwort. Nichts außer Bäume und Büschen.
Jan Funke hästete zurück zu seinem Fahrrad. Doch als er aufsteigen wollte, stutzte er. Die Klappe seiner Satteltasche stand offen.
>>Wird der Wind hochgeweht haben . . .<<, glaubte er. Als er sie zuklappen wollte, zuckte wieder ein Blitz. Nur deshalb fiel ihm der Umschlag auf. Ganz unten am Boden der Tasche.
>>Der war doch eben noch nicht da<<, wunderte sich Jan Funke.
Langsam wurde ihm die Sache doch unheimlich. Er dachte an den verschwundenen Jäger . . . >>Hasllo, zeigen sie sich doch!<<
Keine Antwort.
>>Vielleicht habe ich den Brief einfach übersehen . . .<<, versuchte sich Jan Funke zu beruhigen.
Mit einem Handgriff montierte er sein Licht vom Lenker. Leuchtete einmal im Kreis. Dann zog er den Umschlag aus der Tasche. Wohin sollte der gehen? Jan Funke beugte sich mit seiner Lampe vornüber, damit der Brief keinen Regen abbekommen konnte. Merkwürdig sah der aus. Das Papier war braun und ganz rau. Oben in die Ecke war eine Briefmarke geklebt, die Jan Funke noch nie gesehen hatte. Sie zeigte einen uralten Mann mit Krone, der in seinen Händen etwas Zackiges hielt, das in allen Farben des Regenbogens leuchtete. Konnte so eine Art Kristall sein. Kein Absender. Also, wohin sollte der gehen?
Bevor Jan Funke die Adresse lesen konnte, spürte er ein Kitzeln in der Nase. >>Ha . . . Ha . . .!<< Er kniff die Augen zusammen. Na, bitte! Musste ja so kommen. Er hatte sich erkältet!
>>Ha . . . Ha . . .!<< Der Postbote legte den Kopf in den Nacken. Regen fiel ihm ins Gesicht. >>Ha . . . Ha . . .tschi!<<
>>Also<< fragte er sich selbst zum dritten Mal.
>>Wohin soll der gehen?<<
Jan Funke wollte die Adresse lesen. Doch das braune Packpapier war jetzt über und über mit Regentropfen gesprenkelt.
>>Oh Mann . . .!<< Jan Funke biss sich auf die Lippen.
Die Adresse war nicht mehr zu entziffern. Von den krakeligen Buchstaben waren nur noch wenige übrig:
AN ..... STAN .....
..... MEN .... 31
Der Postbote Jan Funke schob sein Fahrrad unter die tausendjährige Eiche und dachte nach. Der Brief war womöglich wichtig und konnte nicht einfach erst morgen zugestellt werden.
>>AN . . . STAN . . . . MEN . . .31<<, wiederholte er.
Direkt hinter ihm atmete jemand aufgeregt. Aber das hörte Jan Funke nicht. Der Regen plätscherte zu heftig. Und er war viel zu sehr mit Nachdenken beschäftigt.
MEN 31 mussten Teile des Straßennamens sein.
AN . . . STAN . . . der Name.
In Gedanken fuhr Jan Funke seine tägliche Runde noch einmal ab.
AN . . . STAN . . . . MEN . . .31
MEN kam in ziemlich wenigen Straßennamen vor.
Nur die Mendelssohn-Straße fiel ihm ein. Aber die ging nur bis Nummer 16.
>>AN . . . STAN . . . . MEN . . .31<<, sagte er leise vor sich hin.
Plötzlich lachte Jan Funke. Er rieb ein bisschen an denn Buchstaben STAN herum. War dort zwischen dem T und dem A nicht auch ein kleiner feuchter Klecks? Konnte es also ursprünglich STIAN geheißen haben?
Jan Funke lachte breit. Ja, so musste es sein!
>>Der Brief ist für NA-Haeun und Leny!<<, rief er laut. >>Die Zwillinge, die keiner auseinanderhalten könnte, wenn Na-Haeun nicht lange Haare hätte und Leny eine Brille. Die wohnen in der BluMEN Straße 31!<<
Jan Funke klatschte in die Hände. Der Postbote war mit einem Mal so fröhlich, dass er Augenblicklich alles vergaß. Den Regen. Das Fußballspiel. Die Straßensperre. Den verschwundenen Jäger.
Er hatte das Rätsel gelöst! Pfeifend wendete er sein Fahrrad, sprang auf und begann zu strampeln.
Zurück in die Stadt. Fünf Minuten später hob er seinen Finger, um auf die Klingel der Blumenstraße 31 zu drücken.
Der 1 Meter 19 große Mann stand noch immer hinter der tausendjährigen Eiche im Wald. Er hatte seine Axt mit voller Wucht in den Stamm gehackt und raufte sich die Haare.
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Die Jagt nach dem Leuchtkristall
AdventureEin rätselhafter Brief führt die Zwillinge Na-Haeun und Leny in den Laden des Uhrmachers Stanislaus. Der kauzige Mann gerät in helle Aufregung, als er erfährt, dass Araks den Leuchtkristall von König Konfusius gestohlen haben und das Erdreich in Fin...
