Meine Stirn lehnt gegen das kühle Fenster, draußen regnet es. Wie lange das wohl so bleibt? Verträumt blicke ich in die Ferne. Ich lasse mich rücklinks auf mein Bett fallen, die hohe Decke schein mich zu erdrücken. Ich strecke ihr meine Hand entgegen.
Gedankenverloren starre ich meinen Handrücken an. Im Hintergrund tickt meine Wanduhr.
Das Piepsen einer Nachricht lässt mich hochschrecken. Ich gehe rüber zu meinem Computer und sehe ein offenes Chatfenster. Neugierig setze ich mich hin.
'Hi, du kennst mich zwar nicht, aber ich habe zufällig deinen Wunsch gehört. Du willst nicht hier bleiben, oder?'
Ich zögere.
'Oder willst du hier doch alleine verschimmeln?'
Langsam bewege ich meine Finger zur Tastatur und tippe vorsichtig 'nein'. In dem Moment, in dem ich die enter-Taste drücke, fängt der Monitor an sich zu verformen: Das Glas sieht aus, als würde es von Wellen durchzogen und das ganze Teil beginnt zu wachsen und zu wachsen, bis es sich schließlich über mich beugt und auf mich zu kippt. Schützend halte ich meine Arme vor den Kopf und schließe die Augen.
Doch statt von Glas getroffen zu werden fühlt es sich wie warmes Wasser an, das über mich gegossen wird. Ich verliere den Halt, fühle mich schwerelos im Dunkel schweben. Als ich schließlich meine Augen öffne sitze ich in einem großen, unterirdischen Tümpel. Die Decke ist nicht allzu hoch. Ich muss mich fast bücken, damit mein Kopf nicht dagegen stößt. Ein Wunder, wenn man bedenkt, dass ich in meiner Klasse immer die Kleinste war.
Die Kerzen an den Wänden spenden wenig Licht, trotzdem kann ich erkennen, dass ich mich am Ende einer kleinen Grotte befinde. Langsam steige ich aus dem Tümpel, der Boden ist angenehm kühl. Erst jetzt realisiere ich, dass ich nackt bin. Reflexartig verschränke ich meine Arme vorm Körper. Vorsichtig schleiche ich die wenigen Stufen hinauf und befinde mich in einer etwas größeren Höhle. Meine Hoffnung, in diesem Zustand nicht auf andere treffen zu müssen wird zumindest teilweise erfüllt: Auf dem Absatz liegen Kleidung und Schuhe.
Immer noch verwirrt von meinem plötzlich anderen Aufenthaltsort entscheide ich mich diese anzuziehen. Die Klamotten sind erstaunlicherweise fast passend, nur um die Schultern etwas zu weit.
Ein wenig beruhigter kommt mir die Höhle auf den zweiten Blick weniger wie eine Höhle, sondern viel mehr, wie eine Art leerer Keller vor. In der kargen Beleuchtung kann ich die etwa viereckigen Außmaße und einige Aussparungen in den Wänden ausmachen. Am mir gegenüber liegenden Ende hebt sich eine Leiter von der Wand ab. So langsam glaube ich nicht mehr daran, dass dies hier ein Traum ist. Alles fühlt sich viel zu real an.
Am Ende der kurzen Leiter stelle ich fest, dass die Falltür zwar glücklicherweise nicht verschlossen, dafür aber etwas zu schwer für mich ist. Ich stemme mich mit meiner ganzen Kraft dagegen. Als sie endlich nachgibt, bleibe ich mit einem Finger hängen. Ein kurzer Schmerz zuckt durch meinen Finger. Mein Aufschrei wird vom Knall der Falltür übertönt, die auf dem Holzboden auftrifft. Aufgebracht ziehe ich mich hoch und befinde mich nun in einem kleinen, wiederum leeren, Raum. Hinter mir fällt gedämpftes Licht durch ein kleines, mattes Fenster. Ich strecke meine Hand vor mir aus und muss feststellen, dass ich mir einen Nagel abgebrochen habe.
Definitiv kein Traum! Und ich hab nichtmal meine Nagelpfeile dabei! Ein lautes Seufzen entweicht meinen Lippen. Das nervt mich zwar jetzt, ich kann aber erstmal nichts daran ändern. Also sehe ich mich um: Der Boden besteht aus schweren Brettern, Die Wände sind aus Fachwerk. Die offene Tür führt in einen etwas größeren, fensterlosen Raum und eine weitere Tür in einen großen Saal mit hoher Decke. Durch die hohen Fenster kann ich grüne Baumkronen erkennen. Treppen entlang zweier Wände führen ins Obergeschoss.
Alles ist leer, sieht aber trotzdem nicht verlassen aus: Kein Staub, kein Dreck auf den Fenstern, nicht mal Spinnweben in den hohen Ecken. Mir läuft ein Schauer über den Rücken.
Ich gehe durch den Saal auf die großen Flügeltüren zu. Mit jedem Schritt werde ich schneller; ich muss hier raus! Ich stoße eine Tür auf und haste durch den Vorraum, drücke die schweren Eingangstüren auf und stehe auf einer Veranda, die paar Stufen springe ich förmlich hinunter, laufe ein paar Schritte und drehe mich um.
Ich finde mich auf einer riesigen Lichtung wieder. Vor mir streckt sich das Gebäude in den Himmel. Ich stolpere Rückwärts und falle hin.
ESTÁS LEYENDO
Sanctuary - Überleben in einer anderen Welt
AventuraEin einfaches Mädchen, in eine andere Welt geworfen, kämpft für ihre Freiheit. Seite an Seite mit ihren neuen Freunden, auf der Suche nach Gleichgesinnten
