„Seien Sie gegrüßt! Es ist mir vollkommen bewusst, dass Sie und ich uns nicht im Geringsten kennen und normalerweise schließt das jegliche Interaktion zwischen Fremden, die über das alltägliche „Grüß Gott" oder „Guten Abend", welches in den wenigstens Fällen wirklich so gemeint wird, wie es gesagt wird, hinausgeht, aus. Doch nichts desto trotz würde es mich erfreuen, wenn sie mir einen kleinen Augenblick ihrer bestimmt sehr kostbaren Zeit schenken würden. Lassen wir dabei ausnahmsweise mal außer Acht, dass Sie über meine Wenigkeit nur wissen, dass ich mit Vorliebe gerne Passanten mit meinen Worten verwirre und ich über Sie nur weiß, nun ja, eigentlich weiß ich über Sie nicht das Geringste. Aber genau dieser Sachverhalt könnte ein absolut neutrales Feld erschaffen das Interaktion in ihrer reinsten Form, womöglich sogar in ihrer einzigen reinen Form, zulässt. Doch genug mit dem endlosen Wortschaukeln, wir werden ja schließlich beide nicht jünger, ganz besonders ich nicht. Ich würde wirklich gerne beginnen, auch wenn es vielleicht etwas unpassend scheint, mit: Es war einmal. Es war einmal, eine jüngere Version von mir selbst, die eines Sonntagmorgens aufwacht. Es war ein Sonntagmorgen wie jeder vergangene Sonntagmorgen und auch wie jeder noch kommende Sonntagmorgen, nichts Besonderes eben. Das habe ich zumindest damals gedacht. Nun hat also mein nichtsahnendes, früheres, an einem normalen Sonntagmorgen aufstehendes Ich seine typischen Morgenrituale vollzogen und wandelte, noch verschlafen einen Stock tiefer, um zu frühstücken. Meine Familie schlief noch, weil es, nun ja, halt eben ein gewöhnlicher Sonntagmorgen war. Ich suchte mir ein Stück Brot heraus, setzte mich und kaute, immer noch im Halbschlaf, gelangweilt vor mich hin. Gerade als ich versuchte eine passende Beschäftigung für eben diesen Morgen zu finden, kam unser Kater gerade zur Tür hinein getapst. Sie setzte sich vor mir auf den Boden und schaute mich mit riesigen Augen an. Jedes Mal neu fasziniert von den unzähligen, facettenreichen Details der Augen dieser unscheinbaren Kreaturen, saugte ich das Licht, dass von seinen Augen reflektiert wurde fast schon mit einem Hauch von Gier auf. Als ich dann beschloss genug gesehen zu haben und aufstehen wollte, um ihn zu streicheln, drehte er sich plötzlich um und ging auf die Kellertür zu, die natürlich geschlossen war. Der Kater stellte sich davor und blickte wieder zu mir. Es war nicht schwer zu begreifen, dass sie mir zu verstehen geben wollte, dass es von seinem Belangen war in den Keller zu gehen, also öffnete ich ihm die Tür. Was er allerdings da unten zu suchen hatte mein nichtsahnendes, früheres Ich noch nicht gewusst. Ich knipste das licht an und schaute dem Kater zu. Spätestens an diesem Punkt schien mir die ganze Sache etwas suspekt, denn er tat etwas, das er sonst nie tat oder wenigstens versucht hatte. Er betrat einen Nebenraum unseres Kellers, der uns allen als Besenkammer diente, bevor er ihn jedoch betrat sah er nochmal zu mir, als wollte sie mir mitteilen, dass ich ihm folgen sollte. Verwundert folgte ich ihm und sah gerade noch wie er in einem Gerümpelhaufen verschwand. Ich fing, voller Neugier und Interesse an, den Haufen beiseite zu stellen bis ich die Katze freilegte. Er saß vor einer alten Tür, die an der Wand lehnte und schenkte mir auch nicht einen Hauch an Beachtung. Wie gebannt starrte er auf das alte hölzerne Möbelstück unfähig auch nur für einen Moment irgendwo anders hin zu sehen. Dann nach ungefähr fünf Minuten vollkommener Bewegungslosigkeit, trat die Katze vor und tippte mit der rechten Pfote sachte gegen die Tür. Wie von Zauberhand hob sich die Tür und öffnete sich. Was man auf der anderen Seite sah war so unvorstellbar schön, dass es mir den Atem verschlug, ..." „So ein Blödsinn! Diese erfundenen Geschichten können Sie gefälligst für sich behalten! Für so etwas habe ich nichts übrig. Meine wertvolle Zeit so zu verschwenden. Da habe ICH besseres zu tun!" „Wie Sie meinen" entgegnete ich, mit einem Hauch von einem schälmischen Lächeln. So schnappte ich mir meinen Gehstock, stand langsam von meiner kleinen Sitzbank, die in meinem Garten steht, auf, ging ins Haus hinein, stieg langsam, Schritt für Schritt, die Treppe in den Keller hinunter, tippte gegen die Tür und verschwand vergnügt in der Dunkelheit.
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Hinter Türen
FantasyHinter Türen ist ein kleiner, kurzer Gedankenspaziergang. Ich wäre für Feedback sehr dankbar, gerne ab damit in die Kommentare.
