Das Leben ist wie eine Blume. Man fängt klein an, als Knospe, zeigt sich aber später in seiner vollen Pracht. Alles schöne hat irgendwann ein Ende. Langsam aber sicher bereitet man sich auf den Tod vor.
Für Changbin war das Leben nur ein Warten auf...
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Leise Schritte waren in der sonst so stillen Nacht zu hören. Der Nebel war dicht, es war kalt und Changbin fröstelte. Niemand sonst wagte sich um diese Zeit nach draußen. Er war alleine, auf sich gestellt und leichte Beute.
Das Wetter erlaubte ihm nicht einmal den schmalen Weg vor sich zu erkennen. Doch er würde ihn ohnehin nicht sehen. Die Tränen machten ihn blind, bahnten ihren Weg über seine eiskalten Wangen und ronnen ihm den Hals hinunter. Vereinzelt fielen sie auch zu Boden und vermischten sich dort mit dem Wasser des letzten Regens.
Dunkle Gedankten huschten ihm durch den Kopf. Der Selbsthasst den er verspürte trieb ihn in den Wahnsinn. Sie nannten ihn verrückt. Aber er war immer bei klarem Verstand. Er sah die Dinge nur anders.
Jedes Lebewesen lebte nur um zu leiden. Schmerz zu verspüren. Zu trauern, wenn die schönen Momente des Lebens sich dem Ende neigten. Es war nur ein Warten auf den erlösenden Tod.
Niemand teilte diese absurden Ansichten. Er zitterte. Gänsehaut lief über seinen ganzen Körper und hinterließ ein unangenehmes Gefühl auf der Haut. Er zuckte zusammen, als der grelle Schrei einer Eule die Stille durchbrach.
Da machten seine müden Augen einen kleinen, eingerollten Körper auf dem Boden aus. Er trat näher und unterdrückte den Würgereiz den er verspürte. Der Atem stockte ihm, als er das viele Blut sah. Es färbte die Erde rot.
Ihm wurde schwindelig. Die Empfindungen prasselten nur so auf ihn ein. Er schnappte nach Luft, konnte den Blick aber nicht von dem armen Geschöpf abwenden. Die Katze lag auf der Seite, die Beine steif vom Körper weg gespreizt. Selbst ein Blinder konnte sehen das sie tot war.
Die leeren, trüben Augen starrten ins nichts. Die klaffende Wunde an ihrem Bauch erlaubte einen Blick auf ihre Gedärme. Die rote Flüssigkeit die aus dem Schnitt austrat ließ darauf schließen das sie erst seit kurzem tot war.
Changbin's Gesicht war blass, er glich einem Geist. Nirgends konnte er einen spitzen, scharfkantigen Gegenstand ausmachen der eine solche Wunde verursachen könnte. Jemand hatte sie getötet. Ein Mensch. Kein anderes Lebewesen wäre zu etwas dergleichen fähig.
Changbin fiel auf die Knie. Den Blick starr auf die tote Katze gerichtet. Das orangefarbene Tigerfell war kaum noch zu erkennen, das lange Fell das einst flauschig war, mit getrocknetem Blut verklebt. Das Tier war aufgrund des Blutverlusts ums Leben gekommen.
Vorsichtig schloss der Junge die Augen der Katze. Er hoffte das ihre letzte Reise weniger schmerzvoll verlaufen würde. Das es ihr, wo auch immer sie gerade war, besser erging. Traurig schüttelte er den Kopf. Menschen waren grausame Geschöpfe.
Nur auf sich selbst bedacht. Das Leben eines Tieres war ihnen nichts wert. Stumm begann er die Samtpfote zu begraben. Mitleid machte ihm das Herz schwer. Er wollte ihr die letzte Ehre erweisen. Ihr zeigen, dass sie ihm nicht egal war. Er kam sich dabei nicht komisch vor. Was er tat war richtig.
Er zuckte zusammen, als seine Fingerspitzen den kalten Körper hochhoben und ihn in die kleine Kuhle am Wegrand gleiten ließen. Er begann das Geschöpf mit nassem Laub und Erde zu bedecken bis man kaum noch erahnen konnte, dass es eine Art Grab war.
Obwohl Changbin nicht gläubig war, nicht viel von Gott hielt und bei dem Wort Kirche nur den Kopf schüttelte, wünschte er dem Tigerkater eine wundervolle Reise ins Jenseits. Leise begann er ein Trauerlied zu summen.
Es erfüllte die Stille mit Klängen die wunderschön und unheimlich zugleich waren. Man konnten den Schmerz, die Trauer und die Wut förmlich spüren. Jeder der dieser Melodie lauschte wurde von Grauen erpackt. Es war wie in einem Horrorfilm. Nein. Viel schlimmer.
Doch es war noch nicht vorbei. Eine zweite Stimme wurde hörbar. Engelsgleich und glasklar sang sie den Text des bisher unbekannten Liedes. Das Duett nahm Form an, wurde von Minute zu Minute dramatischer.
Changbin stand für die Verzweiflung, während der Fremde Hoffnung und Zuversicht ausstrahlte. Wie in Trance beendete Changbin sein Lied und stand auf.
Unmöglich. Nur er kannte den Text. Er hatte ihn schließlich verfasst. Er sah sich um. Eine Silhouette hob sich von der Dunkelheit ab. Ein großer, schlanker Mann näherte sich ihm. Das lange, silberne Haar umwehte sein perfekt symmetrisches Gesicht. Die vollen Lippen und dunklen Augen zogen Changbin sofort in ihren Bann.
Der Fremde kam näher und näher. Es war als würde ein schwaches Leuchten von ihm ausgehen. Vor Changbin blieb er stehen und schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln.
Die beiden starrten sich intensiv an. Für einen Moment gab es nur sie. Alles um sie herum verschwamm zu einer dunklen Masse. Doch dann stutzte Changbin. Hatte sich die Augenfarbe des Mannes etwa gerade verändert!?