19. gemähter Grashalm

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Am nächsten Morgen kam ich nur schwer aus dem Bett. Ich hatte die ganze Nacht über Alia und ihren Vater nachgedacht. Was sie wohl jeden Abend so lange trieb? So, wie sich Sarah und Jenna und auch Jack immer über sie äußerten, kam sie mir nicht wie jemand vor, der jede Nacht stundenlang durch irgendwelche Clubs zog. Und auch ich hätte sie nicht für diesen Typ gehalten. Dazu war sie viel zu Menschenscheu und schüchtern, was Fremde anging.

In der Schule, zu der ich dank einem Sprint in meine Straßenbahn gerade noch rechtzeitig gekommen war, gesellte ich mich sofort zu Jack und versuchte mehr oder weniger vergeblich mich auf das zu konzentrieren, was er sagte. Währenddessen hielt ich die ganze Zeit über nach Alia Ausschau.

„Sag mal hörst du mir überhaupt zu?“, beschwerte sich Jack nach einer Weile, als ihm offenbar auch auffiel, dass ich ihm nicht besonders viel Aufmerksamkeit schenkte.

„Natürlich“, log ich schnell und fühlte mich ertappt.

„Ja und ich bin in Wahrheit ein Talentscout, der dich und deine Band groß rausbringen wird“, witzelte Jack und wurde gleich darauf wieder ernst. „Ich weiß doch, dass du nach Alia suchst. Da hinten ist sie.“ Er deutete in die Menge ein Stück rechts von uns. Ich sah ihren dunklen Schopf mit den schönen Locken sofort.

„Ach Ben dir ist echt nicht zu helfen“, seufzte Jack, als er den Blick sah, mit dem ich sie beobachtete. „Du musst endlich begreifen, dass eine Beziehung mit Alia etwa so wahrscheinlich ist, wie der Erfolg eurer Band. Obwohl, das wäre sogar noch wesentlich wahrscheinlicher.“

Ich sagte nichts, obwohl er gerade vermutlich meine Band beleidigt hatte, und schaute weiter Alia zu, wie sie sich durch die Menge bewegte. Sie wirkte gleichzeitig selbstbewusst und völlig zerbrechlich. Ich wusste immer noch nicht genau, wie das kam aber ich war sicherlich nicht der Einzige, dem diese Ausstrahlung auffiel. Alia war beliebt – auch wenn die Leute gerne über sie tratschten – aber wirklich kennen tat niemand sie, dazu war sie viel zu unnahbar.

„Ben begreif doch endlich. Alia geht keine Beziehungen ein. Das hat sie mir damals klipp und klar gesagt. Vergiss gleich wieder, was auch immer du im Bezug auf sie denkst.“ Jack hatte sich inzwischen ein wenig in Rage geredet und war lauter geworden. Um uns herum hielten einige innne und warfen uns neugierige Blicke zu.

„Was? Noch nie 'nen verliebten Trottel und seinen besten Freund gesehen, der versucht ihm das auszureden?“ Jack war die Arme in die Luft und rauschte danach davon.

Ich lächelte. Jack hatte etwas an sich, dass ihn sofort sympathisch machte, aber wenn man ihn länger kannte, konnte er auch ganz schön anstrengend sein. Dennoch freute es mich sehr, dass er mich gerade als seinen besten Freund bezeichnet hatte.

„Huch wo ist Jack denn gerade hin verschwunden?“ Tyler, Jacks bester Freund, stellte sich neben mich und blickte verwirrt in die Menge, in der Jack vor wenigen Sekunden verschwunden war.

„Ach der erholt sich gerade von mir“, grinste ich.

„Was haste denn angestellt?“

„Alia angestarrt.“

„Oh das schon wieder.“ Plötzlich wusste keiner von uns mehr, was er sagen sollte. Wir kamen zwar ganz gut miteinander aus, kannten uns aber zu wenig, um wirklich über so etwas reden zu können. Tyler war eine Art Genie und daher in sämtlichen Förderkursen, oder Streberansammlungen, wie sie auch genannt wurden, die das Avondale College zu bieten hatte. Das hatte jedoch zur Folge, dass er ständig in irgendwelchen Laboren herum hing und wir ihn kaum sahen.

„Also ich muss dann mal“, sagte Tyler, als das Schweigen zwischen und richtig unangenehm wurde.

„Okay Tschau, bis später vielleicht“, sagte ich ebenfalls erleichtert, der Situation entkommen zu können.

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