Mittsommer 199

Xanasee-Ebene

Arphelien

Die Bewohner der Xanasee-Ebene behaupteten stolz, ihre Heimat sei die schönste Region des ganzen Inselkönigreiches Arphelien, und sie könnten auch Recht damit haben, sofern man zu den Menschen gehörte, die das Funkeln der Sonne auf den von morgendlichem Tau bedeckten Santha-Bäumen, das leise Murmeln des Windes in den Blättern, die sanft plätschernden Wellen des Sees, den Schein des Mondes über dem nahegelegenen Gebirge und das Spiel der Kinder an den Wassern der Dona oder der Xera liebten.

Die Gegend war nicht dicht besiedelt und das war auch gut so, denn die Bewohner der Xanasee-Ebene mochten vor allem die Ruhe und die Friedlichkeit ihrer Umgebung und nicht den Lärm und die laute Geschäftigkeit der Städte. Abgesehen davon ließen die riesigen Wälder aus Santha-Bäumen nicht viel Platz für Ackerbau, geschweige denn für große Besiedlungen. Vereinzelt lichtete sich der Wald und ein zufälliger Reisender war nicht selten überrascht, dass der dichte Wald Platz für Dörfer von zehn oder zwanzig Häusern bot, doch diese waren selten und für einen Fremden nur schwer zu entdecken. Ihre Bewohner blieben lieber unter sich, als Fremde zu sich einzuladen.

Dennoch konnte ein Reisender, der sich zufällig in den Wäldern verirrt hatte, sicher sein, in jedem Dorf ein kostenloses Quartier für die Nacht und so viel Santha-Wein zu bekommen, wie er zu trinken vermochte. Und das sollte schon etwas heißen, denn der Santha-Wein der Xanasee-Ebene war legendär. Manch ein Tavernenbesucher in der Hauptstadt Xeant war schon beobachtet worden, wie er nach dem vierten, fünften oder sechsten Glas des edlen Tropfens – wer wollte schon so kleinlich sein und zählen - in Lobeshymnen auf die Xanasee-Ebene, ihre seltsamen Bewohner und ihre geniale und wohl von den Göttern inspirierte Idee, Wein aus den rötlichen und wohlschmeckenden Santha-Früchten zu gewinnen, ausbrach und dafür zustimmenden Applaus erhielt.

Doch die Lobpreisung des Weins blieb nicht auf die Hauptstadt Xeant beschränkt. Über die Flüsse Xera und Dona erreichten die kleinen, mit Weinfässern beladenen Barken die Städte Xeant und Erant, wo sie verkauft, in großen Hallen gelagert, weiterverkauft und auf Segelschiffe verladen wurden, um ihren Siegeszug über ganz Arphelien und sogar noch darüber hinaus auf den Kontinenten Agmuda und Barilia anzutreten.

Und so lebte die ganze Region von der Pflege und der Ernte der Santha-Bäume. Für Ackerbau blieb da nur wenig Raum. Zwar hatten viele Häuser einen kleinen Gemüsegarten, in dem das Nötigste angebaut wurde, aber zu mehr reichte der Platz auch nicht. Die meisten lebensnotwendigen Güter mussten die Waldbewohner in Städten wie Erant und Xeant kaufen oder eintauschen. Lediglich mit Santha-Früchten und mit Fischen waren sie dank ihres Waldes und des Xanasees reichlich gesegnet. Doch dafür waren sie den Göttinnen sehr dankbar und so veranstalteten sie jedes Jahr nach der anstrengenden Herbsternte ein großes Fest, um Felona, der Herrin der Ernte, Himena, der Herrin der Wälder, und Ileja, der Herrin der Seen, für ihre Wohltaten zu danken.

Doch dieses Jahr sah es so aus, als würde das Fest nicht stattfinden. Anders als in den bisherigen knapp zweihundert Jahren würde die Ernte diesen Herbst nicht gut ausfallen und die Bewohner des Waldes sahen ängstlich in die Zukunft. Zwar konnten die Waldbewohner ohne Weiteres ein schlechtes Jahr überstehen und es war auch schon zwei- oder dreimal in der Geschichte Arpheliens vorgekommen, dass ein später Frost oder ein Unwetter einen großen Teil der Ernte vernichtet hatte, aber noch nie waren die Verheerungen, die den Wald getroffen hatten, so schlimm gewesen wie dieses Jahr. Und manch ein Waldbewohner vergoss angesichts der zerstörten Bäume heiße Tränen und verfluchte stumm die dunklen Götter.

Doch die Götter waren dieser Tage besonders aufmerksam und so hörten sie die Klagen und Flüche trotz der weisen Zurückhaltung der Dorfbewohner. Dabei war ihre Vorsicht jedoch völlig überflüssig, denn die Götter kümmerte die Meinung der Menschen nur wenig. Jedenfalls die vier dunklen Götter Amenos, Doreos, Finea und Zandos kümmerte sie nicht.

Die verhängnisvolle Prophezeiung - Helden von Arphelien 1Lies diese Geschichte KOSTENLOS!