»Verzeihung! Wir haben ihre Chipkarte nicht erkannt!«, rief der Wachmann vom Empfangstresen und kam zu mir herübergeeilt.
»Jede Woche derselbe Mist.« Ich seufzte. »Jane Clearwater, Interpol Vermissten Netzwerk, Yellow Notices«, betete ich herunter und schluckte die Nervosität, die meinen Körper erfasst hatte, so gut es ging hinunter.
»Ah Jane, Sie sind's«, rief der Sicherheitsmann aus und winkte mich durch, nachdem ich artig mit dem Ausweis gewedelt hatte. Gott sei Dank hatte er von meiner Panik und der daraus resultierenden Eile nichts mitbekommen. Er schenkte mir keinen zweiten Blick. »Ich muss dringend diesen Chip erneuern«, murmelte ich zu mir selbst und wusste schon im nächsten Moment, dass ich es vermutlich wieder vergessen würde. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben ins Großraumbüro. Besorgt schaute ich wieder auf das mysteriöse Handy, der Akku war durch das Wochenende im Coffeeshop so gut wie leer. Mist! Ich würde ihn zunächst aufladen müssen, bevor ich den Geheimnissen des Gerätes auf die Pelle rücken konnte.

Noch war alles menschenleer. Ich war im Allgemeinen gerne die Erste auf der Arbeit. Wie die gute Kollegin, die ich war, schaltete ich gedankenverloren die Kaffeemaschine an, auch wenn ich keine Tasse von dieser Plörre trinken würde und setzte mich an meinem Platz. Ohne viel Federlesen schloss ich das fremde Smartphone an mein abgenutztes Ladekabel an und stellte mit grimmiger Zufriedenheit fest, dass es sich langsam auflud. Ganz ruhig bleiben. Es war nur ein Telefon. Ein Handy konnte mir nichts tun.

Ich starrte noch eine Weile das Foto auf dem Display an. Zweifelsfrei, das war ich. Vielleicht hatte eine meiner Uni-Kommilitonen das Foto im Internet hochgeladen und jemand anderes nutzte es jetzt als Motivation, seinen eigenen Abschluss zu schaffen? Oder hatte die Uni selbst eines meiner Abschlussfotos als Werbematerial genutzt? Doch egal wie viele irrsinnige Geschichten ich mir ausdachte, ich wurde das Gefühl der Unruhe, was mich erfasst hatte, einfach nicht los. Ich musste mich ablenken. Zeit, an die Arbeit zu gehen, ohne den geladenen Handy-Akku würde ich durch Rumraten sowieso nichts erreichen. Ich schaltete meinen Bildschirm an und rieb mir die Augen, als mir das strahlende weiß meines E-Mail-Postfachs entgegen flimmerte.

Ein Haufen neuer Mitteilungen und Aufträge ach und... ich klickte die eine Mail an, die aus der Masse herausstach. Kim, die Leiterin unserer PR-Abteilung hatte mir einen Zeitungsartikel verlinkt. »Interpol klärt Verschwinden von israelischer Abgeordnetentochter auf« Ein schwaches Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich die kurze Notiz sah, die Kim für mich hinterlassen hatte: »Gut gemacht.«
Sie war noch nie eine Frau vieler Worte gewesen, aber ich hatte den Fall aufgeklärt, so wie schon einige davor. Jedes Mal bekam ich mein Lob in Form eines Bonus, Zeitungsartikels und einer Nachricht von Kim. Natürlich wurde mein Name niemals in dem fraglichen Artikel erwähnt.

Mir war das recht so, ich arbeitete lieber im Verborgenen und hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Ich war bei Interpool eine derjenigen, die die ankommenden Anzeigen durchsah, die Hinweise mit unseren Datenbanken abglich und versuchte möglichst viele Informationen zu sammeln – auch aus den weniger gemütlichen Teilen des Internets und fremden Datennetzen. Mein Spezialgebiet war es, eine lebende Bibliothek an privaten Informationen zu sein und ich sah ein, dass das definitiv kein Job war, der sich problemlos in einer Zeitung erwähnen ließ, ohne irgendwelche Datenschützer oder andere düstere Gestalten auf den Plan zu rufen. Meine Augen wanderten wie von selbst vom PC-Bildschirm zurück zum Handy.

Ungeduldig stellte ich fest, dass das Telefon mittlerweile einen Ladestand von 20% hatte. Genug, um einen Brute Force Angriff zu starten. Mein Computer würde für mich unzählige Pin-Kombinationen durchprobieren, bis er die richtige fand und ich könnte bequem nebenbei meine eigentliche Arbeit erledigen. Ich bereitete die Anwendung vor, hielt dann jedoch inne. Was wenn? Mit schweißnassen Händen nahm ich das Smartphone in die Hand und tippte 23493 ein – mein Geburtstag.

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