Verbrannt

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»Sie unfähiger Tölpel, ich wollte Sojamilch haben, aber das ist eindeutig Hafermilch!«, fauchte die Frau vor mir in der Schlange den Barista an, der beschwichtigend die Hände hob. »Bitte verzeihen Sie, ich bin mir sicher, dass es Sojamilch war...« Er wandte sich hilfesuchend an seine Kollegen, welche jedoch tunlichst seinen Blick mieden und plötzlich ungeheuer geschäftig wirkten. Die Frau geriet jetzt erst richtig in Fahrt und es sah fast so aus, als wäre sie geübt darin, entrüstet zu sein. Zumindest wurde ihre Stimme immer lauter und schneidender. »Das werde ich nicht bezahlen!«

Ich wartete nur darauf, dass sie den Manager zu sprechen verlangte und das Ganze hier deshalb noch länger dauerte. Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass meine Zeit für einen friedvollen Morgen langsam entschieden zu knapp wurde.

»Das müssen Sie nicht, der Kaffee geht auf mich. Machen Sie der Dame doch bitte noch einen Cappuccino mit Sojamilch, ich werde den anderen mit Hafermilch nehmen«, mischte ich mich ein, schob mich an der aufgebrachten Frau mit Topffrisur vorbei und legte gelassen meine Kreditkarte auf den Tresen. Mein Eingreifen brachte jedoch nicht nur wie geplant die Sojamilch-Frau zum Verstummen, sondern auch den Barista, der mich mit offenem Mund anstarrte. Ich schenkte ihm ein Lächeln und schob meine Karte ein bisschen näher an ihn heran, um ihn daran zu erinnern, dass ich immer noch eine zahlende Kundin war.
»Ja, natürlich«, stammelte er, dankbar für den Ausweg, dem ich ihn bot und machte sich sogleich daran, das angeforderte Getränk zuzubereiten.
»Wenn er gleich richtig gearbeitet hätte, dann wäre das nicht nötig gewesen«, fauchte die Frau, nun da sie ihre Sprache offenbar wiedergefunden hatte. Ich zuckte nur mit den Schultern, griff nach dem Kaffee und meiner Karte und verzog mich in eine Ecke des Cafés.
Ein »Danke« hatte ich ohnehin nicht erwartet. Es war kurz nach sechs Uhr morgens und ich war nicht zu einem Streit aufgelegt. Müde nippte ich an meinem Kaffee und verzog das Gesicht, egal ob nun Soja- oder Hafermilch drin war, er schmeckte jedenfalls grauenhaft. 

»Entschuldigen Sie bitte?« Ich drehte mich langsam herum und sah, dass der Barista an meinen Tisch geeilt kam. »Vielen Dank, dass sie den Kaffee bezahlt haben, ich bin noch in der Probezeit und habe eben einfach kein Wort rausbekommen...« Mein Gesicht sprach anscheinend Bände, denn nachdem er kurz verstummte, kam er endlich zum Punkt. »Ich weiß, Sie sind jeden Wochentag hier. Grande, ohne Milch und Zucker, schwarz - morgen geht ihr Kaffee auf mich, als kleines Dankeschön. Ach, und Sie haben übrigens ihr Handy letzten Freitag hier liegen lassen, ich habe es übers Wochenende eingeschlossen.« Er hielt mir ein kleines, schlankes Smartphone in einer roten Hülle entgegen.

»Mein Handy?«, fragte ich, zwar hatte ich dieselbe rote Hülle, aber das war nichts Besonderes oder Einzigartiges, was mich als Besitzerin des Handys ausweisen würde. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich-« Die Worte blieben mir im Hals stecken, als ich das Display sah, welches unter den Fingern des Baristas plötzlich zum Leben erwachte. Direkt unter der Zeitanzeige flackerte ein Bild von mir auf, in dem ich lächelnd mein Unidiplom in die Kamera hielt. Versehen war das Foto mit dem Satz »Das Ziel immer vor Augen« in klarer, serifenloser Schrift.
»Gern geschehen«, lächelte der Barista, legte das Handy vor mir auf den Tisch, ging zurück an seine Arbeit und ließ mich sprachlos zurück. Irritiert ließ ich meine Hand in meine Hosentasche gleiten, wo meine Fingerspitzen gegen das kühle Metall meines eigenen Telefons streiften. Kein Zweifel, das kleine Gerät, was vor mir lag, gehörte ganz sicher nicht mir. Aber warum befand sich ein altes Foto von mir auf dem Sperrbildschirm? Ich sträubte mich dagegen, aber konnte nicht verhindern, dass eine gehörige Ladung Adrenalin durch meinen Körper jagte und das Blut in meinen Ohren zu rauschen begann. Irgendetwas war hier faul. Mit spitzen Fingern ergriff ich das fremde Smartphone. Es war ein brandneues Modell und nur mit einem Passcode gesichert. Das war seltsam. Die meisten der aktuellen Geräte funktionierten mit Fingerabdrucksensoren oder Gesichtserkennung und waren dadurch deutlich schwieriger zu knacken, was die Daten des Benutzers sehr viel besser schützte. Gedankenverloren stürzte ich den übelschmeckenden Kaffee herunter, steckte das Telefon mit zitternden Fingern in die Tasche und eilte zum Bürokomplex meiner Firma. Wie in Trance lief ich durch die großen Flügeltüren und wollte bereits den Sicherheitscheckpoint passieren, als ein nervtötendes Tuten mich aus meinen Gedanken riss und mir beinahe einen Herzinfarkt verpasste.

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