Ein Leuchtturm ohne Wächter

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Ich rührte in meinem Tee und das leise »Pling«, mit dem mein Löffel gegen das feine Porzellan stieß, klang hell über dem Heulen des Windes draußen. Seit wir den Leuchtturm betreten hatten, hatten die Böen sogar noch an Stärke zugelegt. Mr. McGregor schob mir widerwillig eine Akte hin.
»Das ist alles, was wir bisher wissen«
Ich schlug das Deckblatt zurück, doch Mr. Mcgregor, der scheinbar nun seine Kompetenz beweisen wollte, rezierte ganze Abschnitte aus dem Papierstapel, weswegen ich ihn eigentlich gar nicht mehr lesen musste.


»Drei Vermisste: James Ducat, Thomas Marshall und Donald McArthur. Joseph Moore hier...« Er wies auf den immer noch nervös wirkenden Mann neben uns, der mit bleichen Fingern seine Teetasse umklammerte. »...sollte ablösen. Kurz vorher berichteten uns allerdings mehrere Schiffe, dass das Licht des Leuchtturms erloschen war.«
»Das erste Mal wurde das am 15. Dezember festgestellt?«, hakte ich nach und McGregor nickte.
»Wir sind uns nicht sicher, ob das Licht dort schon tatsächlich aus war, oder ob der Nebel einfach zu dicht war um es zu sehen. Jedenfalls wurde am 26. Dezember schließlich ein Schiff mit Mr. Moore an Bord geschickt, um zu überprüfen, was hier los war.«
»Und Mr. Moore hat den Leuchtturm dann verlassen vorgefunden?«
»Korrekt, allerdings sind einige Dinge, die er gefunden hat, eher... ungewöhnlich.« McGregor warf einen Blick zu Mr. Moore, der nun zu Zittern begonnen hatte. »Nur zu, berichten Sie, Joseph«, forderte der Polizist, und der junge Leuchtturmwächter biss sich auf die Lippen. Er war kaum älter als ich, ein Jungspund, noch keine Familie und er vermied es, mich anzusehen, als er mit schwacher Stimme zu berichten begann.
»Es war Essen auf dem Tisch: Käse, Wurst, Brot. Es war alles angerichtet aber niemand... niemand war da. Doch obwohl niemand im Leuchtturmhaus oder im Leuchtturm selber war, so hingen ihre Mäntel noch alle an ihren Haken. Es war, als wären sie keine Spur hinterlassen«, schloss er zögerlich.


»Gibt es ein Logbuch?«, fragte ich und diesmal war es Mr. Muirhead, der nickte.
»Ja, laut dem Logbuch ist bis zum 15. Dezember alles bei bester Ordnung gewesen. Auch am 16. und 17. sind noch Einträge vorhanden, allerdings enthalten sie nur nautische Daten, kein detaillierter Bericht mehr, so wie am 15. Dezember.«
»Was sagt der Bericht des 15. Dezember?«, fragte ich höflich, ärgerte mich aber, dass ich den Männern alles aus der Nase ziehen musste.
»Ich glaube da müssen wir etwas weiter ausholen. Letztendlich finden die Berichte bereits am 12. Dezember an, seltsam zu werden. Die Männer haben von einem Sturm berichtet. Ein Jahrhundertsturm mit Winden, die den Leuchtturm erzittern ließen und Wellen, die bis zur Lichtanlage reichten«, erklärte der Polizist.
»Die Sache ist nur... Es gab keinen Sturm am 12 Dezember«, warf Mr. Muirhead ein. »Die See war sogar eher ruhig zu dieser Zeit.«
»Letztendlich schien der Geisteszustand der Männer unter dem Sturm zu leiden, ob nun real oder nicht. MacArthur soll geweint haben und glauben sie mir, wenn ich sage, er ist nicht der Typ, der weint«, versicherte McGregor.
Neugierig sah ich ihn über den Rand meiner Teetasse hinweg an. »Am 15. Dezember dann, schrieb Marshall dann, dass der Sturm vorbei wäre. Die See wäre ruhig und...« McGrergor stockte.
»Und?«, hakte ich stirnrunzelnd nach.
»Und Gott steht über uns.«


»Waren die Männer sehr religiös?«, fragte ich und setzte die Tasse auf dem Tisch ab.
»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Mr. Moore, mied aber immer noch den Blickkontakt.
»Wir haben mittlerweile die gesamte Insel abgesucht. Keine Spur von den Männern aber auch keine Spuren irgendwelchen von Stürmen.«, fasste McGregor zusammen. Nachdenklich starrte ich auf den Bodensatz in meiner Tasse. Es gab mehrere Szenarien. Durchaus kam es vor, dass lokale Stürme an der schottischen Küste aufkamen, doch dann wären Schäden am Leuchtturm zu erwarten. Ein Unfall wäre ebenfalls möglich. Auch ein Mord war nicht auszuschließen. 

Allerdings gab es auch noch eine weitere, letzte Möglichkeit. Vielleicht hatten die Männer den Ruf gehört. Den Ruf, der manchmal, für die Empfänglichen aus den Tiefen des Meeres dröhnte, so wie tausend Trommeln, weit unter den Wellen. 

Schon oft hatten Seemänner davon berichtet und sie alle reagierten auf dieselbe Art und Weise – mit der größten Furcht, die sie jemals verspürt hatten. Funken von Wahnsinn, die sich in ihre Augen schlichen und langsam ihr Gehirn auseinandernahmen sorgten dafür, dass jedes Medium, was es wagte in ihren Geist einzudringen Gefahr lief, mitgerissen zu werden.

Auch ich hatte einmal diesen Ruf vernommen und ich würde alles auf der Welt dafür geben, mich nicht mehr daran zu erinnern und kein Geld der Welt wäre es Wert, ihn auch nur ein einziges, weiteres Mal zu hören.

Fortsetzung folgt...
Das Medium von Flannan Isle - Eine Cthulhu Mythos Geschichte
Letzte Aktualisierung: Oct 19, 2020
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