Eine stürmische Ankunft

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Der eiskalte Wind peitschte mir ins Gesicht und die Gischt spritzte erbarmungslos am Boot empor. Mein langer Umhang war völlig durchnässt, das Salzwasser beschwerte ihn und verlieh dem Stoff eine gewisse Härte. Ich fror und das nasskalte Wetter zusammen mit dem Donnern der Wellen sorgte dafür, dass ich Kopfschmerzen bekam. Keine guten Voraussetzungen für das, was mir noch bevorstand. Zusätzlich ließ das Schaukeln des Bootes meinen Magen revoltieren.
Ich hob den Kopf um auf etwas zu fokussieren, doch die Wolken verschwammen mit dem nebelig grauen Himmel zu einer einzigen, tristen Suppe und ließen den Horizont nicht mal erahnen. Obwohl das kleine Boot relativ voll besetzt war, sprach niemand ein Wort, was das Pfeifen des Windes nur noch unerträglicher machte. Die Stimmung und Moral war nicht gerade auf einem Höhepunkt und das hing teilweise auch mit mir zusammen. Robert Muirhead, der Superintendent des NLB saß mir gegenüber und lächelte mich ermutigend dazu. Die Miene vom Polizisten neben ihm konnte jedoch nicht gegenteiliger sein und stand dem miesen Wetter in nichts nach.


Endlich unterbrach ein Schrei die drückende Stille.
»Land in Sicht!«
Tatsächlich, ich wandte den Kopf und bemerkte ein paar undeutliche Felsstrukturen, die aus dem Nebel ragten. Je näher wir kamen, desto eher wurde erkennbar, dass es sich um einen sehr rudimentären, steinernen Dock handelte. Er war direkt in den Fels gehauen wurden und mit einzelnen verwittertem Geländern abgesichert. Als wir schließlich anlegten, konnte ich vereinzelte Grashalme sehen, die auf eine größere Wiese hindeuteten, die sich hinter den scharfkantigen Klippen erstreckte. Die legendären grünen Weiden der Flannan Isles. Angeblich sollten das Gras und die Kräuter, die hier wuchsen, magische Kräfte besitzen. Viele Schäfer hatten früher ihre Schafe auf die Inseln gebracht, um so ihre Krankheiten zu heilen, und sie behaupteten felsenfest, dass auch die Wolle ihrer Tiere nach einem Besuch auf der Insel deutlich dichter wuchs.
»Mrs. Fiosaiche?« Ich löste den Blick von den Felsen und wandte meine Aufmerksamkeit zurück zu Mr. Muirhead. Er war bereits aus dem Boot geklettert und hielt mir nun die Hand hin um mir ebenfalls auf den glitschigen Stein zu helfen. Dankbar ergriff ich sie und setzte einen meiner absatzbewehrten Schuhe auf den graugrünen Dock. Ich war definitiv nicht für die Wetterverhältnisse angezogen aber von einer Dame meines Standes wurden gewisse Kleidungsstücke erwartet – Gummistiefel gehörten leider nicht dazu. Ich hätte gerade alles dafür gegeben, meine unbequemen Feinlederstiefel und meinen Wollmantel gegen eine vernünftige Ölhaut und festes Schuhwerk zu tauschen. Ich verbarg ein undamenhaftes Augenrollen hinter einem meiner Handschuhe, indem ich so tat, als wollte ich mir eine widerspenstige blonde Strähne hinters Ohr streichen.


Nach uns stiegen auch die anderen Gestalten aus dem Boot, es waren mehrere Polizisten, einige Reporter und eine überschaubare Menge Freiwilliger, die sich bei der Suche nach Hinweisen beteiligen wollten. Empfang genommen wurde unser Grüppchen von einem weiteren grimmig dreinblickenden Polizisten und einem dünnen untersetzten Mann, der irgendwie nervös wirkte. Der Polizist ging dagegen forsch auf Mr. Muirhead zu.
»Hallo Robert, ist sie das?«, bellte er und warf mir einen missbilligenden Blick zu. Das war ich bereits gewohnt - man gewöhnte ich an einiges, wenn man so einem Beruf wie meinem nachging.
»Ja, sie ist das Medium«, bestätigte Mr. Muirhead freundlich und schüttelte nun auch die Hand des nervös wirkenden Mannes.
»Hallo Joseph.«
»Und das soll etwas bringen?«, fragte der Polizist und musterte mich skeptisch. Noch eine Sache, die ich gewohnt war. Außerdem war es fast immer so, dass sich die Leute so unterhielten, als wäre ich nichts weiter als ein weiteres Wispern im Wind und gar nicht wirklich da.


Ich seufzte. »Officer, vielleicht überspringen wir einfach den Teil in dem sie ihr Misstrauen, Skepsis und Ungläubigkeit äußern und lassen mich wenigstens versuchen zu helfen. Ich würde es überaus begrüßen, wenn sie mich auf den neusten Stand der Ermittlungen bringen würden«, bat ich mit einem strahlenden Lächeln. Mir war bewusst, dass ich mich damit so verhielt, wie er es am wenigsten von mir erwarten würde. Einen Moment lang schien es, als würde er mich im nächsten Augenblick anschreien, entschied sich dann jedoch dafür mir grummelnd die Hand zu reichen.
»Edward McGregor«, stellte er sich knapp vor.
»Flora Fiosaiche«, erwiderte ich genau so knapp.


»Alles klar, dann begleite ich sie mal zum Leuchtturm. Dort können wir in Ruhe reden und sie können ihr Hokus Pokus Spektakel veranstalten.« Die letzten Worte spie Mcgregor geradezu aus und betonte sie mit tiefster Verachtung, eher er sich umdrehte und uns von dannen stapfend den Weg wies. Mr. Muirhead warf mir einen entschuldigenden Blick zu, doch ich zuckte nur mit den Schultern, ehe ich mich beeilte, mit dem schlecht gelaunten Polizisten Schritt zu halten. Die Freiwilligen und anderen Polizisten gruppierten sich dagegen in der Nähe des Docks und wurden anscheinend anderwertig angewiesen.


Nach einer gefühlten Ewigkeit auf dem unebenen und steinigen Weg über eine grüne, mit Steinen durchzogene Wiese wurde der Boden langsam immer fester. Kompakter Kies knirschte unter meinen nun ebenfalls durchnässten Schuhen und erleichterte mir das Gehen. Ich erlaubte mir, einen Augenblick lang nach oben zu sehen und damit einen verstauchten Knöchel zu riskieren, doch der Anblick, der sich mir Bot, wäre das sogar Wert gewesen.
Ein einziges Gebäude ragte hoch über dem Hügel empor. Es erhob sich aus dem Nebel und schien sich gar endlos gen Himmel zu strecken: ein schneeweißer Leuchtturm. Ein Gebilde, was niemals hätte gebaut werden dürfen. Es hatte unter den Einwohnern der umliegenden Inseln viele Proteste gegeben, denn sie sahen in den Flannan Isles nicht nur einen magischen Ort, der ihre Schafe heilte, sondern sie wussten auch, dass sie hier nur Gäste waren. Nachts, so sagten sie, gehörte die Inseln den Geistern der See und jeder, der es wagte, auf einer der saftigen Wiesen einzuschlafen, berichtete von grauenhaften Träumen und Blicke auf etwas, was sich nicht anders als Wahnsinn beschreiben ließ.


Doch die Gier der Menschen war groß und der Respekt vor den Warnungen der Schäfer war klein, weshalb der Leuchtturm auf der Hauptinsel Eilean Mòr erbaut wurde. Bemannt wurde er mit drei Leuchtturmwärtern, die angewiesen waren, das Licht stets brennen zu lassen und so den Schiffen den Weg nach Schottland zu leuchten. Bis das Licht plötzlich am 15. Dezember 1990 erlosch und mit dem Licht verschwanden auch die drei Leuchtturmwächter. Nun sollte ich dabei helfen, sie zu finden.

Das Medium von Flannan Isle - Eine Cthulhu Mythos GeschichteWo Geschichten leben. Entdecke jetzt