Bitte bleib!

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Ich betätigte mit rechts den Klingelknopf und zauberte mit links das Fläschchen Desinfektionsmittel aus der Innentasche meines Jacketts, um der drohenden Kontamination zu entgehen. Knöpfe, Türklinken, Handläufe – alles Bakterienherde, mit denen ich nur im äußersten Notfall Hautkontakt in Kauf nahm.

Ein Notfall wie heute.

Zumindest war meine Sekretärin sich sicher, dieses Wort verstanden zu haben, als mein Bruder Jaxo vorhin ins Telefon gejault hatte.

Ich starrte auf den silbernen Knopf, den ich berührt hatte. Wenn ich darüber nachdachte, wie ungern Jaxo einkaufen ging und wie gerne seine Freundin Melinda im Internet bestellte, wurde mir schwindelig. Mit Sicherheit bekamen die beiden mehrmals täglich Besuch von Päckchenboten, die neben Melindas geschmacklosen Dekorationsartikeln gleich die trendigsten Krankheitserreger mit ablieferten. Und ich hatte diesen Knopf berührt, den sie alle gedankenlos anfassten, nachdem sie sich in der Eile den Rotz von den Nasenspitzen wischten.

Auch mit Desinfektionsmittel blieb immer ein Restrisiko. Das Versprechen, 99,999 Prozent der Bakterien, 99,99 Prozent der Pilze und 99,9 Prozent der Viren abzutöten, bedeutete doch immer noch, dass etwas überlebte. Genau genommen 0,001 Prozent der Bakterien, 0,01 Prozent der Pilze und ganze 0,1 Prozent der ...

Jaxo bewahrte mich davor, in Schnappatmung zu verfallen, indem er die Tür aufriss und ich einen Schritt vor seiner ungepflegten Erscheinung zurückwich.

Mein Bruder trug geblümte Boxershorts, die so aussahen, als hätte ihr eigentliches Schicksal darin bestanden, als Hawaiihemd zu enden, und darüber einen dunkelroten Satinkimono. Der Gürtel des Kimonos hinglose in einer Schlaufe an der Hüfte, sodass Jaxos Wohlstandsbäuchlein wunderbar zur Geltung kam. Allein die Existenz dieses Überwurfs konnte nur auf Melindas Mist gewachsen sein. Was vermisste ich die Jahre, in denen Jaxo noch mich um modischen Rat gebeten hatte.

"Xander, da bist du ja endlich." Mein Bruder sprang mir in die Arme und presste mein Gesicht in seine verschwitzte Halsbeuge. "Ich bin so froh, dich zu sehen."

Ich hielt reflexartig die Luft an. Jaxo hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden definitiv nicht geduscht. Er roch wie Großvater Lexter, der sich zuletzt in eine winzige Höhle verkrochen hatte, um entweder an Altersschwäche oder am Eigengeruch zu sterben. Je nachdem, was schneller ging. Wir hatten ihm zwar einen Platz im Altersheim angeboten, doch der alte Mann hatte auf einen traditionellen Tod bestanden. "Altersheim? Ich hasse diesen neumodischen Firlefanz! Bei meinem Stachel, nein!"

Während Jaxo seinen Schnodder an meinem Karl-Lagerfeld-Anzug abrieb, betete ich, dass ich den Vorrat an Feuchttüchern im Wagen noch nicht aufgebraucht hatte. Ein Ersatz-Sakko hatte ich immer dabei. Aber wenn ich mich nicht ansatzweise keimfrei fühlte, konnte ich nicht klar denken. Geschweige denn Kunden beraten und ein stilsicheres Konzept für ein Loft oder eine Jugendstilvilla entwickeln. Nein, ohne Feuchttücher würde ich nochmals nach Hause müssen, bevor ich zurück ins Studio fuhr.

Ich packte Jaxo an den Oberarmen und drückte ihn von mir weg.

"Du hast gesagt, es gäbe einen Notfall?"

"Ja!" Jaxo schluchzte mit bebender Unterlippe, womit er mich stark an den kleinen Jungen aus unserer Kindheit erinnerte, der keine Gelegenheit zum Flennen ausgelassen hatte. Schon drei tote Mücken an unserer Kinderzimmerwand hatten dafür als Anlass ausgereicht, wenn Drex sie mit einem Pantoffel gejagt und zerschlagen hatte, damit sie uns in der Nacht nicht stechen konnten. Oder demokratische Abstimmungen zuseinen Ungunsten, weil Drex und ich nicht die hundertste Wiederholungvon My litte Pony hatten gucken wollen und wir nicht so verliebt in ein gewisses Einhorn namens Prinzessin Twilight Sparkle gewesen waren wie Jaxo. Beim letzten Mal, als er sich mit solch aufgequollenen Augen gezeigt hatte, war ihm nach dem Referendariat die Stelle anseiner Wunschgrundschule durch die Lappen gegangen.

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