Ein kleines Riesenproblem

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Während ich energiegeladen und voller Tatendrang wie von einer Tarantel gestochen von meinem serienmäßig bestimmt über hundertmal vertretenen Sitz mit hässlichem grau-blauem Muster aufspringe, manifestiert sich eine Tatsache in meinem Kopf, von der ich überzeugt bin, dass sie der Schlüssel zu all dem Chaos hier ist. Das Problem ist nur, dass ich sie nicht ganz zu fassen bekomme. Dieses bekloppte Gefühl die Antwort auf der Zunge liegen zu haben, man sie aber nun mal nicht ansehen kann, egal ob man in den Spiegel schaut oder sich wer weiß wie anstrengt dieses verdammte Fitzelchen der Tischdecke endlich in die Finger zu bekommen und die Lösung samt der Tischdeko zu Boden zu reißen.

Hatte dieses Gefühl nicht jeder schon einmal? Das man etwas Wichtiges oder Tolles geträumt hat, am Frühstückstisch den Eltern oder im Bus der besten Freundin oder dem besten Freund davon erzählen will und plötzlich nicht mehr drauf kommt, was es gewesen ist? Oder man den Namen oder die Bezeichnung für irgendetwas suchte um jemand anderem etwas zu erklären und nur mit Dingsbums, Ähh's und Ähm's oder 'mir fällt der Name gerade nicht ein, aber heute Abend im Bett weiß ich ihn wieder' seine Aufwartung machen konnte und wie ein verblödeter Depp dastand und sich auch so vorkam?

Genauso, nur gefühlte zehn Erdbebenstärken schlimmer fühlt es sich bei mir an, so als ob die Antwort überlebenswichtig für unsere gesamte Galaxie wäre. Jedes Mal wenn ich versuchte der Antwort auf die Schliche zu kommen flutschte sie mir durch die Finger wie ein eingeölter Flummi auf Hüpfdroge, der unablässig und unerreichbar um mich herumsprang und mich gackernd wie ein Huhn auslachte.

Also versuche ich jetzt die Methode, die bei mir meistens zu einem Ergebnis führt, wenn ich diese Art von Alzheimer bei mir feststellte und aber dringend eine Lösung für mein Problem oder meine Hausaufgaben brauchte: Ich machte einfach etwas anderes und lenkte meine verfahrenen Gedanken ab, trickste sie aus und tadaa, lieferten sie mir von ganz allein wie ein apportierender Hund das gesuchte Etwas wie ein vergoldetes Stöckchen mit roter Samtschleife drum.

Diesmal brauche ich nicht eine halbe Ewigkeit auf den Bahnhof zu warten, an dem für mich Endstation ist. Zielgerichtet quetsche ich mich an den Rollkoffern und ihren Besitzern durch den schmalen Gang vorbei und hüpfe elegant mit dem mehr oder weniger hässlichen Rucksack auf den Bahnsteig und schaffe es gerade noch so, ein Kind vor einem harten Aufprall auf den Steinfliesen neben mir zu bewahren, weil es über den pinken Koffer einer Frau gestolpert und die Stufen des Zuges hinter mir heruntergefallen war.

„Alles in Ordnung bei dir Kleiner?" frage ich den Jungen, bei dem ich jede Sekunde erwarte, dass er anfängt wie eine Sirene loszuheulen. Doch er schweigt und ich setze ihn vorsichtig vor mir ab. Er schaut mich aus tiefgründigen braunen Äugelein an und saugt mich quasi mit seinem Blick auf, wie den Saft aus seiner Schnabeltasse. Ich knie mich vor ihn hin und streiche ihm ganz sachte über die Stirn, wo sich bereits ein blauer Fleck auf einer nicht gerade kleinen Beule andeutet und er zuckt nicht einmal mehr zurück - starrt mich einfach nur an wie ein kleinwüchsiger Stalker. Wie alt mochte der Kleine sein? Fünf?

„Hey. Alles klar?" frage ich nochmal und rücke auf dem rechten Knie kniend sein hellblaugestreiftes T-Shirt zurecht, das schief, schepp und etwas verdreckt über und unter seiner Jeanslatzhose hängt. Er nickt und schüttelt dann nach einer kleinen Denkpause den Kopf, senkt den Blick und drückt sich plötzlich an mich als wäre ich ein Riesenteddy. „Alles ist gut" hauche ich ihm über den braunen Haarschopf, nachdem ich meine Überraschung überwunden habe und streiche ihm ganz behutsam über den kleinen Rücken, als er anfängt zu zittern.

Das kleine Kind nimmt seinen Kopf von meiner Schulter und sieht mich wieder aus großen kugelrunden Augen an, so als wäre ich ein Außerirdischer. „Wo ist deine Mama denn?" frage ich vorsichtig und blicke mich suchend um. Auf dem Bahnsteig ist keine Frau zu sehen, die nach ihrem Kind sucht und in dem Abteil aus dessen Tür der Junge gerade gefallen ist auch nicht. Zu allem Unglück fährt der Zug genau in diesem Augenblick los. Meine Panik wird auch seine Panik. Tränen rollen still und stumm über seine Wangen und ich frage ihn erneut und dann noch einmal. „Ist deine Mutter in dem Zug?"

Und dann sahen wir uns wiederLies diese Geschichte KOSTENLOS!