Die letzte Chance

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Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich auf. Alles war still und man hörte nur gleichmäßiges Atmen, mich ausgeschlossen. Wir fuhren gerade, allerdings konnte ich dank der unendlichen Dunkelheit, die draußen herrschte gar nichts erkennen. Ich sah nur, was vor dem Bus lag, da Mike ja Scheinwerfer anhatte. Die Straße sah aus, wie eine gewöhnliche Straße. Es gab kein Grün hier. Die Straße war aus reinem Beton und nichts weiter. Da ich nicht mehr müde war, beschloss ich nach vorne zu Mike zu gehen. Er sah anscheinend nicht, das ich es war, denn er machte eine plötzliche Vollbremsung und drehte sich geschockt zu mir. Der Bus rüttelte, aber niemand schien aufgewacht zu sein. Er schaute mich an und sagte: "Glori, du hast mich total erschreckt. Ist irgendwas?" "Nein, nein. Tut mir leid... Ich war bloß aufgewacht und dachte, ich könnte zu dir kommen." Er setzte seine hässliche Maske ab und blickte mich mit seinen blauen Augen an. Den Bus hatte er natürlich inzwischen zum Stehen gebracht. Ich lächelte und sagte: "Es tut mir wirklich leid, ich hätte einfach weiterschlafen sollen." Er antwortete mitfühlend: "Hey Kleines. Alles ist gut. Ich freue mich, dass du hier bist." Dann lehnte er sich nach vorne und küsste mich. augenblicklich erwiderte ich den Kuss und sagte: "Ich wünschte wir müssten nicht hier sein..." "Es tut mir so leid Glori. Ich wünschte ich könnte etwas für dich tun." Dann umarmte ich ihn. Ich kannte sein wahres Ich zwar erst sehr kurz, dennoch fühlte ich, dass uns irgendetwas Verband. Vermutlich der Kampfgeist. Außerdem schien er, als könnte man ihm trauen. Ich konnte nur aus ganzem Herzen hoffen, dass er mich nicht austrickste. Denn ich mochte ihn wirklich. Sehr.

"Mike?" "Ja Kleines?" "Ich will hier raus. Ich-ich kann nicht mehr. Immer mehr Schüler sterben... Aber ich kann nicht mehr." Er schaute mir tief in die Augen und dann auf den Boden des Busses. Er schien, als würde er nachdenken. Einige Minuten Stille herrschte zwischen uns.

Dann sah er mich an und sprach: "Hör zu. Ich werde dich und alle anderen da raus holen. Die nächte Station ist in etwa so wie ein Bauernhof, also überall ist Stroh. Rundherum ist ein Zaun aus Holz gebaut. Ich habe eine Kettensäge bei mir..." Ich unterbrach ihn: "Moment. Du hast ernsthaft eine Kettensäge bei dir?" "Ähm ja... Könnte man so sagen. Aber das tut nichts zur Sache. Ich kann euch retten. Also erst einmal müssten wir allen mein wahres Gesicht zeigen, damit sie mir vielleicht zumindest ein kleines bisschen vertrauen. Dann müssen wir sie einweihen. Im Bus sind sowieso keine Kameras. So wie an wenigen anderen Orten in der jeweiligen Station. Wenn wir alle Kameras lahmgelegt haben, dann habt ihr ein wenig Zeit, bis die Gequälten darauf kommen und hier sind. Ihr könnt flüchten. Wir müssen ein riesiges Loch irgendwie in den Zaun sägen. Dann fahren wir mit dem Bus durch das Loch. Einfach immer in die Gegenrichtung in die wir sonst fahren. So kommt ihr zurück." "Wow, Wow, Wow. Was? Ich weiß nicht so recht, ob das klappt. Ich meine, ob sie uns wohl glauben werden?" "Wir müssen es versuchen. Irgendwie muss ich dich ja retten."

"Gut. Ich gehe schlafen. Morgen in der Früh müssen wir sie davon überzeugen." "Ok, und Glori?" "Ja?" "Ich verspreche dir, dass du hier lebend rauskommen wirst." "Danke." War das Letzte, dass ich rausbekam. Ich meine, er wird mich beschützen, obwohl er mich kaum kennt. Ich schätze, er mag mich wirklich. Zumindest hoffe ich es, da ich ihn auch mag. Ich ging leise durch die Busreihen nach hinten, in die letzte Reihe.

In der zweiten Reihe saßen Drake und Lisa, mehr lagen sie aufeinander.

Dahinter lag Zeke auf einer einzelnen Bank. Er lag ziemlich zusammengerollt dort. Rechts daneben lag Emely, die die Augen, so wie alle anderen, fest geschlossen hatte. Auch sie sah von den letzten Tagen, oder waren es Wochen, schon sehr mitgenommen aus. Einige Reihen dahinter waren frei und dann lag da Jonas. Alleine. Ich hatte die letzten Tage garnicht mit ihm geredet. Ich verstehe ihn nicht, und ich verstehe die Sache zwischen Yasmin und ihm nicht. Trotzdem schlief er anscheinend seelenruhig auf seinem Platz. Auf einmal machte es einen Ruck und ich stolperte einige Schritte nach hinten. Mike war bloß losgefahren. Ich beruhigte mich. Die letzten wenigen Schritte ging ich flott zu meinem Platz und legte mich zwischen Caroline und Hazel. Nach wenigen Sekunden schlief ich auch schon ein...

Am nächsten Morgen wachte ich mit Kopfschmerzen auf. Vermutlich vom ganzen Nachdenken, über unsere Flucht. Ich weckte Hazel und Caroline neben mir auf und lächelte sie strahlend an. Ich war ziemlich glücklich. Ich meine, es gab Hoffnung für uns alle. Mittlweile wurden nach und nach alle wach. Die ersten waren auch schon auf dem Weg nach vorne zur Tür. Doch Mike stand, mit seiner Maske auf dem Gesicht, vor der Tür und versperrte ihnen somit den weg. Sie guckten ihn blöd an und Zeke sagte störrisch: "Sag mal, was hst du für Probleme. Lass uns durch du Monster." Er verdrehte nur die Augen und ich musste Grinsen. Ich ging nach vorne und sperrte ihnen ebenfalls den Weg ab.  Zeke schaute mich sehr verwirrt an und sagte erstaunt: "Glori? Was?" Ich bedeutete ihm mit meiner Hand sich wieder hinzusetzen. Widerspenstig, aber dennoch schnell nahm er zusammen mit Drake und Lisa wieder Platz. Ich stand vorne bei Mike, der mit seiner Maske nach wie vor sehr alt und abstoßend aussah und nahm seine Hand. Er sah mich kurz an und lächelte. Alle schauten uns so verblüfft an, das man denken könnte ihn würden die Augen aus dem Kopf springen. Mike zog die Maske von seinem Gesicht und sagte: "Wir haben einiges mit euch zu besprechen." Verwirrte Blicke von sieben meiner Mitschüler lagen auf uns und wir hatten ihnen einiges zu erzählen. Hoffentlich klappt alles- das ist unsere letzte Chance.

Der Bus zur Hölle *Abgeschlossen*Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt