Dienstag, 23. Dezember [Part I] - Bedingungslos und Hals über Kopf.

21.5K 1.5K 131

Ich hatte Angst vor dem, was er sagen würde. Ich konnte nicht noch mehr ertragen, das musste er doch verstehen!

„Ich kann es einfach nicht fassen...“, kam er ohne Umschweife gleich zum Thema und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er ließ den Blick durchs Zimmer streifen – Hauptsache er musste mich nicht ansehen.

Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals.

„Wieso hast du nichts gesagt? Wieso hat sie nichts gesagt? Was sollte das?!“, fragte er enttäuscht.

Ich konnte mir vorstellen, dass er nicht sonderlich begeistert davon war, dass wir ihn beide fast zwei Wochen lang angelogen hatten.

„Weil ich mich nicht in irgendetwas einmische, dass mich nichts angeht“, erklärte ich mit ruhiger Stimme.

Aufregen oder auch weinen würde eh nichts bringen. Ruhig bleiben und zivilisiert miteinander kommunizieren war das Beste und Vernünftigste.

„Eigentlich ist es eh Lisas und meine Sache, ob wir befreundet sind oder ob sie mich jahrelang nur verarscht hat.“

Es wunderte mich eigentlich schon ziemlich, dass es mir irgendwie nichts mehr ausmachte. Ich hatte mit der Hexe abgeschlossen. Wenn ich die letzten Jahre zurückblickte, war das zwischen ihr und mir eh irgendwie immer nur so eine oberflächliche Freundschaft gewesen. Sie wusste zwar, dass ich mit Mama nicht gut klarkam, aber sie wusste genauso wenig wie alle anderen, was wirklich los war. Sie wusste, dass ich meinen Vater nicht kannte und dass Mama (wahrscheinlich) auch nicht wusste, wer er war, und mehr nicht. Sie hatte niemals gefragt, wie es mir ging. Es hatte sich alles immer nur um sie gedreht. Die ach so perfekte, begehrte, berühmte Lisa.

„Es sollte deine Beziehung zu ihr nicht beeinflussen, also habe ich mich in nichts eingemischt“, fuhr ich meine Erklärung fort.

„Welche Beziehung?“, schnaubte Dario und sah mich jetzt endlich an, auch wenn es der finsterste Blick war, den ich bei ihm je gesehen hatte. „Wir haben nie eine Beziehung geführt. Das war...keine Ahnung, wie man das nennen konnte. Aber ich bin froh, dass es vorbei ist.“

„Und wieso hast du mich dann geküsst und bist trotzdem weiterhin mit ihr zusammen geblieben, wenn du anscheinend nicht mit ihr zusammen sein wolltest? Hm?“, wollte ich wissen.

Ich konnte es nicht verhindern, dass ein bitterer Unterton sich in meine Stimme schlich und ich verächtlich den Mund verzog.

Darauf schien ihm im ersten Moment nichts einzufallen. Oder nein, so wie er aussah, fiel ihm schon etwas ein, aber er wollte es nicht sagen. Ich konnte sehen, dass er die Luft anhielt und kurz davor war, mit der Antwort rauszurücken.

„Sag, wieso?“, bohrte ich nach und ließ ihn nicht aus den Augen.

„Weil ich dachte, dass sie total in mich verliebt war. Und ich habe es nicht übers Herz gebracht, mit ihr Schluss zu machen. Nach dem mit Sophie kann ich das nicht. Ich kann das nicht mehr einfach Nein sagen oder jemanden von mir stoßen. Das Leben kann so schnell vorbei sein.“

„Das kapiere ich nicht“, gab ich verwirrt zu.

„Wenn ich mit Lisa Schluss gemacht hätte und ihr wäre dann etwas passiert so wie Sophie, dann hätte ich mir ewig Vorwürfe gemacht, dass ich mit ihr hätte zusammenbleiben müssen, damit sie wenigstens noch den kurzen Rest ihres Lebens schön verbringen konnte.“

„Aber das konntest du doch nicht wissen, dass das im Chemielabor passieren wird? Du kannst doch nicht in die Zukunft schauen?“, gab ich zu bedenken.

Ich wusste, was er meinte und ich verstand es, aber ich konnte es nicht nachvollziehen.

„Du kannst das Wohl von anderen nicht immer vor deins schieben, Dario. Der wichtigste Mensch in deinem eigenen Leben bist du und sonst niemand. Glaub mir, das habe ich in den letzten Jahren, in denen ich auf mich gestellt war, gelernt. Auch wenn ich oft genug anders handle. Oder naja, fast immer anders handle und mich selbst hinten anstelle. Aber...wenn du nicht dich selbst an erste Stelle stellst, kannst du dein Leben gleich vergessen, das habe ich überdeutlich gelernt. Du steckst in diesem Körper, und in keinem anderen.“

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!