Montag, 22. Dezember [Part I] - Nicht so pessimistisch, wir schaffen das locker!

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„Paulina, kommst du? Du bist jetzt dran. Alle erwarten dich schon.“

Ich sah Frau Schäfer an und nickte. Ich schluckte schwer und versuchte, ruhig zu bleiben, aber das Lampenfieber kroch mir durch die Adern. Ach, Quatsch: Es schoss mir in Höchstgeschwindigkeit durch die Adern. Ich war so aufgeregt. Hier ging es um meine Zukunft.

Ich wischte meine verschwitzten Handflächen an meinem schwarzen Kleid ab und atmete tief ein. Ich stand auf, nahm meine Geige in die Hand und ging durch die Stuhlreihen langsam nach vorne. Ich trat ins Scheinwerferlicht.

Plötzlich zuckte ich zusammen, als ich gerade meine Geige ansetzte und dann aber sah, wer am Klavier saß.

„Lisa, was machst du da?“, zischte ich und sah sie verwirrt an. Ich ließ meine Geige wieder nach unten sinken und konnte es nicht fassen.

„Dich begleiten, was denn sonst?“, meinte sie mit ihrer hohen, mädchenhaften Stimme und klimperte mit ihren falschen Wimpern.

„Du kannst überhaupt nicht Klavier spielen!“, stellte ich klar und sah sie alarmiert an. „Und du hasst mich. Geh weg, jemand anderes muss da sitzen und spielen.“

„Ach ja? Zum Beispiel Dario?“

Lisa stand auf und kam langsam auf mich zu. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück. Keiner im Saal rührte sich. Jeder starrte mich an.

„Keiner will dich begleiten, Paulina. Niemand“, hauchte Lisa und es fühlte sich an, als wäre ihre Stimme nur in meinem Kopf. Sie war viel zu laut. Sie dröhnte in meinem Kopf. Sie warf ein Echo und ich hatte das Gefühl, mein Kopf würde gleich platzen.

„Niemand wird dich begleiten, Paulina.“

Eine unsichtbare Kraft ließ mich zusammenbrechen und ich krachte mit den Knien auf den Boden. Meine Geige fiel mir aus der Hand und schepperte neben mir auf die Fliesen. Sie zersplitterte. Genau wie mein Herz. Kleine Holzsplitter standen ab. Sie sah schrecklich aus. Es zerriss mir das Herz.

„Niemand, Paulina.“

Ich schloss die Augen und wollte einfach nur noch weg. Jetzt hörte ich, wie das Publikum anfing, zu lachen. Sie lachten so laut.

Nein! Nein, lasst mich alle in Ruhe! Nein! Ich habe euch doch nichts getan! Ich-

„Paulina!“

Im nächsten Moment saß ich senkrecht. Ich starrte in Maries große braune Augen. Sie saß verängstigt vor mir und hatte mich an den Schultern gepackt. Ich fuhr mir mit der Hand über die Stirn und ließ mich wieder in meine Kissen plumpsen.

Scheiße, was war das für ein Traum gewesen!

„Paulina.“

Marie zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich, aber ich konnte ihr nicht zuhören. In Gedanken war ich komplett bei dem Weihnachtskonzert.

Das heute Abend stattfinden würde.

800 Kilometer von mir entfernt.

„Ist alles okay?“

„Ja. Ja, natürlich“, antwortete ich und stand aus meinem Bett auf. Ich ging ins Badezimmer, ohne mich noch einmal nach Marie umzudrehen.

Als ich in die Küche runterging, war ich erstaunt, dass die komplette ‚Familie’ da war. Nick schaufelte meine Schoko-Flakes in sich hinein, Maxi las Zeitung, Marie schnitt ein paar Früchte und Klaus und Mama deckten den Tisch.

„Guten Morgen, Schatz!“, begrüßte mich Mama überschwänglich.

Ich antwortete nicht, sondern ließ mich auf meinen Stuhl plumpsen.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!