Sonntag, 21. Dezember - Der Glaube an das Gute in der Menschheit.

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„Du bist tiefgründig, witzig und charmant. Aber weißt du, was ich am krassesten finde? Was ich niemals in meinen Kopf kriegen werde? Du bist der stärkste und der selbstloseste Mensch, den ich kenne. Du hast ein so – entschuldige bitte – beschissenes Leben. Aber du beißt dich durch. Du gibst nicht auf, und das ist das, was ich so sehr an dir bewundere, Tiger. Als ich dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich überhaupt nicht, was hinter diesem wunderschönen Gesicht steckt.“

Ich starrte weiterhin auf den Schnee, der auf der anderen Seite der Scheibe lag. Ich saß bei Lindners im riesigen Wintergarten. Ich korrigiere: ich saß zu Hause im Wintergarten. In meinem Zuhause. Ich musste das endlich in meinen Kopf reinkriegen.

Ich hatte heute Nacht geschlafen wie ein Stein. Ich wusste nicht, ob ich geweint hatte oder ob ich mich wie eine Tote kein Stück gerührt hatte. Ich wusste nur, dass ich momentan nichts fühlte. Mir ging es gut. Ich war wie ein Roboter. Ich funktionierte, aber ich war nicht lebendig. Ich war freundlich zu meinen Mitmenschen, ich brachte mich im Haushalt ein, was Mama natürlich ungemein freute, und ich verhielt mich normal. Zumindest fast.

Ich nahm wortlos die Tasse entgegen, die mir Marie hinhielt. Es war jetzt kurz vor Mittag. Ich zog die Decke, die ich auf meinem Schoß liegen hatte, etwas höher.

Marie setzte sich neben mich in einen der anderen Polsterstühle, aber ich konnte nicht zu ihr hinübersehen. Wahrscheinlich würde ich dann weinen. Immer wenn ich Marie oder Maxi ansah, fuhr mir ein Stich ins Herz. Wenn ich sie sah, musste ich immerzu an ihn denken.

„Willst du reden?“, erklang Maries helle, ruhige Stimme. Ich biss mir auf die Unterlippe und sah in die Teetasse. Ich schüttelte leicht den Kopf und schluckte schwer.

Marie sagte nichts mehr. Ich war froh und echt dankbar, dass sie meine Reaktion und Entscheidung respektierte. Sie drängte mich nicht dazu. Sie saß einfach nur still neben mir und leistete mir Gesellschaft.

Wahrscheinlich würde ich eh irgendwann von alleine anfangen zu reden.

Ich konnte hier einen Neustart starten, also warum sollte ich nicht auch an mir selber arbeiten und mich verändern? Ich sollte mit ihr reden. Ich sollte nicht immer alles in mich reinfressen.

Aber ob ich das konnte...

„Es tut so weh. Es tut so weh, Marie“, hauchte ich und schniefte einmal. Ihr Stuhl wurde über den Boden geschoben und im nächsten Moment spürte ich ihre Arme um meinen Körper. Ich ließ mich seitlich gegen sie sinken und schloss die Augen.

Der Schmerz durchflutete mich wie ein Gift.

Da hätten wir es wieder.

Das Gift.

Er war nicht gut für mich. Er verletzte mich, und ich musste ihn verlassen. Es war nicht gut. Das Ganze war nicht gut. Ich musste ihn vergessen. Schleunigst.

„Ich muss ihn vergessen“, sagte ich und richtete mich wieder auf. Ich strich mir über die Wangen und sah meine neue Schwester an.

Sie hatte besorgt die Augenbrauen zusammengezogen und musterte mich traurig.

„Es hat einfach keinen Sinn.“ Ich atmete einmal tief durch, bevor ich meine Erklärung startete. „Wir sehen uns wahrscheinlich nie wieder. Oder keine Ahnung wann. Von Hamburg nach München ist es kein Katzensprung. Und billig ist es auch nicht. Und außerdem hat er Lisa als Freundin, und ich werde nicht in ihre Beziehung pfuschen.“

„Er hat Lisa, dieses verlogene Stück“, unterbrach mich Marie mit finsterem Gesichtsausdruck. „Ich würde ihm das so gerne sagen!“

„Nein, du hast es mir versprochen, Marie. Du sagst nichts zu ihm. Das geht uns nichts an, was zwischen den beiden ist. Nur weil sie zu mir so eine Hexe ist, muss ich ja nicht gleich ihre Beziehung zerstören“, entgegnete ich ruhig.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!