Samstag, 20. Dezember [Part II] - Wie ein dunkler Engel.

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Mein Herz hüpfte schon wieder. Es tat so sehr weh.

Wie kam er hier rein?

Ich schälte mich mit Mühe und Not langsam aus meiner Bettdecke und tapste zur Tür.

Ach ja. Stimmt. Ich hatte ihm von der Tür im Keller erzählt. Von der Verbindungstür zwischen ihrer und unserer Doppelhaushälfte.

Ich drehte den Schlüssel herum und öffnete die Tür ein Stück.

Da stand er.

Wieder.

Wieder war er in mein Leben zurückgekommen, obwohl ich schon mit ihm abgeschlossen hatte (zumindest Kopf hatte mit ihm abgeschlossen gehabt). Das erste Mal Mitte der Woche. Das nächste Mal vor ein paar Stunden. Und jetzt war er schon wieder hier.

Ich trat wortlos einen Schritt beiseite, ohne irgendwie nachzudenken, und ließ ihn hinein. Ich drehte den Schlüssel wieder herum.

Als Dario auf mich zukam, wich ich ihm aus, drehte ihm den Rücken zu und ging wieder zu meinem Bett. Ich setzte mich darauf und starrte wieder in die Kerze.

Ich wurde innerlich gerade entzweigerissen. Einerseits wollte ich ihn hier haben, hier bei mir – und andererseits tat er mir so noch mehr weh, indem er immer wieder zu mir zurückkam und mich aber doch zurückließ und mir den Rücken zudrehte. Es spaltete mich und es war unbeschreiblich. So etwas Schreckliches, Schmerzhaftes hatte ich noch nie gespürt.

„Was willst du hier?“, fragte ich mit leiser Stimme. Sie war kaum hörbar.

Als er nicht antwortete, sah ich auf und erschrak ein wenig, als ich sein Gesicht direkt vor meinem sah. Er setzte sich neben mich auf mein Bett und nahm mein Gesicht zwischen seine Hände.

„Nein...“, hauchte ich und wich ein Stück nach hinten. Es zerriss mich innerlich so sehr. „Bitte, Dario...“

Ich presste die Lippen aufeinander und rutschte noch weiter von ihm weg, bis ich mit dem Rücken gegen den Bettpfosten stieß.

„Bitte nicht...“

Dario sackte ein wenig in sich zusammen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

„Was ist los, Paulina?“, fragte er und seine schwarzen Augen glitzerten im Kerzenschein. Was für ein Anblick. Wie ein dunkler Engel.

Ich sah im ganzen Zimmer herum, nur nicht zu ihm.

Was sollte ich sagen?

Am besten nichts.

Oder alles.

Ich würde ihn eh nie wieder sehen. Ich konnte alles sagen, denn es war eh egal.

„Ist doch egal“, antwortete ich und zuckte mit den Schultern. „Morgen früh bin ich eh wieder weg. Wieso hast du Lisa auf deiner Geburtstagsparty alleine gelassen? Sie wird bestimmt sehr sauer sein...“

„Das ist mir egal“, unterbrach er mich und rutschte wieder ein Stück zu mir her. „Mir ist es total egal. Das Einzige, an das ich gerade denken kann, bist du, Paulina. Ach, was sage ich. Das Einzige, an das ich überhaupt noch denken kann, bist du. Ich kriege dich nicht mehr aus meinem Kopf raus. So sehr ich mich auch bemühe und dich nicht beachte oder meide. Wenn ich bei Lisa bin, denke ich immer: Was würde Paulina jetzt wohl sagen? Sie hätte bestimmt wieder einen Spruch auf den Lippen. Denn Paulina ist nicht dieses Mauerblümchen, als das sie von jedem abgestempelt wird.“

Sein Blick hielt mich fest und ich spürte, wie die Tränen über meine Wangen liefen.

„Paulina ist ein Mensch wie kein anderer. Tiger, du bist der beste Mensch, den ich kenne. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Du bist so nett. So freundlich. Selbst zu Leuten, die du nicht magst – außer zu mir anfangs, aber das lag an mir. Du bist tiefgründig, witzig und charmant. Aber weißt du, was ich am krassesten finde? Was ich niemals in meinen Kopf kriegen werde? Du bist der stärkste und der selbstloseste Mensch, den ich kenne. Du hast ein so – entschuldige bitte – beschissenes Leben. Aber du beißt dich durch. Du gibst nicht auf, und das ist das, was ich so sehr an dir bewundere, Tiger. Als ich dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich überhaupt nicht, was hinter diesem wunderschönen Gesicht und der perfekt aufrechtgehaltenen Fassade steckt.“

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!