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Pen Your Pride

1. Kapitel

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Ich lief so schnell ich konnte hinter Giulio her. Er war einer dieser nervigen kleinen Brüder, die immer dierekt beleidigt waren, wenn man irgendetwas sagte. Auch wenn er erst neun war, hatte ich das Gefühl, er sei bereits in der Pubertät. So führte er sich manchmal auch auf.

"Giulio! Du weißt doch, dass du dich nicht so aufregen sollst!", rief ich, während ich ihn allmählich einholte. Augenblicklich blieb er stehen und legte die Hand auf die Brust. Dabei schloss er die Augen und nahm tief Luft.

"Stimmt. Danke, dass du mich daran erinnert hast." Bei diesen Worten wirkte er so erwachsen. Erwachsener als ich. Er lächelte und setzte sich auf eine Parkbank. Während ich mich neben ihn setzte reichte ich ihm seine Medikamente. Ein angeborener Herzfehler. Damit war er bestraft. Nie konnte er das tun, was andere Jungs in seinem Alter taten. Nie konnte er auf den Fussballplatz gehen, um dort mit seinen Freunden zu spielen. Nie konnte er im Sport Preise gewinnen. Und er wird nichts von all dem irgendwann tun können. Kurz nach Weihnachten würde er sterben. Das stand fest. Niemand konnte es ändern.

"Komm, lass uns nach Hause gehen.", flüsterte ich und half ihm auf.

°°°

Ich warf meine Jacke auf das Bett und setzte mich sofort an den PC. Direkt öffnete ich das Schreibprogramm, um Bericht zu erstatten. Jeden Abend musste ich den Tagesablauf meine Bruders an unseren Hausarzt schicken, damit er, wenn etwas mit Giulio nicht stimmte, helfen konnte. Dr. Janssen hatte uns schon in so vielen Situationen geholfen. Wir waren ihm sehr dankbar.

Doch mitten im Schreiben rief Giulio mich plötzlich. Sofort stand ich auf und lief in sein Zimmer.

Da lag er in seinem Bett, eingewickelt in der Decke und dem MP3-Player in der Hand.

"Meine Finger zittern." Mit diesen Worten hielt er mir die Hand entgegen. Als ich sie nahm, erschrak ich. Sie zitterte so stark, wie bei einem Erdbeben. Ich musste etwas tun. Mama war noch auf der Arbeit, Papa mit seinen Freunden irgendwo unterwegs.

"Halte durch!" Schnell gab ich ihm einen Kuss auf die vor Schweiß triefende Stirn.

Sofort schlitterte ich durch die Wohnung zu dem Telefon und wählte die Nummer vom Notarzt.

"Mein Bruder bekommt keine Luft!" Ich schrie so laut wie nie. Dicke Tränen kullerten mir die Wangen herunter, sodass mein komplettes Sichtfeld verschwamm. In Windeseile raste ich zurück zu Giulio, der mittlerweile wie wild nach Luft schnappte und am ganzen Körper zitterte.

"Bitte, Giulio! Nicht aufgeben!" Tausend Mal strich ich ihm über das rabenschwarze Haar, drückte seine Hand an meine Brust und küsste ihm die Stirn.

Als der Krankenwagen ankam hatte mein Bruder die Augen bereits geschlossen und ich einen totalen Nervenzusammenbruch. Ich schrie, weinte. Ich durfte nicht mitfahren, musste eigenständig ins Krankenhaus. Mein Bruder brauchte mich! Ich konnte ihn nicht allein lassen! Mama konnte frühstens in 'ner Stunde ins Krankenhaus kommen. Wie konnten diese Vollidioten mich da nicht mitfahren lassen?!

Ich sah ihnen noch zu, wie sie Giulio eine Atemmaske anlegten, ihn an Schläuche anschlossen und ihn auf der Bare in den Wagen schoben, dann stieg ich in meinen Mercedes und fuhr so schnell es ging hinterher, ohne auf das erlaubte Tempo oder den Verkehr zu achten.

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