Ich stehe nicht auf.

Ich stehe nie wieder auf.

Nie, nie, nie wieder.

Ich stehe nicht auf.

Niemals.

Niiiiiemaaaals!

Manchmal war ich schon ein wenig theatralisch und hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank, auch wenn es nur in meinem Kopf war. Wie gerade im Moment. Aber ich wollte nicht aufstehen. Ich wollte mich nicht meinem Leben stellen. Einem Leben ohne mein Zuhause, ohne mein Auto, ohne meine Freunde, ohne meine Schule und...

...ohne Dario.

Ich saß mit dem Rücken gegen das Kopfende gelehnt in meinem riesigen Bett und lehnte den Hinterkopf gegen die Wand. Ich starrte an die Decke, und irgendwie starrte ich auch nicht an die Decke. Seit gestern fühlte ich mich...taub. Als könnte ich nichts mehr wahrnehmen. Als hätte meine Haut keine sensorische Fähigkeit mehr, als hätte mein Hirn die Fähigkeit verloren, Gefühle zu erkennen und mich spüren und fühlen zu lassen.

Ich wusste, dass mich der Schmerz überwältigen würde.

Aber natürlich kam ich vor meiner - wie nannte man das? - Stiefschwester in Spe? (haha, dazu musste es Klaus erst einmal mit Mama aushalten) nicht davon.

Gerade klopfte es an der Tür.

Wenn man vom Teufel sprach.

„Paulina? Bist du wach?", hörte ich Maries Stimme. Ich fand es wirklich schrecklich, dass sie so nett war. Ich würde mir wirklich leichter tun, wenn sie ein Kotzbrocken wäre und nicht so ein Engelchen, das ich sofort süß und sympathisch fand.

Ich musste zugeben, ich bewunderte die Zwillinge. Ich glaube, ich an ihrer Stelle wäre total ätzend zu anderen Jugendlichen, die einfach bei mir zu Hause einziehen würden, ohne dass ich gefragt wurde. Ich würde Mama den Vogel zeigen, ihnen die Hölle auf Erden bereiten und die beiden wieder rausekeln. Aber Marie und Maxi machten nichts davon. Sie waren total lieb und hatten mir nichts getan.

Ich krabbelte also aus meinem Bett, um Marie einen Gefallen zu tun, und ging zur Zimmertür rüber (wofür ich eine halbe Ewigkeit brauchte, weil sie so weit von meinem Bett entfernt war).

„Guten Morgen, meine Liebe", begrüßte mich Marie lächelnd.

„Hey", sagte ich und schenkte ihr ebenfalls ein kleines Lächeln.

„Hast du gut geschlafen in deinem neuen Bett?", erkundigte Marie sich und ich nickte.

„Ja, schon ganz gut, danke..."

„Ich bin unten in der Küche, okay? Komm einfach runter zu uns, wenn du fertig bist, Maxi und ich warten mit dem Frühstück auf dich."

Sie lächelte ein letztes Mal und verschwand die riesige Marmortreppe nach unten.

Ich ging erst einmal unter die Dusche und ließ mir bei allem schön viel Zeit. Ich widerstand der Versuchung, mir die Badewanne einzulassen, die einen integrierten Whirlpool hatte. Aber lange würde es nicht mehr dauern, bis ich den ausprobierte.

Als ich in die Küche runterkam, lief das Radio in voller Lautstärke und Marie sang gut gelaunt mit. Sie hatte eine wunderschöne Stimme, die eindeutig schon Gesangunterricht gehabt hatte, das hörte ich mit meinen Musikerohren sofort. Ich beobachtete die Zwillinge für einen Moment von der Tür aus. Es war total süß, sie arbeiteten Hand in Hand, es war, als würden sie per Gedanken kommunizieren. Wenn Marie die Hand ausstreckte, ohne etwas gesagt zu haben, hatte Maxi die Eier schon bereit und gab sie ihr, damit sie die in die Pfanne hauen konnte.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!