Mittwoch, 17. Dezember - Was für ein Start in meiner „neuen Familie".

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„Paulina! Jetzt komm endlich!“

Ich reagierte nicht. Ich reagierte überhaupt nicht mehr auf das, was meine Mutter zu mir sagte. Sie konnte mir gestohlen bleiben.

Ich spürte die Schneeflocken nicht, die sich auf meine Haut legten. Sie schmolzen auf meinem Gesicht und liefen meine Wangen wie Tränen hinunter. Gut. Denn inzwischen war ich leergeweint.

Sogar die Natur verstand, wie sehr ich litt.

Ich stand an unserem Gartentor und blickte unsere Doppelhaushälfte an. Sie war immer der Ort gewesen, der mir Halt gegeben hatte. Die einzige Konstante in meinem Leben.

Ich musste mich damit abfinden, dass ich nicht mehr hier wohnen würde. Dass ich auch nicht mehr zurückkommen würde. Es hatte keinen Zweck, mir weiter einzureden, dass ich am Montag wieder normal in die Schule hier gehen würde.

Hallo, Hamburg. Tschüss, München.

Ich atmete tief durch, um die Tränen zurückzuhalten. Ich hatte heute Morgen mit meinem Onkel gesprochen, der mir versprochen hatte, dass er sich um mein Auto kümmern würde.

„Ich habe einen Arbeitskollegen, der eine Scheune hat“, hatte er gesagt. „Da kann ich es bestimmt unterstellen.“

Na, immerhin etwas.

Natürlich hatte ich darüber nachgedacht, dass ich bei ihm wohnen könnte. Aber ich war einfach niemand, der sich durchsetzen konnte... und der Streit heraufbeschwören wollte – denn ich wollte lieber nicht wissen, wie Mama ausflippen würde, wenn ich ihr verkünden würde, dass ich jetzt bei Chrissy auf der Couch wohnte. Ich hatte eh schon keine intakte Familie, ich wollte den zerbrochenen Teil nicht noch mehr zerstören...

Und vielleicht war es ja auch besser so. Weg hier. Neu anfangen.

– Hah, ich konnte mich schon immer gut selber anlügen...

Ich drehte mich um und ging langsam auf den Umzugs-LKW zu, in dem der Freund von Klaus schon saß, der unseren Kram nach Hamburg fuhr, neben ihm ein gut gelaunter Nick, der sich auf sein neues Leben in Hamburg freute. Ich wünschte, ich wäre auch noch elf und könnte mich so sehr freuen.

Mama würde hinter uns in ihrem Auto herfahren. Wir hätten auch bei ihr mitfahren können, aber ich würde lieber barfuß im Dezember nach Hamburg laufen als mich für einen halben Tag mit ihr zusammen in ein Auto zu setzen. Und Nick wollte schon immer einmal in einem LKW mitfahren, also musste unsere Mutter wohl alleine fahren.

Pech gehabt.

Klaus selber blieb noch bis Samstag in München, weil er geschäftlich anscheinend hier zu tun hatte. So hieß es zumindest.

Der LKW-Fahrer, Klaus’ Freund, war ganz nett, aber trotzdem wollte ich mich nicht mit ihm unterhalten. Kaum, dass ich auf meinem riesigen Sitz saß, stopfte ich mir die Ohrstöpsel in die Ohren und beamte mich in eine bessere Welt. In eine, in der ich nicht einfach wie ein kleines Pflänzchen aus der Sonne gerissen und in den Schatten gesetzt wurde, wo ich niemals Wurzeln schlagen würde.

In eine Welt, in der mich nicht ein Junge küsste und ich danach aus seinem Leben verschwinden musste. Und er aus meinem. Ich schloss die Augen und spürte immer noch Darios warme Lippen auf meinen. Sein Atem an meinem Hals, als er geweint hatte. Seine Arme, die mich fest umschlungen und nach Halt suchten.

Ich atmete einmal tief durch. Es tat so weh. Es schmerzte alles so sehr...

***

„Pau, wir sind da.“

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!