Ich saß bis tief in die Nacht in meinem Zimmer auf dem Boden und spielte Geige. Ich hatte meine Zimmertür hinter mir abgeschlossen, sodass niemand hineinkommen konnte. Mama klopfte ein paar Mal, aber ich ignorierte sie.

Um kurz vor halb zwei taten mir die Arme so weh, dass ich aufhörte. Als der letzte Ton verklungen war, kehrte die Leere in mich zurück, die die Musik vertrieben hatte. schnell stopfte ich mir meine Ohrstöpsel in die Ohren. Ich öffnete Whatsapp und tippte eine Nachricht an Dario.

‚Hey, ich gehe morgen (bzw. heute) nicht in die Schule, du musst den Bus nehmen, sorry. Ich wünsche dir einen schönen Tag, Paulina.’

Mann, klang das beschissen, aber das war mir egal. Das war meine kleinste Sorge momentan.

***

Der Tag zog an mir vorbei wie ein Film über eine Leinwand. Er berührte mich kein wenig. Ich stand nicht aus meinem Bett auf. Ich hörte weg, wenn meine Mutter vor meiner Zimmertür stand und mit mir reden wollte. Sie versuchte es mit allen Mitteln. Mit Schreien, mit Betteln, mit Drohungen – aber das war mir egal. Bis mittags kam ich nicht aus meinem Zimmer.

Ich stand unter Schock. Ich lag in meinem Bett und alles, was ich tat, war atmen und blinzeln.

Sie konnte mich nicht nach Hamburg schleppen. Ich machte in einem halben Jahr Abitur. Ich konnte nicht von dieser Schule weg. Ich musste auf diesem Musikgymnasium bleiben, wenn ich irgendwo aufgenommen werden wollte. Ich konnte hier nicht weg.

Natürlich fing mein Hirn an, sämtliche Fluchtpläne zu schmieden, aber ich wusste tief in meinem Inneren, dass ich erstens nicht gegen meine Mutter ankommen würde und zweitens nicht genug Mumm hatte, dass ich ihr so sehr widersprach und hierblieb. So war ich einfach nicht. Ich hatte ja jetzt schon ein schlechtes Gewissen, dass ich sie gestern so angeschrien hatte.

Auch wenn es natürlich mehr als berechtigt war, ich weiß.

Siedend heiß fiel mir jetzt ein, dass ich bis morgen eigentlich einen Partner für das Weihnachtskonzert finden musste.

Ich schloss die Augen. Gut, das konnte ich mir dann wohl doch abschminken. Komplett.

Was würde mit diesem Haus passieren? Würde Mama es verkaufen? Oder würde es leer stehen. Wenn man es einmal so betrachtete, würde Mama wahrscheinlich eh nicht lange in Hamburg bleiben. Sie gehörte genauso in dieses Haus wie Nick und ich, da konnte man sagen, was man wollte.

Wenn sie dieses Haus verkaufen würde, würde ich nie wieder in meinem Leben mit ihr sprechen, das schwor ich mir.

Mein Leben war der reinste Scherbenhaufen. Alles, was ich hatte, war ... nichts.

Ich hatte nichts.

Jetzt hatte ich nicht einmal mehr ein Zuhause.

Gegen zwei Uhr krabbelte ich dann doch aus meinem Bett und schloss langsam meine Zimmertür auf. Ich stellte mich unter die Dusche und versuchte, die Umzugskartons, die im ganzen Haus verteilt waren, zu ignorieren.

Als ich in die Küche kam, strahlte Mama mir entgegen, als wäre die Welt heile und wir die allerbesten Freundinnen.

„Schön, dass du doch noch zur Vernunft gekommen bist“, lächelte sie und ich biss die Zähne fest aufeinander.

„Du musst nur das Wichtigste mitnehmen. Klaus’ Haus ist schon möbliert.“

„Was passiert mit diesem Haus?“, überwand ich mich jetzt doch, zu fragen.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!